Marathon-Siegerin Keitany Ahnungslos schnell

Gleich rennt sie allen davon: Mary Keitany (Mitte) auf der Queensboro Bridge, etwa bei Hälfte der Strecke.

(Foto: Andres Kudacki/AP)

Erst bummeln, dann fast sprinten - wieder ist die Kenianerin Mary Keitany in ihre spontane Renngestaltung verfallen. In New York hat sie nun dennoch mit großem Abstand gewonnen.

Von Johannes Knuth, New York/München

Wenn man die Marathonläuferin Mary Keitany nach ihren Zeiten fragt, zum Beispiel, warum sie den letzten Kilometer ihres vorvorletzten Marathons eigentlich am schnellsten von allen Kilometern gerannt sei, erntet man erst mal Staunen. Ach, echt? Das habe sie nicht gewusst, behauptet sie dann. Wie sie das angestellt habe, könne sie leider auch nicht erklären. Sie gehorche nun mal keinem ausgefeilten Plan. "Ich höre nur auf meine Erschöpfung", hat Mary Keitany aus Iten, Kenia, in einem Interview einmal erzählt, und so unglaublich das für eine Läuferin von Weltformat klingen mag: Es funktioniert.

Am Sonntag erst wieder, bei der 48. Auflage des Marathons in New York. Da gewann die 36-Jährige das Rennen der Frauen in 2:22:48 Stunden, 17 Sekunden über dem Streckenrekord, dafür mit einem Lauf, den es so wohl noch nie gab. Keitany brachte die erste Hälfte in 75:50 Minuten hinter sich, ein gemütliches Tempo für ihre Standards, aber dann: Überbrückte sie Kilometer 25 bis 30 in rasenden 15:19 Minuten, die Kilometer 25 bis 35 gar in 30:53. Keitany benötigte für die zweite Hälfte des Marathons letztlich 66:58 Minuten - eine Minute weniger als Uta Pippig bei ihrem deutschen Halbmarathon-Rekord, wobei Pippig damals halt nicht schon 21 Kilometer in den Knochen hatte. Das alles schaffte Keitany am Sonntag bei einem der schwersten Marathons überhaupt, den sie so liebt wie keinen anderen: mit den engen Kurven in der Bronx und den giftigen Hügeln im Central Park, wo man schon die aufgekratzte Stimme des Moderators im Ziel hören kann. Die meisten späteren Sieger setzen dort ihre finale Attacke, so wie der Äthiopier Lelisa Desisa, der am Sonntag zum ersten Mal in New York gewann, mit der zweitbesten jemals dort gelaufenen Zeit (2:05:59). Als Keitany im Central Park eintraf, hatte sie das freilich nicht mehr nötig. In ihrem Windschatten befand sich längst niemand mehr, den sie abhängen konnte.

Ihre Konkurrentinnen überboten sich dafür mit Elogen auf die nun viermalige New-York-Siegerin. "Holy crap", entfuhr es der Amerikanerin Des Linden, die im Frühjahr in Boston triumphiert hatte. Frei übersetzt: Nicht ganz schlecht. "Ich weiß nicht, wie man so einer Attacke etwas entgegensetzen kann", assistierte Shalane Flanagan, die Vorjahressiegerin, die diesmal in 2:26:22 Stunden Dritte wurde, hinter der Kenianerin Vivian Cheruiyot (2:26:02): "Die Art, wie Mary ihr Können am Ende eines Rennens abruft und die Konkurrenz zerschmettert, ist unglaublich", sagte Flanagan. Keitany hatte früher immer wieder mit ihrer impulsiven Renngestaltung Aufsehen erregt; vor einem Jahr absolvierte sie die erste Hälfte in London in 66:54 Minuten, kämpfte auf der zweiten Hälfte ums Ankommen, was aber immer noch für 2:17:01 Stunden reichte - bis heute die zweitbeste Zeit hinter Paula Radcliffes unwirklichem Weltrekord (2:15:25). In New York präsentierte Keitany sich geläuterter: "Ich wollte es am Anfang nicht übertreiben, damit ich am Ende nicht leiden muss." Sie habe nur ein schönes Rennen erleben wollen, sagte sie, "a very nice race".

So unerbittlich die 36-Jährige im Rennen auftritt, so zurückhaltend ist sie daneben. Sie redet leise, mit dem weich gerollten "rrr" der Kenianer, sie fällt nicht unbedingt auf mit ihren 1,58 Metern, aber die Statistiken sprechen auch so für sie. Keitany gewann ihren ersten großen Marathon vor sieben Jahren in London, seitdem siegte sie zweimal dort, viermal in New York, bei Olympia 2012 wurde sie Vierte. Zwischendrin wurde sie zweimal Mutter. "Sie wird in jedem Fall als eine der größten Marathonläuferinnen in die Geschichte eingehen", beschloss Flanagan am Wochenende; in einer Reihe also mit Radcliffe, Catherine Ndereba und Grete Waitz. Und nun?

Keitany hat sich früh dem lukrativen Straßenlaufgewerbe verschrieben, 2007 gewann sie ihren ersten Halbmarathon. Ihre Vita wirkt wie eine dieser typischen kenianischen Läuferbiografien, mit dem einfachen, harten Leben in der Höhe von Iten und einer Beziehung zum Laufen, die das US-Magazin New Yorker einmal "die Kraft der Ahnungslosigkeit" nannte. Wo andere Läufer an Schuhen, Getränken und Kleidung tüfteln wie an einem Formel-1-Auto, vertraut Keitany auf Instinkt. Wo andere Herzfrequenzen und Durchgangszeiten messen, hört sie auf ihr Gefühl. Der Journalist Adharanand Finn, der 2011 das Training von Keitany und anderen Athleten beobachtete, schrieb anschließend in seinem Buch: "Niemand führt hier ein Trainingsbuch oder zählt seine Kilometer", das übernehmen die Trainer. Und: "Jede Einheit ist vergessen, sobald sie beendet ist."

Mittlerweile sind längst auch andere Wahrheiten hinter der ostafrikanischen Laufdominanz aufgetaucht. Mehr als 40 Kenianer wurden in den vergangenen vier Jahren positiv auf Doping getestet, darunter die dreimalige Boston-Siegerin Rita Jeptoo, Jemimah Sumgong, Siegerin des olympischen Marathons 2016, und 1500-Meter-Olympiasieger Asbel Kiprop. Im vergangenen Mai wurde Michael Rotich in Kenia angeklagt, der Teammanager bei den Spielen 2016; er soll Athleten vor Dopingtests gewarnt und Dopingpraktiken überwacht haben. Immerhin: Die World Marathon Majors, der Verbund der größten Marathons, unterhält längst ein eigenes Testprogramm, und die Welt-Anti-Doping-Agentur, die Kenias Sport seit einer Weile mit einer eigenen Taskforce durchleuchtet, erkannte Kenias erstes Anti-Doping-Testlabor in Nairobi Ende August offiziell an. Die erste wichtige Etappe auf dem langen Weg zu mehr Glaubwürdigkeit.

Vielleicht ist es da keine schlechte Idee, dass sich Keitany mit noch größeren Projekten zurückhält. An den Weltrekord etwa "denke ich gerade gar nicht", sagte sie in New York. Sie wolle jetzt erst mal ihr "very nice race" genießen.