Süddeutsche Zeitung

Radprofi Marcel Kittel:Der Kaiser ist erschöpft

  • Radprofi Marcel Kittel - 14-facher Etappensieger bei der Tour de France - gab am Donnerstag bekannt, dass er auf eigenen Wunsch seinen Vertrag mit dem Team Katjuscha aufgelöst habe.
  • Er fühle sich seit zwei Monaten erschöpft und werde auf unbestimmte Zeit pausieren, auf jeden Fall für den Rest der Saison.
  • "Momentan kann ich nicht auf höchstem Niveau trainieren und Rennen fahren", so Kittel.

Anfang März, da wussten sie in seinem Team schon, dass irgendwas nicht stimmt. Marcel Kittel war gerade bei der Tour durch die Arabischen Emirate unterwegs, die Radprofis mussten ein paar giftige Anstiege erklimmen, aber nichts, was einen Könner wie Kittel in große Probleme stürzen sollte. Und seine Saison hatte ja gerade verheißungsvoll begonnen, Blut- und Fitnesswerte in den Trainingscamps waren vorzüglich gewesen, im Februar hatte er auf Mallorca eine Sprintankunft gewonnen. Man spürte damals aus der Ferne die Erschütterungen, als ihnen bei Kittels Arbeitgeber Katjuscha-Alpecin die Sorgen von den Schultern plumpsten. Das Jahr davor war ja durchaus turbulent verlaufen, vor und hinter den Kulissen.

Aber nun: Fuhr Kittel wieder so, als sei fast alle Zuversicht aus diesem Hünen entwichen wie Luft aus einem löchrigen Ballon. Er war mit dem Renntempo überfordert, wirkte ratlos. Ausgerechnet er, der immer eloquent auftritt, die blonden Haare immer perfekt gezähmt, das Gemüt voller Optimismus - auch wenn es gerade nicht viel gab, was ihm Hoffnung spendete.

Am Donnerstag, zwei Monate und einige Tiefschläge später, setzte Kittel dann ein Kommuniqué in die Welt, das wie ein Paukenschlag daherkam und doch fast erwartbar klang: Er habe seinen Vertrag mit Katjuscha aufgelöst, auf eigenen Wunsch, teilte der 30-Jährige mit. Er fühle sich seit zwei Monaten erschöpft und werde auf unbestimmte Zeit pausieren, auf jeden Fall für den Rest der Saison: "Momentan kann ich nicht auf höchstem Niveau trainieren und Rennen fahren." Das klang nicht nach den branchenüblichen Malaisen, nach gebrochenen Schlüsselbeinen oder verstauchten Rippen. Das klang nach Problemen, die tiefer wurzeln. Was Kittel auch indirekt mit dem Satz bestätigte, den er ans Ende seiner Mitteilung heftete. "Dies ist die größte Herausforderung meiner Karriere", stand dort, "und ich nehme sie an."

Die Probleme begannen vor einem Jahr

Für Kittel endet damit fürs Erste eine schmerzhafte Entwicklung: von einem der größten Hingucker des Pelotons, der bei der Tour de France vor zwei Jahren bei fünf Sprintankünften triumphierte, zu einem, der sich immer mehr von seinem dominanten Selbst entfremdete. Die Probleme begannen vor einem Jahr; Kittel wechselte von Quick-Step, das lieber auf jüngere Sprinter wie Gaviria und Viviani setzte, zu Katjuscha. Das einstige russische Prestigeprojekt wollte nach diversen Dopingfällen mit neuer Führung und Profis wie Tony Martin und Kittel eine glaubwürdigere Epoche prägen. Doch das Jahr begann zäh, Kittels neue Kollegen zogen ihn in den Sprints oft nicht in die richtige Position, und wenn sie es doch taten, kam ihr Kapitän selten in Schwung. Bei der ersten Tour-Etappe wurde er noch Dritter, danach verwelkte seine Form, zur Hälfte der Rundfahrt überschritt er in den Bergen das Zeitlimit. Kurz davor hatte ihn Sportdirektor Dmitri Konischew öffentlich angezählt: Kittel werde fürstlich entlohnt, spiele während der Teamsitzung aber lieber am Handy. Konischew ruderte später zurück, doch da war viel Vertrauen bereits zertrümmert.

Sprintankünfte funktionieren meist nach dem selben Schema, die Kapitäne lassen sich von ihren Anfahrern an die Spitze ziehen, dann stürzen sie sich allein in den Wind. Die meisten halten ihren Speed bis zu 15 Sekunden, Kittel schafft an guten Tagen knapp 20. So gewann er 14 Etappen, mehr als jeder andere Deutsche, bei der Tour, wo sie ihn "Le Kaisöööör" riefen. Doch wenn Kittels Beine oder der Kopf oder beides schwer wurden, kippte seine Form schnell ins Gegenteil.

Und nun? Nach dem ernüchternden Trip in die Emirate ging es in dieser traurigen Tonart weiter. Kittel war chancenlos bei Eintagesrennen wie dem Scheldeprijs, den er zuvor fünfmal gewonnen hatte. Der ehemalige Radprofi Jurgen Van Den Broeck lästerte im belgischen TV, Kittel trinke "zu viel Bier und Wein". Der Beschuldigte und sein Umfeld wiesen das empört zurück, aber Kittel spürte auch, dass die Ungeduld in seinem Team nicht gerade abebbte. Teamchef Alexis Schoeb, ein Jurist aus Genf, gilt als impulsiv; vor zwei Jahren verkrachte er sich mit Kittels Vorgänger Alexander Kristoff, weil der Norweger nicht abnehmen wollte. Mit Kittel sollte alles besser werden, tatsächlich wirkte nicht nur der Deutsche bei Katjuscha zuletzt ein wenig ratlos. Fast das ganze Team, ausgestattet mit Profis aus 14 Nationen und einem der höchsten Etats im Peloton, sucht bis heute seine Rolle.

Dieses nervöse Umfeld und der verunsicherte Kittel, das war wohl nicht die beste Allianz, und es spricht für Kittel, dass er seinen Unmut darüber meist für sich behielt. Der 30-Jährige leide auch nicht an einem Burnout, sagte sein Manager Jörg Werner am Donnerstag auf Anfrage. "Aber Körper und Geist spielen ja immer zusammen", so Werner, und bei Kittel, der sich nicht nur über seinen Sport Gedanken macht, beeinflusse das Mentale die Leistung nun mal intensiver als bei anderen Profis. Kittel wirft sich mittlerweile seit knapp zehn Jahren immer wieder in chaotische Sprints bei Tempo 70, das hinterlässt Spuren. Er sei optimistisch, dass sein Schützling noch mal zurückkomme, sagte Werner, aber die Frage, die Kittel umgibt, ist jetzt größer als der Alltag, als chaotische Sprints oder lästernde Sportchefs. Jetzt geht es darum, ob es den Radprofi Marcel Kittel überhaupt noch mal geben wird.

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SZ vom 10.05.2019/chge
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