ReitsportWarum immer mehr deutsche Veranstalter kapitulieren

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Fünf Sterne: Der Reitstandort Aachen, Schauplatz der WM 2026, wird offenbar von den Problemen des Sports weitgehend verschont.
Fünf Sterne: Der Reitstandort Aachen, Schauplatz der WM 2026, wird offenbar von den Problemen des Sports weitgehend verschont. Stefan Lafrentz/Imago
  • Deutschland verliert als Zentrum des internationalen Pferdesports an Bedeutung, da immer mehr Veranstalter wegen Finanzierungsproblemen kapitulieren müssen.
  • 2026 wird es keinen Fünfsterne-CSIO in Deutschland geben, nachdem der Mannheimer Veranstalter wegen einer Million Euro Finanzierungslücke absagen musste.
  • Arabische Geldgeber engagieren sich zunehmend im europäischen Reitsport, während deutsche Sponsoren sich zurückziehen und die Tierschutzdebatte zusätzlich abschreckt.
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Reiten wird global – und Deutschland verkommt zu einem Nebenschauplatz im internationalen Turnierkalender. Über das Dilemma des deutschen Pferdesports.

Von Gabriele Pochhammer

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„Sehr schweren Herzens“ habe er das prestigeträchtige Fünfsterne-CSIO zurückgegeben, sagt Peter Hofmann, langjähriger Turnierveranstalter aus Mannheim und seit 20 Jahren Vorsitzender des Springausschusses der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN): „Ich hatte eine Finanzierungslücke von einer Million Euro, das hätte ich nicht stemmen können.“ Bei einem Fünfsterne-CSIO, so erläutert Hofmann, werde ein Etat von rund 2,3 Millionen Euro, plus 83 000 Euro Gebühren an den Weltreiterverband FEI sowie Kosten für die Unterbringung von Reitern und ihrer Entourage fällig. Zwar hatte ursprünglich Sheikha Fatima bint Hazza bin Zayed Al Nahyan, eine Milliardärin aus der regierenden Familie von Abu Dhabi, ihre Unterstützung in Aussicht gestellt. Aber die definitive Zusage kam nicht rechtzeitig für Hofmanns Planung, er musste absagen.

So wird es 2026 kein Fünfsterne-CSIO in Deutschland geben, lediglich einen Dreisterne-Nationenpreis in Mannheim für die zweite Garnitur der Reiter. Und damit ist man mittendrin im Dilemma des deutschen Reitsports.

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CSIO steht für „Concours de Saut International Officiel“. Ein solches Turnier darf als Fünfsterne-Event nur einmal jährlich in jedem Land ausgerichtet werden und ist seit vielen Jahrzehnten Bestandteil des CHIO Aachen. Das Springen bei Flutlicht in der Soers ist ein glanzvoller Höhepunkt des internationalen Springsports. Doch Aachen konzentriert sich im kommenden Jahr auf die Weltmeisterschaften in sechs Disziplinen. Kein anderer deutscher Veranstalter sah sich in der Lage einzuspringen.

Während in den USA und in den arabischen Staaten hoch dotierte Turniere Spitzenreiter aus aller Welt anlocken, mussten in den vergangenen Jahren immer mehr deutsche Veranstalter kapitulieren: etwa die Hallenturniere in München, Kiel, Bremen oder Hannover. Auch die Freilandturniere in Donaueschingen und Wiesbaden pausieren 2026. Die Spitzenreiter folgen dem Geld, weswegen inzwischen viele von ihnen die Wintermonate in Florida verbringen. Dort ist nicht nur das Wetter besser, es gibt auch reichlich Dollars und einen attraktiven Markt für Luxuspferde. Mit sechs Pferden losfahren, mit einem zurückkommen, so geht das Geschäftsmodell.

Immer weniger Sponsoren sind bereit, viel Geld für einen Elitesport auszugeben

Deutschland, früher ein Zentrum des internationalen Pferdesports, verkommt zu einem Nebenschauplatz. Das hat vielerlei Gründe. Von der Corona-Krise hat sich die Reiterei hierzulande schlechter erholt als anderswo. Das fängt bei den Reitern an der Basis an, die wegen gestiegener Kosten oft nicht mehr das Geld für Futter und Box ihrer Pferde aufbringen können; ganz zu schweigen von den Tierarztkosten, die sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt haben. Auch ein kleines Basisturnier hat inzwischen seinen Preis: Alle Gebühren wurden erhöht; wer mitreiten will, braucht nicht nur mindestens ein Pferd, sondern einen Transportanhänger und ein entsprechendes Auto. Freiwillige Helfer, die am Wochenende beim Vereinsturnier mit anpacken, sind zu Zeiten von Work-Life-Balance rar geworden.

Diese Probleme reichen bis in die Spitze. Immer weniger Sponsoren sind bereit, viel Geld für einen Elitesport auszugeben, wenn sie ihrer Belegschaft gleichzeitig erklären müssen, warum Arbeitsplätze abgebaut werden.

