bedeckt München 29°

Manipulations-Vorwürfe gegen Gattuso:SMS aus dem Unterholz

107920782

Das Raubein wehrt sich: Gennaro Gattuso (rechts), hier 2011 gegen einen Betreuer von Tottenham Hotspur

(Foto: Olivier Morin/AFP)

"Ich - und Spiele verschieben? Absurd!": Mit feurigen Worten wehrt sich Weltmeister Gennaro Gattuso gegen den Verdacht, er habe Spiele manipuliert. Schnelle Aufklärung ist von der italienischen Justiz nicht zu erwarten.

Von Birgit Schönau

Der Satz war ein echter Gattuso. "Ich - und Spiele verschieben? Absurd. Ich wüsste gar nicht, wo ich da anfangen sollte. Wenn die mir das nachweisen können, gehe ich auf die Piazza und bringe mich um." Öffentliche Selbstentleibung, kalabrisches Harakiri, was man eben so verspricht, wenn man einen Ruf als ehrliches Raubein zu verteidigen hat und einem die Polizei die Wohnung durchwühlt - auf der Suche nach Beweisen für Wettbetrug.

Gennaro Gattuso hat in seiner wechselhaften Karriere jede Menge Höhen und Tiefen erlebt, er war Weltmeister im Sommer 2006, er hat mit dem AC Mailand jeweils zwei Mal die Champions League und die Meisterschaft gewonnen, in seinen besten Zeiten war er einer der besten und populärsten Mittelfeldwühler der Welt.

Damals verkörperte Gattuso den Typus des unermüdlichen Balldiebs und Wadenbeißers, grimmig, entschlossen und aus Prinzip unelegant. Die Gegner fürchteten ihn einerseits, andererseits schätzten sie ihn auch, "Rino" war erstens fair und zweitens sehr sympathisch, sehr gesellig und sehr uneitel.

Als der Sohn eines Fischers in der Nähe des Milan-Trainingszentrum eine Fischhandlung eröffnete, war sein damaliger Teamkollege David Beckham Ehrengast. Gattuso hantierte zwischen Tintenfischen, Goldbrassen und Rotbarben, Beckham gab gnädig Autogramme, es war eine Szene aus der Commedia dell'Arte des Fußballs, in der Leute wie Gattuso übrigens interessantere Rollen besetzen als die Pop-Ikonen vom Schlage Beckhams.

Es kamen dann schwierige Zeiten für Gattuso. Eine Augenkrankheit besiegelte seinen Abschied von Milan; als er sich nach monatelanger Pause gerade erholt hatte, wechselte er als Spielertrainer in die Schweiz, zum FC Sion. 2012 war das, Gattuso war 34, und als er Sion nach einer durchwachsenen Bilanz frühzeitig verlassen musste, heuerte er als Coach beim italienischen Zweitligisten US Palermo an. Da lief es auch nicht besonders, nach sechs Spieltagen wurde Gattuso entlassen, seither ist er arbeitslos, die Aussichten auf den nächsten Trainerjob sind eher trübe.

Gattuso, der im Januar 36 wird, steckt beruflich gerade in einem Loch. Und jetzt dieser Verdacht: Spielbetrug.

Es geht um die Begegnung Chievo Verona gegen den AC Mailand vom 20. Februar 2011, Endstand 1:2. Einer der verdächtigen Wettbetrüger soll zuvor Gattuso eine SMS geschickt haben, eine von insgesamt 13.

Notorische Prahlerei

Ja, er kenne den Mann, hat Gattuso bereits erklärt. Es handelt sich um Francesco Bazzani, Wettbüro-Inhaber aus Bologna. Bazzani wurde auf Weisung der Staatsanwaltschaft in Cremona gemeinsam mit drei anderen Verdächtigen verhaftet, neben Gattuso steht auch der frühere Lazio- und Milan-Profi Cristian Brocchi unter Verdacht.

Auch Brocchi hat eingeräumt, Bazzani zu kennen, der Mann sei einer von vielen, die notorisch um bekannte Profis herumschwirrten, um vor Freunden zu prahlen und ab und zu Tickets zu ergattern. "Die halbe Serie A kennt Bazzani", sagt Gattuso, "der ist einer von vielen" - einer aus dem Unterholz, dem er seine Handynummer gegeben habe. Auf keine der 13 SMS, so Gattuso, habe er dann geantwortet.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite