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Manchester City:Guardiola hat ein Kader-Problem

Premier League - Wolverhampton Wanderers v Manchester City

Pep Guardiola.

(Foto: Pool via REUTERS)

Die alte Garde zieht sich zurück, in der Defensive gibt's Probleme: Das Team von Manchester City wirkt nicht mehr übermächtig - trotz großer Investitionen.

Von Sven Haist, London

Den ersten Angriff auf die Konkurrenz setzte Pep Guardiola selbst. Vor dem verspäteten Saisonstart von Manchester City am Montagabend bei den Wolverhampton Wanderers äußerte der Trainer sein Missfallen über den Beschluss der Klubs, in der Premier League die Zahl der Einwechslungen pro Spiel auf drei zu reduzieren, nachdem das Kontingent zum Ende der Vorsaison unter Verweis auf Corona auf fünf erhöht worden war. Guardiolas Argument: Wer meint, fünf Wechsel würden die Spitzenklubs mit ihren großen Kadern begünstigen, der habe keine Ahnung vom Fußball. Ihm gehe es als Trainer nur darum, die hoch belasteten Spieler zu schützen. Durch das Finalturnier der Champions League hatte City bloß 14 Tage zur Vorbereitung. Es wäre also anzunehmen gewesen, dass Guardiola seine drei Optionen ausschöpft. Aber er wechselte nicht dreimal, auch nicht zweimal, sondern einmal: Ferrán Torres für Raheem Sterling (82.).

Im Verlauf des Spiels ging City spürbar die Energie verloren, dies ließ sich nicht einmal durch mehr Ballbesitz kompensieren. Mit letzter Kraft retteten sich die Gäste ins Ziel - und damit den zumindest vom Resultat her erfolgreichen Start mit 3:1 (2:0) bei Angstgegner Wolverhampton. Bis zum dritten Tor durch Gabriel Jesus in der Nachspielzeit war jedoch nicht klar, ob City den früh herausgeholten Vorsprung nach Treffern von Kevin De Bruyne (20./Elfmeter) und Phil Foden (32.) würde halten können. Im zweiten Durchgang war das ähnlich ausgelaugte Wolverhampton drauf und dran, den Ausgleich zu erzielen. Allerdings verwertete nur Raul Jiménez eine der vielen Chancen (78.).

Trotz des knappen Spielstands verzichtete Guardiola sogar am Ende auf einen taktischen Wechsel, um seiner Elf eine Verschnaufpause zu gönnen. Das legt nahe, dass Guardiola den Ergänzungsspielern nicht zutraute, die erschöpften Profis aus der Startelf gleichwertig zu ersetzen. Neben Flügelangreifer Torres - geholt für 23 Millionen Euro vom FC Valencia als Ersatz für den zum FC Bayern abgewanderten Leroy Sané - saßen noch Riyad Mahrez und der zum Verkauf stehende Nicolás Otamendi sowie drei Nachwuchsspieler auf der Bank. Auch wenn City auf sieben Spieler verzichten musste, darunter die am Coronavirus erkrankten Ilkay Gündogan und Aymeric Laporte, wirkt der Kader längst nicht mehr so übermächtig wie 2017/18 in der Rekordsaison (100 Punkte, 106 Tore).

Nach dem Abschied des langjährigen Kapitäns Vincent Kompany hat in David Silva nun der nächste Häuptling den Verein verlassen. Ebenso nagt die Zeit an zwei weiteren Profis, dem Scharnierspieler Fernandinho, 35, und dem am Knie verletzten Torjäger Sergio Agüero, 32, deren Verträge 2021 auslaufen. In Sané fehlt ein Joker, der ein Spiel als Solist herumreißen kann. Zudem hat sich die Konkurrenz verstärkt: Liverpool als ärgster Rivale in der Meisterschaft hat den Ballverteiler Thiago beim FC Bayern abgeworben - und lag schon in der Vorsaison 18 Punkte vor City.

Der allmähliche Rückzug der Erfolgsgarde bei City wäre nicht weiter tragisch, wenn passender Ersatz vorhanden wäre. Die Personalbeschaffung hat sich unter der Führung von Guardiola jedoch zu einem Schwachpunkt entwickelt. Mit dem Kauf von De Bruyne und Sterling schloss City seine besten Transfers 2015 ab, ein Jahr bevor Guardiola die Arbeit aufnahm. Auf sein Verlangen wurden zu fürstlichen Ablösesummen Stones (55 Millionen Euro), Walker (50), Danilo (30), Laporte (65), Mendy (57), Mahrez (67), Cancelo (65) und Rodrigo (70) geholt - Spieler, deren Leistungen diesen Beträgen eher nicht entsprechen.

Offensichtlich wird die Diskrepanz in der porösen Abwehr. In der schlugen die meisten Transfers fehl, ständig sind Nachverpflichtungen notwendig. Für 45 Millionen Euro kam jetzt Nathan Aké von Absteiger Bournemouth als bereits dritter Innenverteidiger in vier Jahren; ähnlich verhält es sich auf den Positionen rechts und links hinten.

Knapp zwei Wochen bleiben Manchester City, um die personellen Defizite zu korrigieren

Dem gegenüber standen kaum ebenbürtige Einnahmen aus Transfers. Sogar bei Sané, 24, der sich bei City von einem verheißungsvollen Talent zu einem Ausnahmespieler entwickelt hatte, verzeichnete City ein Verlustgeschäft: für die an Schalke gezahlten 52 Millionen bekam man nur circa 45 Millionen vom FC Bayern zurück. An der tiefroten Transferbilanz, die von Guardiolas Freunden aus gemeinsamen Zeiten beim FC Barcelona, von Sportdirektor Txiki Begiristain und Geschäftsführer Ferran Soriano, mitverantwortet wird, hat sich in Manchester nie wirklich jemand gestört. Warum auch? Die Ausgaben werden stets auf Klubbesitzer Scheich Mansour angeschrieben.

Die Erfolge (zwei Meisterschaften, ein Pokalerfolg, drei Ligapokalsiege) und der attraktive Spielstil überdeckten in der Vorsaison die Diskussion über die abnehmende Qualität des Kaders. Aber selbst das auf totale Dominanz ausgerichtete Vorgehen konnte - im Gegensatz zu den Hochzeiten des Teams - die Schwächen in der Defensive nicht mehr kaschieren. Offensichtlich wurde das beim 1:3 im Viertelfinale der Champions League gegen Olympique Lyon, den Tabellensiebten der französischen Liga. Jenes für City blamable Spiel wird in der Öffentlichkeit irreführenderweise auf die verkopfte Taktik des Trainers Guardiola zurückgeführt - in Wahrheit lag das Problem tiefer, es steckte einfach nicht mehr Qualität im Kader. Denn der Anspruch des Klubs ist es weiterhin, Lyon zu besiegen, egal mit welcher Formation und Taktik.

Knapp zwei Wochen bleiben Manchester City noch bis zum Ende der Transferzeit, um die personellen Defizite zu korrigieren. Ansonsten könnte sich der Klub nach seinem Höhenflug wieder dort einfinden, wo Pep Guardiola ihn 2016 abgeholt hat, als er vom FC Bayern kam: vorne, aber nicht ganz vorne.

© SZ vom 23.09.2020/chge
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