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Marathon:"Eine lange Reise"

Erfrischung fuer Visiline JEPKESHO (KEN/ 15.Platz) Finale Marathon der Frauen, am 27.09.2019 Leichtathletik Weltmeisters; Visiline

Eine Erfrischung für Visiline Jepkesho – bei der Leichtathletik-WM im September 2019 in Doha/Katar belegte sie im Marathon Platz 15.

(Foto: Anke Waelischmiller/Sven Simon/imago)

Der Dokumentarfilm "Run like a girl" begleitet Visiline Jepkesho aus Kenia auf der Suche nach einem besseren Leben für ihre ganze Familie.

Von Johannes Knuth

Eine der schönsten Szenen dieses Films wartet gegen Ende, wie das Glücksgefühl nach einem langen, erfüllten Dauerlauf. Gerade, als man sich an die herzliche, aber auch etwas unverbindliche Art der Hauptdarstellerin gewöhnt hat, stößt sie den Vorhang vor ihrem Gemüt kräftig zur Seite: "Ich lächele oft, damit die Leute nicht sehen, wie es mir wirklich geht", sagt Visiline Jepkesho im warmen Vibrato des kenianischen Englisch: "Ich weine oft heimlich, aber das ist doch normal. Ich mache das, damit alles aus meinem Herzen rauskommt", sie meint: die Freude und Trauer einer Marathonläuferin.

Man kennt afrikanische Läufer oft als wortkarg, bei den großen Meisterschaften wie den vielen kleinen Läufen in der Provinz, wo sie um ein paar hundert Euro rennen. Selten kommen die Geschichten hinter den ernsten Masken zum Vorschein. Die dänische Regisseurin Katrine W. Kjaer hat in ihrem Dokumentarfilm "Run like a girl", der zuletzt beim Münchner Dok.fest gezeigt wurde und bald auch im Netz verfügbar sein soll, eine dieser Geschichten gehoben: Sie hat die Kenianerin Visiline Jepkesho begleitet, die etwas wagt, das in Afrikas konservativen Gesellschaften erst allmählich zur Normalität wird: In ihrer Familie will nicht der Mann die Familie durchs Laufen in ein besseres Leben führen, sondern die Frau.

Am Anfang des Films sieht man oft, wie Jepkesho ihr unverbindliches Lächeln lächelt, das auch Unsicherheit und Sorgen verhüllen soll. "Es hatte eine wirklich schreckliche Kindheit", sagt sie, als sie ihr Elternhaus besucht, die Lehmhütte, das enge Zimmer, in dem sie mit zwei ihrer Geschwister schlief, über allem ruht eine rotbraune Staubschicht. Sie stellt ihre Mutter vor, lacht und sagt: "Ich bin eines ihrer elf Kinder. Und den da", Jepkesho zeigt auf einen Jungen, "den haben wir im Wald gefunden, dann waren wir 12." Ihre eigenen Kinder, das betont sie immer wieder, sollen ein besseres Leben haben. Jepkesho trägt mehr auf ihren schmalen Schultern als die Sorgen einer Athletin, wie so viele ihrer Landsleute.

Rio war eine Lektion, da überzog sie. Das nächste Rennen ging sie mit noch größerem Ehrgeiz an

Die Regisseurin nimmt den Zuschauer dabei mit auf eine eindrückliche Reise. Jepkesho besucht ihre alte Schule in Iten und trifft dort Colm O'Connell, den irischen Missionar, der in Kenia schon viele Laufdiamanten entdeckt hat und auch Jepkesho förderte. Sie gewinnt ihren ersten großen Marathon, 2016 in Paris (in 2:25:52 Stunden), man sieht zum ersten Mal ihr herzliches Lachen. Später wird sie vom Staatspräsidenten empfangen, sie leistet sich ihre erste Wohnung mit einem Wasseranschluss ("Ich hätte nie gedacht, dass ich in so einem Haus wohne"). Kurz vor den Sommerspielen 2016 in Rio malt sie sich mit ihrer Familie aus, wie sie den olympischen Marathon gewinnt, als erste Kenianerin überhaupt. Ihr Mann zeigt ihr, wie sie beim Zieleinlauf jubeln soll.

