Marathon Auf dem Weg nach Tokio

Schnellster Deutscher beim Frankfurt-Marathon – wenn auch nicht so schnell wie erhofft: Arne Gabius.

(Foto: Silas Stein/dpa)

Nach einer schwierigen Saison verpasst der deutsche Marathon-Rekordler Arne Gabius auf seiner Lieblingsstrecke in Frankfurt sein Ziel.

Von Frank Hellmann, Frankfurt

Das Navigationsgerät, erzählt Arne Gabius mit einem Grinsen im Gesicht, hat mittlerweile ausgedient: Um von seiner Wahlheimat Stuttgart zum Frankfurter Messegelände zu kommen, benötigt der 37-Jährige keine fremde Hilfe mehr. Denn kaum ein Pflaster ist dem besten deutschen Marathonläufer mittlerweile so vertraut wie diese 42,195 Kilometer um das Messegelände herum, die er am Sonntagvormittag mit fast 14 000 weiteren Teilnehmern in einer Ost-West-Achse mit mehreren Innenstadtschleifen zurücklegte. In einem spannenden Schlussspurt setzte sich dabei der Äthiopier Gezahegn Kelkile Woldaregay in 2:06:37 Stunden knapp vor dem Kenianer Martin Kosgey durch, der 2:06:41 Stunden benötigte. Gabius kam nach 2:11:45 als Neunter ins Ziel.

Nach Berlin ist Frankfurt das zweitwichtigste Marathon-Event auf deutschem Boden, versehen mit dem sogenannten Gold Label des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF, der höchsten Kategorie im internationalen Straßenlauf. Frankfurt war in diesem Jahr allerdings nicht mehr zugleich Austragungsort der deutschen Marathon-Meisterschaften, weil sich Renndirektor Jo Schindler mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) nicht über die richtige Strategie geeinigt hatte. "Es reicht aus meiner Sicht nicht, nur formale und technische Dinge zu klären. Mir passierte da zu wenig", findet er.

Auch der gebürtige Hamburger Gabius geizt selten mit Kritik am DLV und seinen Funktionären, insofern passt es, dass er zu einem Gesicht der Frankfurter Veranstaltung aufgestiegen ist. Er startete am Sonntag zum vierten Mal innerhalb von fünf Jahren, er hat einen Bezug zur Mainmetropole entwickelt. "Schon wenn ich die Skyline sehe, geht das Kribbeln los. Mir liegt das Rennen, ich habe unheimlich viele positive Bilder im Kopf", sagte er.

2014 gab der einstige Bahnläufer in Frankfurt ein aufsehenerregendes Marathondebüt in 2:09:32 Stunden, ein Jahr später drückte er einen uralten Rekord der deutschen Leichtathletik auf 2:08:33 - unter die Marke von 2:08:47, die der Dresdner Jörg Peter noch zu DDR-Zeiten 1988 aufgestellt hatte und auf ewig zu halten schien. Und wenn Gabius an Frankfurt denkt, hat er auch immer das letzte Oktober-Wochenende 2017 im Kopf, als sein Sohn Frederik Bosse auf die Welt kam. Er startete dennoch, wurde beim Zieleinlauf auf dem roten Teppich der Festhalle von gewaltigem Getöse empfangen und blieb erneut unter der 2:10-Stunden-Marke: in exakt 2:09:59.

Vor der diesjährigen Auflage des Frankfurt-Marathons hatte Arne Gabius eine schwierige Saison hinter sich: Beim Boston-Marathon im Frühjahr gab er auf, für die Europameisterschaften im August in Berlin verpasste er die Qualifikation. In Frankfurt hoffte er nun auf einen markanten Leistungsnachweis. "Ich will natürlich wieder unter 2:10 Stunden kommen", sagte er vor dem Rennen: "2:12 wären für mich eher enttäuschend." Insofern war das Ergebnis eher mittelmäßig, Gabius versicherte trotzdem: "Das Rennen an sich war sehr gut. Ich bin super zufrieden. Es war ein starkes Feld dieses Jahr."

Gabius glaubt noch immer, dass er 2:07 laufen kann - "wenn ich mal ein Jahr verletzungsfrei bleibe"

Gabius ließ sich zu Beginn des Rennens von gleich drei Tempomachern begleiten, einer davon war der Bahnspezialist Richard Ringer aus Friedrichshafen. "So schnuppert er schon mal Marathon-Luft", erklärte Gabius. Er selbst fühlte sich vom Verlauf eines zweimonatigen Höhentrainingslagers in der Schweiz bestärkt, während des heißen deutschen Sommers konnte er dort Wochenumfänge von mehr als 200 Kilometer abspulen. Einer seiner Trainingspartner war der britische Weltklasseläufer Mo Farah. "Wir kennen uns seit 17 Jahren und laufen gerne gemeinsam. Er ist ein toller Sportler und Freund von mir", berichtete Gabius.

Bei sich selbst verortet er immer noch das Potenzial "für eine 2:06, 2:07, wenn ich mal ein Jahr verletzungsfrei bleibe". Seine häufig im Bewegungsapparat aufgetretenen Disbalancen bekämpft der Läufer inzwischen mit Gymnastik, Stretching und Yoga, was sich am Tag schon mal auf drei Stunden summieren kann. Seine These: "Laufen besteht nicht nur aus Laufen." Seit 22 Jahren ernährt er sich zudem voller Überzeugung rein vegetarisch, aber auch dabei gibt es immer wieder Veränderungen, denn "immer das gleiche Essen macht auch keinen Spaß", sagt er.

Bis Anfang 40 will Gabius auf höchstem Niveau aktiv bleiben. Zwar reizen ihn die Weltmeisterschaften 2019 in Doha "überhaupt nicht", wie er sagt, wohl aber die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. "Bei Olympia hat es im Marathon immer Überraschungen gegeben. In Japan kann es stürmen, regnen oder 42 Grad heiß sein. Die Medaillen sind noch nicht vergeben." Seinen Start in Frankfurt sah er schon als "Weg nach Tokio" - und das ganz ohne Navigationsgerät.