bedeckt München
vgwortpixel

Manchester City:Nasris Ex-Freundin alarmiert die Dopingjäger

FBL-ENG-PR-MAN CITY-WEST HAM

Gesprächsbedarf: Samir Nasri (links) mit Manchesters Trainer Pep Guardiola, der Nasris Fitness früh in der Saison kritisiert hatte.

(Foto: Oli Scarff/AFP/Getty Images)

Nur so fliegt das Fitness-Tuning des Spielers von Manchester City auf. Das zeigt: Im Fußball gibt es kein Doping-Testsystem, das den Namen verdient.

Samir Nasri hat ein Problem. Ein großes Problem mit Doping, das muss ein Fußballer erst mal schaffen - zumal, wenn er in Europas Spitzenligen spielt. Und so beruht der Ärger, den Nasri mit der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und deren spanischem Ableger AEPSAD hat, nicht auf einer Positivprobe. Sondern auf der Weiterung einer amourösen Verirrung.

Nasri war in Los Angeles, zwecks einer intravenösen Vitamintherapie in der Klinik "Drip Doctors" (Tropf-Ärzte). Anschließend posierte er mit der Klinikchefin fürs Foto - und die warb damit auf Twitter. Nasri oder, so lautet seine Version, eine seinen Account hackende Ex-Freundin stellten die Dienstleistung der Klink dann in einen anzüglichen Service-Kontext; das garantierte die Aufmerksamkeit der Netzgemeinde - und der Dopingjäger. Denn solche Behandlungen, diskret ausgeführt, sind dopingverdächtig. Im Sport sind Infusionen generell nur bis 50 Milliliter (ml) erlaubt; die Drip Doctors verabreichen aber Mengen von 500 ml bis zu einem Liter. Und überdies fragt sich, warum ein Profi für eine Vitamininfusion von winzigen 50 ml bis an die US-Westküste jetten sollte.

Nun ermittelt die AEPSAD, die Wada überwacht den Vorgang und drückt aufs Tempo, weil sie befürchtet, dass "Beweise verschwinden" könnten (Sprecher Ben Nichols). Nasri drohen eine Sperre bis zu vier Jahren, realistisch ist das hohe Strafmaß kaum. Im Fußball sowieso nicht.

Guardiola war unzufrieden mit Nasris Fitnesszustand

Samir Nasri ist bei Manchester City unter Vertrag, wo der neue Trainer Pep Guardiola früh seine Fitness bemängelte. Der französische Nationalspieler wurde an den FC Sevilla ausgeliehen. Dass sein diskretes Fitnesstuning nur dank einer Beziehungspanne in den Fokus rückt, nicht durch das Werk der Dopingjäger, liegt in der Natur der Sache. Im Fußball gibt es bis heute kein Dopingtestsystem, das den Namen ansatzweise verdient. Um bei den rituellen Proben nach Spielende (zwei Kicker pro Team) aufzufliegen, muss sich einer vorsätzlich dumm anstellen. In Spaniens Primera Division, wo der FC Sevilla spielt, könnten Nasri und Kollegen aber auch gerne mit Spritzkanülen im Gesäß auflaufen: Hier finden seit fast einem Jahr gar keine international gültigen Dopingtests mehr statt.

Das hat die AEPSAD soeben beklagt. Die Wada hatte Spanien schon im März 2016 zum "nicht konformen Staat" erklärt. Das Kontrolllabor in Madrid wurde aufgrund chaotischer Zustände suspendiert, alle Tests seither entsprechen nicht dem Wada-Reglement. Der Fußball-Weltverband Fifa und der europäische Verband Uefa müssten einspringen, zumal, wenn ihnen an der Betrugsbekämpfung läge. So, wie es die Dachverbände in fast allen anderen Sportarten in Spanien zuletzt taten. Aber im superreichen Fußball gibt es diese Unterstützung nicht, rügt die AEPSAD. Die Fifa sieht sich nur für den internationalen Fußball verantwortlich, die Uefa nur für die Teilnehmer an ihren Wettbewerben.