Pferde überall: Abschied der Nationen beim CHIO Aachen. Der Schauplatz der WM vom 11. bis 23. August scheint von den Problemen des Sports verschont zu bleiben.
Pferde überall: Abschied der Nationen beim CHIO Aachen. Der Schauplatz der WM vom 11. bis 23. August scheint von den Problemen des Sports verschont zu bleiben. Freisen/Beautiful Sports/Imago

Zunehmend engagieren sich arabische Geldgeber im europäischen Sport. Die erwähnte Sheikha Fatima hat auch in Deutschland schon investiert – ins Hamburger Derby, ins Turnier der Sieger in Münster und ins Bundeschampionat in Warendorf, wo sich die vierbeinigen Cracks von morgen präsentieren. Da mag Traditionalisten das Präfix „al Shira“ stören, nach Fatimas Reitsportzentrum in Abu Dhabi benannt, aber Dennis Peiler, FN-Vorstandsvorsitzender, sagt: „Selbstverständlich freuen wir uns über Partner aus Deutschland. Aber diese werden weniger, deshalb orientieren auch wir uns immer mehr ins Ausland. Der Sport ist globaler geworden und verlagert sich zunehmend auf andere Kontinente. Und es gehört auch dazu, andere Kulturen zu respektieren.“ Aus einigen Ländern hat sich die Sheikha nach öffentlichen Widerständen zurückgezogen, etwa aus Schweden und Irland, wo ihr die Medien Sportswashing vorwarfen.

Der Umgang mit der Sheikha ist durchaus gewöhnungsbedürftig. So sollten in Warendorf und Münster Fotografen bei der Akkreditierung unterschreiben, sie nicht zu fotografieren oder ihr sonst zu nah zu kommen. Ihrem Wunsch, das VIP-Zelt so zu verspiegeln, dass niemand von außen einen Blick auf die Person mit Kopftuch und bodenlangem schwarzen Gewand werfen kann, wurde nicht entsprochen. Ein nach muslimischen Essensvorschriften zubereitetes Buffet musste allzeit bereitstehen. Doch sie kam nie. „Wir haben das in Münster dann selbst gegessen“, sagt Peter Hofmann.

Das CHIO Aachen ist inzwischen eine Marke, der sich kaum jemand entziehen kann

Nicht hilfreich bei der Suche nach Geldgebern ist die Tierschutzdiskussion im Pferdesport, die in regelmäßigen Abständen aufflackert. Zu nennen wäre die Kontroverse über die „Blutregel“, also die Frage, ob ein Pferd automatisch nach Blutspuren im Fell aus dem Wettkampf genommen werden soll. Ebenso die Bilder des Springreiter-Olympiasiegers Christian Kukuk, der sein Pferd mit fragwürdigen Methoden trainierte (wofür er sich inzwischen öffentlich entschuldigte), oder die selbsternannten Experten der Initiative „R-haltenswert“, die auf Turnieren nach Verstößen gegen das Pferdewohl fahnden. Da geraten die Veranstalter in den Chefetagen möglicher Geldgeber schon mal in Erklärungsnot.

Peiler steht „R-haltenswert“ erwartungsgemäß kritisch gegenüber: „Wir alle wollen das Beste für das Pferd. Nur die Herangehensweise ist unterschiedlich. Der Sport hält sich immer mehr selbst den Spiegel vor, die Sensibilität ist deutlich gewachsen. Der moralische Zeigefinger hilft uns nicht weiter.“ Info-Stewards sollen auf großen Plätzen mit Zuschauern und Reitern reden, falls auf dem Abreiteplatz das Wohlbefinden des Pferdes missachtet wird. Das CHIO Aachen machte damit den Anfang.

Überhaupt gehen die Uhren in der Soers anders. Der Schauplatz der WM vom 11. bis 23. August wird offenbar von den Problemen des Sports weitgehend verschont. Woran das liegen könnte, erklärt Michael Mronz, Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH (ART). Das Wort Sponsoren vermeidet er: „Ich spreche lieber von Partnern, zu denen wir über die Jahre ein Vertrauensverhältnis aufgebaut haben.“ Dabei handelt es sich in der Hauptsache um weltweit agierende Unternehmen. Mronz bietet ihnen Zukunftspläne, wie den CHIO Aachen Campus, der sich unter anderem gezielt der Förderung talentierter Nachwuchsreiter widmet. Zum ersten Mal werden 2026 die Para-Reiter dabei sein. Ein gleichzeitig stattfindender Kongress befasst sich mit Sport-, Wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen, auch mit dem Tierschutz. Und die Zuschauer kommen in Scharen, 350 000 waren es 2025. Insgesamt 3,9 Millionen Euro Preisgeld, das meiste davon im Springen, locken die Reiter. Das CHIO Aachen ist zwar immer noch ein Reitturnier, aber inzwischen eine Marke, der sich kaum jemand entziehen kann, der in der Region und im Pferdesport weltweit mitspielen will.

Falls nicht noch ein Wunder geschieht, wird es also 2026 keinen Fünfsterne-Nationenpreis für die Springreiter geben. Aber immerhin gelang es, die anderen Disziplinen im WM-Jahr auszulagern. Die Dressurreiter treffen sich zum CDIO in Hagen am Teutoburger Wald, die Vielseitigkeitsreiter auf dem Haupt- und Landgestüt Marbach in Baden-Württemberg, die Voltigierer in der Verbandszentrale in Warendorf und die Fahrer in Rastede bei Oldenburg. Es gibt Lichtblicke in der Krise, die, so hoffen die Pferdefreunde, doch irgendwann vorbei sein wird.

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