Manchester gewinnt gegen Chelsea Prankenschlag des Bären

Ein Hauch von Traurigkeit umweht Alan Smith, denn er ist ein Stürmer im Exil. Seine Heimat, den gegnerischen Strafraum, darf er nur noch von der Ferne betrachten. Wie bei fast allen Angreifern, die ins Mittelfeld zwangsversetzt werden, ist auch in seinem Fall das Alter schuld. Allerdings nicht sein Alter, sondern das von Mitspieler Roy Keane. Der Kapitän von Manchester United, 34, ist mit den Jahren unbeweglich und arg verletzungsanfällig geworden, das kann jeder sehen.

Von Raphael Honigstein

Unerklärlicherweise versäumte es Alex Ferguson diesen Sommer aber schon wieder, einen geeigneten Ersatz zu verpflichten. Da der Ire mit einem Mittelfußbruch mehrere Monate ausfällt, muss nun der arme Smith, ein energischer Kämpfer ohne besondere taktische und technische Qualitäten, einen Führungsspieler imitieren. Für diese schwierige Rolle hatte sich der junge Mann extra den Schädel rasiert; die Resultate des Experiments waren bisher verheerend.

Am Sonntag jedoch gewann United gegen den FC Chelsea 1:0, und Smith, 25, wurde zum Mann des Spiels gewählt. Schuld war wiederum Keane, zumindest ein bisschen. Die jähzornige Legende hatte nach 1:4 in Middlesbrough vor zehn Tagen fehlendes Engagement und mangelnde Eignung der Kollegen im klubeigenen Fernsehkanal MUTV so bitterböse kritisiert, dass der wegen seiner regimefreundlichen Berichterstattung als "Pravda-TV" bekannte Klubsender die Ausstrahlung verweigerte.

Details der wütenden Tirade auf Rio Ferdinand ("kassiert 120 000 Pfund in der Woche und glaubt er sei ein Superstar"), Darren Fletcher ("warum schwärmt man in Schottland von ihm?"), Smith ("er hat keine Ahnung, was er macht") und andere waren trotzdem publik geworden; das hatte Wirkung gezeigt. "Jeder weiß, woher die Grundlage für diesen Sieg kam", sagt Smith in Anspielung auf Keanes Philippika, "manchmal muss man daran erinnert werden, was es heißt, für United zu spielen."

40 Mal ungeschlagen

Dass ausgerechnet der gescholtene Fletcher das entscheidende Tor erzielte, passte ins Bild. Ferguson sprach nach dem Erfolg gegen Chelsea, das immer noch 10 Punkte Vorsprung in der Tabelle hat, schon wieder von der Meisterschaft. Die größte Krise in seiner 19-jährigen Amtszeit? "Eine Riesenladung 'bollocks'", was wörtlich "Hoden" heißt, aber "Bullenscheiße" bedeutet.

Es wäre verlockend, den Sieg gegen den zuvor 40 Mal nacheinander ungeschlagenen Meister als Wiedergeburt von Sir Alex' Truppe zu bezeichnen, nüchtern betrachtet erscheint er eher als der letzte Prankenschlag eines bereits tödlich verwundeten Bären. Smiths Wahl hatte ja Symbolcharakter: Der Mann hatte wie sein Team aus seinen wenigen Fähigkeiten alles gemacht. Bekannte Defizite im Stellungsspiel glich er dadurch aus, dass er überall war; für ihn galt das Bonmot von Jens Jeremies mit umgekehrtem Vorzeichen: Wer nicht gut steht, muss eben viel laufen.

United überfiel die Gäste in der ersten Hälfte mit einer simplen, urenglischen Mischung aus wahnwitziger Geschwindigkeit und Härte; in der Druckkammer von Old Trafford wurde das elitäre Kombinationsspiel der Londoner platt gemacht. Nach dem Seitenwechsel zollte Manchester dem irren Tempo Tribut und konnte den Vorsprung gegen die kraftvoll anstürmenden Gäste nur noch mühevoll über die Zeit retten. Didier Drogba war dabei ein Totalausfall, mit einem anständigen Stürmer hätte Chelsea mindestens einen Punkt geholt.

Die Dramaturgie dieses äußerst unterhaltsamen Überraschungserfolgs zeigte die wahren Kräfteverhältnisse. United war den Männern von José Mourinho nur auf gleicher Höhe begegnet, weil es gelungen war, Chelsea mit extrem hohem Arbeitsaufwand kurzzeitig auf das eigene Niveau herunterzuziehen; selbst eine Spitzenmannschaft verliert dann schon mal gegen einen deutlich schwächeren Gegner. Mehr war nicht, mehr wird kaum sein. "Sie haben eine gute Mannschaft und einen guten Trainer" sagte Mourinho gefühlsneutral, "und ihre Zukunft kann nur besser sein - aber nicht so gut, dass sie wieder Meister von England werden können."

Die Gelassenheit, mit der er beiden Mannschaften zu einem großen Spiel gratulierte, schien nicht aufgesetzt zu sein; der Portugiese weiß, dass Partien, in denen ein wackerer Dilettant Granden wie Makalele, Essien und Lampard den Rang abläuft, unter "merkwürdige Phänomene, einmalig" zu den Akten gelegt werden müssen. Smith, der Held des Spiels, schien ob des vielen Lobes übrigens erleichtert, aber wenig glücklich: Er muss vorerst weiter in der Fremde werkeln.