Leipzig bei ManCity:Zu viel Spektakel im Kuckucksnest

Stürmer Nkunku schießt zwar einen Hattrick, der ihn mit Messi und Agüero gleichstellt. Doch Leipzigs Unzulänglichkeiten beim 3:6 in Manchester sind dramatisch - RB scheint auf dem besten Weg in die erste Krise seiner Erstliga-Geschichte zu sein.

Von Javier Cáceres, Manchester

Die Urteile von Pep Guardiola über Gegner seiner Mannschaft gleiten oft in den Superlativ ab, und falls er eines fernen Tages, am vielleicht gar nicht mal so fernen Ende seiner Trainerkarriere, die Hand aufs Herz legt, wird der heutige Trainer von Manchester City womöglich selbst das eine oder andere relativieren. Wobei: So oft und so viel hat er gewonnen, dass ihm Lobhudeleien über den jeweiligen Rivalen oft genug sehr flüssig über die Lippen gingen.

Am Mittwochabend registrierte der Katalane, der auch den FC Barcelona und den FC Bayern trainiert hat, gegen RB Leipzig seine 300. Partie als Coach von Manchester City und fuhr seinen 219. Sieg mit einem Tennis-Ergebnis ein: 6:3 (3:1). Aber in den 90 Minuten, die bei seinem 750. Spiel als Trainer insgesamt (527 Siege) ins Land gegangen waren, schaltete er wohl tatsächlich erst ab, als der Schiedsrichter abgepfiffen hatte.

Von sechs Pflichtspielen unter Marsch hat Leipzig nun vier verloren

Er habe Leipzigs Spiele gegen Stuttgart, Wolfsburg und natürlich gegen "seinen" FC Bayern analysiert, sagte Guardiola nach der Partie, und er sah eine Mannschaft, die "eine klare Strategie verfolgt" und beibehält, "egal was passiert". Selbst wenn sie mit drei Toren hinten liegen, verkleinern sie den Abwehrverbund und schicken im Zweifelsfall noch einen Stürmer aufs Feld", sie spielen "alles oder nichts". Immer, ohne Rücksicht auf Verluste. "Ihr müsst im Spiel sein. Und bleiben! Immer! Das ganze Spiel über!", habe er seinen Spielern vor der Partie zugerufen, "sie werden Chancen kreieren, und womöglich Tore erzielen, denn das machen sie die ganze Zeit."

Jack Grealish und Riyad Mahrez müssen das zwischenzeitlich vergessen haben; Guardiola bohrte sie verbal in den Rasen, denn es war ja so, dass die Leipziger am Mittwochabend immer und immer wieder zurückkamen. Und damit im nicht ganz ausverkauften, aber gut gefüllten Ettihad Stadium extrem dazu beitrugen, dass sich ein "Spektakel" ereignete, wie es Guardiolas Leipziger Kollege Jesse Marsch nannte, mit einem Nachsatz voller Bedauern über neun Tore in 90 Minuten: "Es war vielleicht etwas zu viel Spektakel."

Aus Leipziger Sicht allemal. Von sechs Pflichtspielen unter Marsch hat Leipzig nunmehr vier verloren, und es hilft nicht viel, dass RB vor dem (seinerzeit ersatzgeschwächten, aber starken) FSV Mainz 05, dem immer noch punktverlustfreien VfL Wolfsburg, dem FC Bayern und nun eben vor City das Knie beugen musste. Die Debatten darüber, ob sich Leipzig gerade in die erste Krise seiner Erstliga-Geschichte groovt, werden vernehmlicher.

"Wir brauchen Belohnungen und Vertrauen auf dem Platz", sagte Marsch in Manchester. Nur: Wenn man verteidigt, als beteilige sich die Mannschaft an einem Casting für das Remake des Psychiatrie-Klassikers "Einer flog übers Kuckucksnest", gestaltet sich derlei eher schwierig. City mag seit drei Jahren nach einem properen Mittelstürmer fahnden, doch Guardiolas Mannschaft kommt auch ohne echten Neuner ganz gut zurecht. In den letzten drei Spielen erzielte sie 16 Treffer und übertünchte vortrefflich, dass auch sie ihre Kuckucksnest-Momente hat.

