Marathon "Sucht jemand nur noch nach Anerkennung, kann es gefährlich werden"

Langstreckenläufe können für Hobbyläufer zum Problem werden (im Bild eine Szene vom Berlin Marathon)

(Foto: Nordphoto/Imago)
  • Mit bis zu 23 000 Teilnehmern rechnen die Veranstalter des München Marathons in diesem Jahr, mehr als 5500 davon wollen die volle Distanz bestreiten.
  • Mediziner freuen sich grundsätzlich über die Begeisterung fürs Laufen, doch es gibt auch Risiken des Hypes.
Von Nico Horn

Wer sich am Sonntag gegen 12 Uhr irgendwo entlang der Ludwigstraße platziert, wird dort vor allem gequälte, verschwitzte und bedenklich rote Gesichter zu sehen bekommen. Wahrscheinlich werden die Zuschauer auch den Sieger des 33. München Marathons erblicken - aber nur kurz, denn flotten Fußes wird die Spitzengruppe in Richtung Olympiapark abbiegen. Viel Geduld braucht dagegen, wer auch mal fröhlich dreinblickende Läufer sehen möchte. Für die 42,195 Kilometer lange Strecke brauchen die Hobbysportler zwar mitunter mehr als 6:30 Stunden, sie wirken dafür aber meist weniger angestrengt als die vier Stunden schnelleren Topathleten.

"Ich freue mich immer über die gut gelaunten Läufer am Ende des Feldes", sagt Dr. Tobias Freyer, Psychiater und Ärztlicher Direktor der Parkklinik Wiesbaden Schlangenbad. Freyer beschäftigt sich mit dem Einfluss von Sport und Bewegung auf die Psyche eines Menschen, weshalb er Veranstaltungen wie den München Marathon genau im Blick hat. Er freut sich über die stetig steigenden Teilnehmerzahlen der City-Läufe, für die hauptsächlich die Breitensportler in den "bunten Shirts" verantwortlich sind. Bewegungstherapie hält Freyer auch für einen unterschätzten Aspekt in der Behandlung von Depressionen. Gleichzeitig weiß der Facharzt um die oft unbeachteten Risiken des Hypes ums Laufen.

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Mit bis zu 23 000 Teilnehmern rechnen die Veranstalter des München Marathons in diesem Jahr, mehr als 5500 davon wollen die volle Distanz bestreiten. Der Rest probiert sich an Halbmarathon, Zehn-Kilometer-Lauf oder Staffel. "Sport ist natürlich erst mal gesund", sagt Freyer. Gleichzeitig sei ein Marathon "eine sportliche Herausforderung, die man professionell planen sollte". Ansonsten führe eine beständig zu intensive Belastung schnell zu Übertraining. Die Leistung nimmt dann ohne erkennbaren Grund ab. Später könnten aus diesem dauerhaften Erschöpfungszustand psychische Erkrankungen folgen.

"Die meisten Breitensportler haben im Training keine qualifizierte Unterstützung", sagt Freyer. "Sie vertrauen stattdessen auf Ratgeber aus dem Internet." Manche Anfänger überschätzten sich, unterschätzten jedoch zusätzliche Stressfaktoren wie den Beruf oder familiäre Verpflichtungen. In der Folge könne es zu Depressionen, Magersucht oder einer Abhängigkeit von leistungssteigernden Substanzen kommen. Der Ehrgeiz der Amateursportler ist laut Freyer nicht grundsätzlich schlecht, bei zu hohen Ansprüchen werde es aber schwieriger, eine gesunde Balance zu halten. Die Szene staunte ja nicht schlecht, als Tests beim München Marathon, der sich doch eher an Breitensportler wendet, 2016 gleich zwei Frauen des Dopings überführten, die Siegerin und die Zweitplatzierte. Der Psychiater empfiehlt, die eigenen Motive für das Laufen zu hinterfragen: "Sucht jemand nur noch nach Anerkennung, kann es gefährlich werden."

Auch Dr. Roger Hofmann kennt sich mit den Extrembelastungen eines Marathons aus. Als Rennarzt hat er es hauptsächlich mit physischen Erkrankungen zu tun, oft betreffen sie das Herz. Seit 2003 betreut er den München Marathon, in dieser Zeit mussten drei Sportler reanimiert werden. "Meistens gibt es eine Vorgeschichte zu den Herzproblemen, zum Beispiel eine Erkrankung", sagt Hofmann. Der Darmstädter fordert einen verpflichtenden Gesundheitscheck vor der Teilnahme an Langstreckenläufen: "Mindestens ein EKG sollte jeder vor dem Start machen lassen", findet er. Noch besser wäre ein EKG bei voller Belastung. In der Mehrzahl der Fälle ließen sich Risikofaktoren so erkennen.

Die wenigsten gehen freiwillig zum Arzt

In anderen europäischen Ländern sind solche Gesundheitszertifikate längst Normalität. Hierzulande sperren sich die Veranstalter großer City-Marathons gegen die Checks, der zusätzliche Aufwand könne viele Freizeitathleten abschrecken, argumentieren sie. Doch nur die wenigsten gehen freiwillig zum Arzt. Auch deshalb läge es wohl an den Veranstaltern, neue Bedingungen zu schaffen. Schließlich möchte man einen Fall wie den des griechischen Boten Pheidippides vermeiden, der der Legende nach so schnell er konnte von Marathon nach Athen rannte, um vom Sieg der Griechen gegen die Perser zu künden, danach aber tot zusammenbrach.

In München ist wenigstens während des Marathons für eine gute notärztliche Betreuung gesorgt. Genau wie Freyer betont aber auch Rennarzt Hofmann die positive Wirkung des Laufens. Wie nah man dabei der eigenen Belastungsgrenze kommt, sollte jedoch gut überlegt sein. Die glücklicheren Gesichter sieht man auf der Strecke meist eh knapp vor dem Besenwagen.

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