"Nichts weniger als Gold, okay?", ruft er ihr am Flughafen hinterher.

Rio ist der nächste Wendepunkt: Eine Lektion, dass jeder Marathon nicht nur der Anfang von etwas Großem sein kann, sondern auch das Ende, weil diese 42,195 Kilometer im rasenden Tempo immer wieder einer verdammt tückischen Expedition ins Ungewisse gleichen. Jepkesho attackiert zu früh und bezahlt dafür; es ist, als ob all ihre Energie auf einmal aus ihrem Körper fließt und vom Wind davongejagt wird. Schulterklopfer wenden sich ab. Ihr Mann meint, ihr Ratschläge geben zu können. Der Vater bittet mit müden Augen um mehr Geld für einen neuen Traktor. Der Sohn vermisst seine Mutter, während Jepkesho sich mit noch größerem Ehrgeiz in den nächsten Marathon stürzt. Wenige Sekunden entscheiden am Ende, ob sie 50 000 Euro gewinnt oder nur die Hälfte davon. Oder gar nichts. "Marathon", stellt Jepkesho fest, "ist eine lange Reise". Kein Wunder, dass manche ihrer Kollegen Abkürzungen nehmen.

Tatsächlich steht Jepkeshos Umfeld so sehr wie kaum eine andere dafür, dass sich in die Erzählungen über die feingliedrigen Läufer aus den ostafrikanischen Hochebenen in den vergangenen Jahren auch viele dunkle Töne gemischt haben. Erst wird ihre Trainingspartnerin Rita Jeptoo, einst Siegerin in Boston und Chicago, mit dem Blutbeschleuniger Epo erwischt, dann Jemima Sumgong, die in Rio Gold gewonnen hatte und später für acht Jahre gesperrt wurde - sie hatte ein gefälschtes Attest vorgelegt. Auch Visiline wird von ihren Managern, den Italienern Federico Rosa und Claudio Berardelli, für eine Weile nicht zu Rennen geschickt, obwohl sie noch nie positiv getestet wurde. Der Film sucht hier nicht die Konfrontation, aber man erfährt auch durch die sanfte Linse, wie der Dopingstrudel um sich greift: Medien und Funktionäre beschuldigen die oft ausländischen Manager, die Manager sehen die Athleten als Täter, und so weiter ...

Dabei ist niemand richtig schuld, weil alle mitschuldig sind: Manager, die am Preisgeld mitverdienen, Politiker, die sich im Erfolgsglanz sonnen, Medien und Sponsoren, die Erfolge fordern und bejubeln, die Athleten, die sich einen Weg aus der Armut versprechen.

Die Corona-Pandemie hat diesen Druck noch mal verschärft: Die Zeitung Daily Nation berichtete zuletzt, dass Hunderte Läufer in Kenia sich unter anderem im Straßenbau verdingen, um ihre Familien zu ernähren. Nahezu alle Läufe sind derzeit verschoben oder abgesagt, wegen der größeren Virus-Gefahr, auch Jepkeshos Kalender ist leergefegt: Sollte sich die Situation nicht bald ändern, schreibt sie auf Nachfrage, wäre das ein "Desaster".

Regisseurin Kjaer schafft es trotzdem, den Zuschauer mit einer hoffnungsvollen Botschaft zu entlassen: weil sie zeigt, dass Jepkesho trotz aller Schwierigkeiten in ihrer freischaffenden Laufkarriere als Vorbild wirkt. In einer Szene sagt Jepkeshkos jüngere Schwester Mercy: "Früher wäre ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben wohl verheiratet gewesen. Jetzt bin ich in der Schule und hoffe, dass ich später selbst einmal Lehrer sein kann."

Sie lächelt, dann fügt sie an: "Bis 2030 werden wir Frauen in Kenia regieren. Du wirst schon sehen."

© SZ vom 10.07.2020

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