Gegen Leipzig trafen Nathan Aké (16.), Riyad Mahrez (45.+2/Handelfmeter), Jack Grealish (56.), João Cancelo (75.) und Gabriel Jesus (85.); zwischendrin legte Leipzigs Nordi Mukiele - Kuckuck! - eine Flanke des zurecht gefeierten Kevin De Bruyne ins Nest der eigenen Mannschaft.

Die Leipziger Tore, allesamt erzielt durch den sonst eher selten so geballt treffsicheren Christopher Nkunku (42./51./73.), waren damit fast schon dramatisch wertlos. "Ich schieße drei Tore, aber jedes Mal treffen die sofort wieder...", lamentierte Nkunku, der es in eine besondere Galerie schaffte: Er ist nach Lionel Messi und Sergio Agüero der dritte Spieler, dem in einem Champions-League-Spiel drei Treffer gegen ein von Guardiola betreutes Team gelang.

Auch Marsch ärgerte sich; exemplarisch über das erste Gegentor, das nach einer Ecke fiel. Gerade die Standards habe man besonders intensiv vorbereitet, dann lief alles aus dem Ruder. Der vergleichsweise schmächtige Tyler Adams hatte den Auftrag, den mächtigen City-Verteidiger Aké zu blocken, doch der Niederländer konnte im Strafraum zehn Meter Anlauf nehmen, ehe er Willy Orban und Lukas Klostermann am Fünfmeterraum übersprang und den Ball per Kopf ins Tor wuchtete.

Grealish hätte zwischen Ballannahme und Abschluss Autogramme verteilen können

Zu diesem Zeitpunkt, nach einer guten Viertelstunde also, konnte man aus Leipziger Sicht Schlimmstes befürchten. City ließ den Ball nach Gusto kreisen, Leipzigs Trainer Marsch rätselte hinterher, ob seine Mannschaft dem Gegner "zu viel Respekt" entgegengebracht habe und deshalb "nicht aggressiv gegen den Ball" war. Ob er zur Halbzeit in der Kabine eine ähnliche Predigt gehalten habe wie vor ein paar Jahren in Salzburg ("This is no fu*king Freundschaftsspiel!"), wurde Marsch gefragt, die Antwort des US-Amerikaners ließ tief blicken: "Ich war diesmal nicht so positiv wie damals."

Das Resultat war, dass seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit besser auftrat. Es galt aber weiterhin, was man vor der Halbzeitpause hatte sehen können, City war immer imstande, noch "einen Gang höher zu schalten", wie Marsch sagte. Übersetzt: Auch nach den Toren zum 2:3 und zum 3:4 durch Nkunku überrumpelte City seine Gäste.

Und auch hier gab es wieder Fälle von Unzulänglichkeiten, die irgendwie exemplarisch standen. Zum Beispiel: Beim Tor von Grealish, das zwar eine Augenweide war, weil er in Robben-Manier von links nach innen erst abbog und dann sehenswert abzog, bei dem die Leipziger ihm aber auch so viel Platz boten, dass er zwischen Ballannahme und Abschluss noch locker Autogramme an die Fans hätte verteilen können.

Nicht alles sei schlecht gewesen, konstatierte Emil Forsberg hinterher, nur: In der Summe sei das Ergebnis eben doch "ernüchternd" gewesen, fügte er hinzu. Sein Kollege Klostermann nannte es gar "extrem ernüchternd". Leipzig habe gute Phasen gehabt, aber es reiche eben nicht, das "nur zwischendurch" zu zeigen, "wir brauchen die Konstanz über die ganze Spielzeit." Die nächste Gelegenheit bietet sich am Wochenende beim 1. FC Köln, und dort erwarte seine Mannschaft "ein Kampf, der ganz sicher nicht einfach wird", wie Marsch sagte. Ein Kampf im Superlativ, sozusagen. Denn die Kölner werden gerade von Steffen Baumgart trainiert.

© SZ/tblo/sjo
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