Im Fußball ist der Dopingkampf nur Exorzismus für die Fans. Auch Englands Premier League strahlt keinerlei Bedrohung für potenzielle Betrüger aus. Obwohl dort erst im April 2016 ein mutmaßlicher Dopingring um einen Frauenarzt publik wurde. Mark Bonar hatte Undercover- Reportern der ARD und der Sunday Times vor versteckter Kamera detailliert die Behandlung von Topathleten dargelegt, er hatte die vermeintlichen Klienten mit Rezepten versorgt und in eine Londoner Apotheke geführt. Bonar will Profis von Arsenal, Chelsea und Sensationsmeister Leicester City behandelt haben. Die Affäre ging um die Welt, dann wurde sie geräuschlos beigelegt: Weder verklagten die Klubs den Arzt, der sie doch vor versteckter Kamera klar benannt hatte, noch verklagte Bonar die Reporter, die ihn derart öffentlich in Misskredit gezogen hatten.

Binnen kürzester Zeit herrschte wieder Ruhe im Karton.

Absurditäten wie diese sind im Fußball Normalität. Dazu passt, dass die BBC jetzt Zahlen publiziert, nach denen auch in den englischen Ligen eher alibihaft getestet wird. In der Premier-League-Saison 2015/16 entfielen 799 Proben auf 550 Spieler. Ein Witz bei 38 Pflichtspielen pro Team, Pokal und anderes nicht eingerechnet. In der Premier League wurden mindestens 39 Prozent aller Profis gar nicht getestet, in der Super-League der Frauen mindestens 78 Prozent nicht. Englands Verband FA verkauft dies noch frech als intelligente Zielkontrollen: Schließlich wüssten die Kicker ja um das Risiko, dass es sie treffen könnte. Gefunden werden hin und wieder Aufputsch- und Partydrogen; aber die Sünder werden meist nicht benannt.

Immer noch besser als in Spanien. Oder in Schottland, wo in den vergangenen neun Monaten des Jahres 2016 auch gar nicht getestet wurde. Oder in Deutschland, so befand die BBC und verwies auf 1110 Tests, welche die deutschte Anti- Doping-Agentur (Nada) in Erst- und Zweitliga-Spielen erhoben habe.

Der Fußball hat ein Problem mit Doping

Einzig Guardiolas Klub schaffte es, trotzdem wegen Verstoßes gegen Doping-Regeln angeklagt zu werden. Manchester City meldete wiederholt die Aufenthaltsorte des Teams und einzelner Spieler nicht korrekt. Ohne diese Angaben können keine unangekündigten Kontrollen stattfinden.

Keine Bange, auch hier wird sich ein Dreh finden. Wie für den Fall Nasri: Der Marktwert des Franzosen beträgt rund 20 Millionen Euro, das wird kein Dopingtest versenken. Wie naiv es ist zu glauben, im Fußball könnte je hart getestet werden, lässt sich an einer schlichten Tatsache festmachen: Eine Dopingsperre für Stars wie Messi, Neymar, Pogba würde über Nacht einen dreistelligen Millionenbetrag vernichten. Schwer vorstellbar in einer Branche, die sich selbst kontrolliert.

Test-Blackout in Spanien

Der Fußball hat ein Problem mit Doping. Aber nicht mit Dopingfällen. Das zeigt gerade wieder der Umgang von Fifa und Uefa mit dem Test-Blackout in Spanien. Ausgerechnet dort, wo der Fußball in der Affäre um den Blutdoktor Eufemiano Fuentes fast unterging, hätte der spanische Staat nicht hastig die Akten geschlossen, ließ man die Dinge einfach laufen. Ausgerechnet dort, wo Liga und Nationalteam eine Dekade lang alles dominiert haben.

Das weist bereits auf die WM 2018 in Russland. Dort führt Witali Mutko Regie. Das ist der Mann, der im Report des Wada-Chefermittlers Richard McLaren als Kopf des staatlich orchestrierten Dopingbetrugs skizziert wird. 33 Verdachtsfälle im russischen Fußball sind aktenkundig, einige sogar in der Junioren-Nationalauswahl. Russlands überalterte Auswahl dümpelt derzeit auf Weltranglistenplatz 61, hinter Mali, Kongo oder Saudi-Arabien. Doch Wladimir Putin und sein Vize-Premier Mutko wollen sie bei der WM unter den letzten Vier sehen. Das wird sich doch irgendwie einrichten lassen.

© SZ vom 15.02.2017/ebc
Zur SZ-Startseite