Deutsche Nationalelf:Zäsur mit dem bewährten Anführer

Nationalmannschaft - Ankunft Teamhotel in Stuttgart

Botschaft von Manuel Neuer bei seiner Ankunft in Stuttgart an die kommenden Gegner in der WM-Qualifikation: Bitte schön Abstand halten.

(Foto: Tom Weller/dpa)

Manuel Neuer bleibt Kapitän und Nummer eins der Nationalelf. Der Torwart hat mit seinen neuen Trainern und Mitspielern beim DFB noch Großes vor.

Von Philipp Selldorf, Stuttgart

Die mediale Allgegenwärtigkeit des Fußballs ließ Kulturpessimisten einst sarkastisch vorhersagen, dass außer sämtlichen Spielen sämtlicher Ligen demnächst wohl auch noch das Montagvormittagstraining der Profis live übertragen werde. Nun ist es soweit - zwar nicht an einem Montagvormittag, dafür an einem Montagnachmittag. Um 16 Uhr schaltete sich der Sender "DFB-TV" zu, als die Nationalmannschaft im Gazi-Stadion in Stuttgart-Degerloch das Training für die WM-Qualifikationsspiele gegen Liechtenstein, Armenien und Island aufnahm. Vorwürfe an die Adresse des stets verdächtigten Managers Oliver Bierhoff, ein neues Zeitalter der Totalvermarktung anzustreben, erübrigen sich allerdings. Dieses TV-Event verdankt sich lediglich der gut gemeinten Absicht, möglichst viele Fans am Start in die neue Epoche der Nationalelf teilhaben zu lassen. Vorerst war das eine einmalige Gelegenheit, ein weiterer Tag der offenen Tür ist nicht mehr vorgesehen, es gilt nun wieder die übliche Formulierung im Programmheft für die Berichterstatter: "Training 15 Minuten offen für Medien".

Die Aussicht, dass anstelle von Jogi Löw ein anderer Mann die Auftakteinheit leiten würde, führte zu besorgten Erkundigungen bei Betroffenen. Wie sich das wohl anfühlen werde nach der langen gemeinsamen Zeit, wurde Manuel Neuer teilnahmsvoll gefragt, und der Torwart erwiderte, es werde bestimmt "eine komische Situation" sein, nicht mehr den Bundestrainer anzutreffen, der ihn zwölf Jahre durch seine DFB-Karriere geführt hatte. Andererseits gab Neuer mit einem Lächeln zu erkennen, dass er über die Zäsur sicherlich hinwegkommen werde. Denn in Wahrheit kennt er den Nachfolger ebenso lang wie den Vorgänger. Als Neuer im Mai 2009 erstmals nominiert wurde, war Hansi Flick schon drei Jahre Löws Assistent.

Es soll sich jetzt einiges ändern im Betrieb der Nationalmannschaft, die bei der Europameisterschaft trotz aufrichtiger Bemühungen der Beteiligten nicht mehr die Dynamik entwickelte, um den zeitgemäßen Anforderungen zu genügen. Künftig soll die deutsche Nationalelf wieder für Entschlossenheit stehen statt für Vorsicht, "unser Blick soll sich immer nach vorn richten", formuliert der mit Flick aus München gekommene Assistenztrainer Danny Röhl das neue Dogma. Aber Flick ist auch kein Mann, der demonstrativ alles ändert, was von seinem Vorgänger überliefert wurde.

Das hat er schon dadurch deutlich gemacht, dass er Manuel Neuer ohne öffentlichen Prozess in dem Job bestätigt hat, den er seit 2016 im Deutschland-Trikot versieht: als Kapitän. Neuer, so Flick, könne die Mannschaft als "Weltklassespieler und als Mensch hervorragend führen". Andere Interessenten hätte es durchaus gegeben, Joshua Kimmich wäre wohl nicht abgeneigt gewesen, das nationale Ehrenamt zu übernehmen. Der neue Trainer dürfte sich der Anwartschaft bewusst gewesen sein, er kennt die Beteiligten lang genug.

"Ich möchte Weltmeister werden mit dieser Mannschaft", sagt Neuer

Aber auch an Neuers Ehrgeiz ist nicht zu zweifeln, wie er am Montag klarstellte. Wie gewohnt verschwendet er keinen Gedanken daran, eines der drei bevorstehenden WM-Quali-Spiele an die Stellvertreter Kevin Trapp oder Bernd Leno abzutreten. An der nächsten Ära des DFB-Teams möchte der 35 Jahre alte Torwart noch eine Weile maßgebend teilhaben. "Ein Neuanfang mit neuen Gesichtern" stehe bevor, sagt er, "wir möchten große Ziele erreichen, deswegen bin ich weiter dabei - ich möchte Weltmeister werden mit dieser Mannschaft."

Nicht ausschließen will Neuer zudem, zwei Jahre später auch noch Europameister werden zu wollen. Auch die EM 2024 in Deutschland würde er gern in seine Karriere einreihen, solange er fit bleibt und "das Gefühl hat, gebraucht zu werden". Letzteres ist wohl nicht nur eine Frage der sportlichen Form, sondern auch des teaminternen Miteinanders, der Torhüter blickt allmählich auf ein Generationenloch im deutschen Kader. Spieler wie der 18-jährige Jamal Musiala oder der aus der U21 aufgerückte Karim Adeyemi, 19, verkörpern eine andere Altersklasse und eine andere Fußballkultur. "Ich fühle mich immer noch jung, auch wenn ich der Älteste bin", sagt Neuer dazu.

Dass der Weltmeister bei der Nationalelf jetzt nicht nur auf den vertrauten und geschätzten Lehrer Löw verzichten muss, sondern auch auf den solidarisch zurückgetretenen Andreas Köpke, könnte eine interessante Komponente in der veränderten Konstellation ergeben. Der neue Torwart-Trainer Andreas Kronenberg, 46, aus Basel stammend, ist zwar kein Typ, der sich mit starken Ansagen vorstellt. Aber ein Mann, der sich seiner gehobenen fachlichen Kenntnisse einigermaßen sicher ist. Lang genug hat er sich beim SC Freiburg als Spezialist bewährt, dem DFB steht er jetzt im Zweitjob als Honorarkraft zur Verfügung.

Kronenberg war so schlau, Neuers ständigen Betreuer in München, Toni Tapalovic, anzurufen, um das Vertrauen zu festigen. Es möge sich ja "komisch anhören", erklärte er am Montag, aber er strebe schon an, seinem berühmten Schüler "neue Impulse" zu verschaffen und ihn "auf ein neues Level" zu versetzen. Die Hierarchie stellte er klugerweise nicht in Frage. "Eine klare Vorstellung von der Rollenverteilung auf der Torwartposition hilft immer weiter", sagte er, so gebe es "ein gutes Arbeiten in der Torwartgruppe". In diesem Teil der Mannschaft bleibt vorerst also alles beim Alten. Marc-André ter Stegen, nach wie vor Rekonvaleszent in Barcelona, hat sich da womöglich mehr Wandel erhofft.

© SZ/tbr/jkn
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