Boston-Marathon:Die Favoriten bestehen den Schmerztest

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Gerade noch mal gut gegangen: Der Äthiopier Sisay Lemma gewinnt den Boston-Marathon auf die harte Tour. (Foto: Reba Saldanha/Reuters)

Boston-Sieger Sisay Lemma und seine Gefolgschaft stehen für eine neue Generation, die im Marathon die Spitze übernommen hat. Ist die Regentschaft von Eliud Kipchoge schon beendet?

Von Johannes Knuth

Es ist immer wieder faszinierend, wie der Marathon selbst die größten Meister bricht, oder wenigstens an den Rand des Kollapses treibt. Wobei es schon wild war, was der Äthiopier Sisay Lemma sich vorgenommen hatte für diese 128. Auflage des Boston-Marathons: eine Zeit unter 2:02 Stunden auf dem von Hügeln durchzogenen Kurs. Das war in etwa so, als würde der 33-Jährige den Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff und in Herbstbekleidung bezwingen wollen. Und selbst wenn Lemma sein rasendes Tempo - 60:19 Minuten für die ersten 21 Kilometer, ein Novum in Boston -, lange hielt, litt er am Ende so fürchterlich, als würde ihm ein Himalayasturm entgegenblasen.

Aber es reichte, zumindest für den Sieg.

Selbst die großen Frühjahrsmarathons werden in diesem Jahr im Zeichen der Olympischen Spiele gedeutet, und der Auftakt in Boston lieferte schon mal ein paar spannende Indizien. Die Kenianerin Hellen Obiri bestätigte, dass sie sich wahrhaftig von einer Bahnläuferin in eine Marathonkönnerin verwandelt hat: Wieder wartete die 34-jährige Kenianerin geduldig, ehe sie die Konkurrenz mit einem langen Antritt demütigte. Nachdem Obiri zuletzt schon in New York triumphiert hatte, bestätigte sie in Boston ihren Sieg vom Vorjahr (in 2:22:45 Stunden). Und bei den Männern repräsentiert Sieger Sisay Lemma (2:06:17) wiederum eine Generation, die es sich an der Spitze bequem gemacht hat, was vor allem erstaunt, da diese Spitze über Jahre für einen reserviert war: Eliud Kipchoge, 39.

Frühjahrsmarathongefühle: Sisay Lemma (links) und Hellen Obiri lassen sich in Boston als Sieger bejubeln. (Foto: Paul Rutherford/Getty)

Aber über die Form des Großmeisters, der 18 (!) seiner ersten 20 Marathons gewonnen hat, haben sich zuletzt erstaunlich viele Zweifel gelegt. Vor einem Jahr preschte er in Boston los wie eh und je, ehe er bei Kilometer 30 für sein Tempo büßte wie ein Novize, nur Sechster wurde in 2:09:23 Stunden. Das konnte man noch auf den Kurs schieben, auf Regen und Kälte, die ihm vor vier Jahren in London schon mal zugesetzt hatten. Doch dann, nachdem Kipchoge bei seinem Sieg zuletzt in Berlin bereits nicht mehr völlig souverän gewirkt hatte, hielt er im März auf dem leichten Kurs in Tokio schon nach 20 Kilometern nicht mehr mit - Platz zehn in 2:10:06 Stunden, sein schlechtester Ertrag im Marathon bislang. Es sei nun mal "nicht aller Tage Weihnachten", sagte er. Sein Manager Jos Hermens teilt auf Anfrage mit, Kipchoge sei damals von einer "Kleinigkeit" ausgebremst worden und habe das Rennen nicht aufgeben wollen, das sei nun mal sein Arbeitsethos. Längst bereite er sich auf Olympia in Paris vor.

Als Favorit wird Kipchoge dort aber eher nicht anreisen, im Gegensatz zu zwei Äthiopiern: Tamirat Tola, der zuletzt in New York mit Kursrekord gewann (2:04:58) und sich fürs kommende Wochenende in London angekündigt hat - und Sisay Lemma. Auch Kenias Auswahl ist, trotz des Unfalltods von Weltrekordhalter Kelvin Kiptum, noch immer robust besetzt, dank Benson Kipruto etwa, der in Tokio zuletzt Kipchoge davonlief, in 2:02:16 Stunden. Aber der Auftakt in dieses Frühjahr gelang den Äthiopiern besser. Evans Chebet, Sieger der vergangenen zwei Jahre in Boston, verlor diesmal sogar noch Platz zwei an Lemmas Landsmann Mohamed Esa.

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Lemma ist auch deshalb eine interessante Personalie, weil sich sein Lebensentwurf von denen vieler Kollegen unterscheidet. Er begann weder auf der Bahn (wie Kipchoge und Obiri), noch fegte er im Straßenlauf die Konkurrenz so schnell es geht aus dem Weg (wie Kiptum). Noch als 17-Jähriger half er neben der Schule den Eltern auf dem Bauernhof in der Oromia-Region, an manchen Tagen habe er 14 Stunden lang gearbeitet, hat er einmal erzählt. Als er sich dann doch im Laufsport versuchte, lief er die ersten drei Monate nur barfuß, auf dem Rasen, weil er keine Schuhe auftreiben konnte.

Ist Kipchoge 39 Jahre alt - oder schon älter?

2012 debütierte Lemma dann im Marathon, gewann rasch kleinere und mittelgroße Rennen. Doch es brauchte 22 Anläufe, ehe er eine der großen Trophäen abstaubte, im Oktober 2021 in London. Im vergangenen Dezember unterbot er in Valencia als erst vierter Läufer die 2:02 Stunden, in 2:01:48. So groß sind Form und Vertrauen mittlerweile, dass Lemma für dieses Frühjahr mit Trainer Gemedu Dedefo einen mutigen Plan ersann. Weil Dedefo nicht wollte, dass Lemma und Tamirat Tola - der ebenfalls bei Dedefo trainiert - sich in einem Marathon beharken und der äthiopische Verband den Unterlegenen für den Olympiamarathon ignoriert, meldete er Tola für London und Lemma für Boston. Letzterer sagte nach dem harten Rennen am Montag, er habe in Boston auch für den ähnlich schweren Kurs in Paris proben wollen - am Ende hatte er, trotz großer Wehen, noch immer 41 Sekunden Vorsprung auf den Zweiten.

Noch sollte niemand Kipchoge abschreiben, mit seiner mentalen Stärke hat der Kenianer schon viele Konkurrenten bezwungen, die stärkere Beine hatten. Nicht wenige im Umfeld des Kenianers haben aber immer wieder angedeutet, dass der 39-Jährige womöglich ein paar Jahre älter sein könnte. Konkurrenten kann man davonlaufen - der Zeit irgendwann nicht mehr.

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