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Malaika Mihambo:Erst der Mensch, dann der Sport, dann das Drumherum

Leichtathletik/Halle: Deutsche Meisterschaft

Wo ist die Grenze? Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo.

(Foto: Jens Büttner/dpa)
  • Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo scheint auch zu Beginn der neuen Leichtathletik-Saison fast alles zu gelingen.
  • Sie wird in Leipzig deutsche Meisterin mit einem Sprung auf 6,77 Meter, im 60-Meter-Sprint wird sie in beachtlichen 7,22 Sekunden Zweite.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen der deutschen Meisterschaften.

Der Trubel ist jetzt an vielen Orten, auch da, wo man ihn nicht unbedingt erwartet. Die Leichtathleten wurden am Wochenende, bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig, nach den Wettkämpfen in einen winzigen Korridor zwischen Laufbahn und Tribüne geleitet, sie wechselten hastig in wärmere Kleidung, manchmal versammelten sich ein paar Kinder in blauen Helfer-T-Shirts um die prominenteren Durchreisenden. Als Malaika Mihambo sich am Samstag nach ihrem Vorlauf über 60 Meter einen schwarzen Pullover anlegte, war sie sofort von einem Dutzend Autogrammjägern umringt - brav in einer Schlange wartend, als gehe es darum, sich vom Bestsellerautor nach der Lesung ein Exemplar mit personalisierter Widmung zu sichern.

Es ist überhaupt ein geordneter Trubel, der Malaika Mihambo, 26, von der LG Kurpfalz in diesen Tagen umgibt. Sie bewarb in Leipzig in einem Film auf dem Videowürfel schon mal die nationalen Titelkämpfe im Sommer. Im Finale am Samstag über 60 Meter traf sie nur eine Hundertstelsekunde hinter Siegerin Lisa-Marie Kwayie ein, in persönlicher Bestzeit von 7,22. Im Weitsprung am Sonntag wirkte sie davon etwas ermattet, 6,77 Meter reichten diesmal zum Sieg. Aber da war ja schon dieser Auftritt vor einer Woche beim Istaf-Hallenmeeting in Berlin. Vor ihrem letzten Versuch erhoben sich 12 500 Zuschauer, nur für sie, und Mihambo lieferte den Moment, den alle erwarteten: 7,07 Meter, getragen von der Kunst, sich vom grellen Licht der Aufmerksamkeit nicht blenden zu lassen, sondern darin erst recht zu strahlen.

Das Olympiajahr, das gerade anbricht, ist noch mal ein spezielleres, es ist die erste Saison nach einem Sommer, in dem so gut wie alle ihre Vorhaben aufblühten. Mihambo übertraf erstmals und dann immer wieder die sieben Meter, sie gewann WM-Gold mit 7,30 Metern, weiter war nur eine Deutsche jemals gesprungen: Heike Drechsler. Manche werden nach derartigen Höhenflügen etwas flügellahm, weil sie den ungewohnten Trubel auskosten oder weil es halt menschlich ist, danach ein bisschen die Körperspannung zu verlieren. Mihambo aber verknüpft Bekanntes und Neues scheinbar mühelos: Werbedrehs in Los Angeles, im goldenen Kleid zur Sportlerin des Jahres ausgerufen werden, in Thailand und Lappland urlauben, das Masterstudium in Umweltwissenschaften, weitspringen, sprinten. Nur dass diese Herausforderung noch etwas größer geworden ist: am Boden zu bleiben, wenn sich alles darum dreht abzuheben.

"Es ist jetzt schon etwas Anderes, man wird noch mehr wahrgenommen", sagte Mihambo am Wochenende, unaufgeregt. Aber sie genieße diesen Trubel jetzt halt, so lange er da ist. Sie sehe das überhaupt "eher als Zugabe", nicht als Kerngeschäft. Das ist der Schlüssel. Ihre Prioritäten sind ohnehin seit Jahren dieselben: erst der Mensch, dann der Sport, dann das Drumherum. Ralf Weber, ihr Trainer, der sie seit mehr als einem Jahrzehnt im beschaulichen Oftersheim betreut, hatte schon im vergangenen Sommer bemerkt, dass Mihambo die aufbrandende Aufmerksamkeit durchaus auskoste - ein bisschen Instagram da, ein Fotoshooting dort, das habe ihr früher nicht so sehr zugesagt. Aber der Blick aufs Wesentliche habe nie gelitten, findet Weber: "Es gibt einige, die sind im Verkaufen größer, und andere, die haben eher den sportlichen Erfolg."

Die Rolle als Jägerin im Sprint gefällt ihr

Mihambo bleibt sich so gesehen auch im neuen Jahr treu. Sie ist schon noch hauptberuflich Weitspringerin, bricht aber auch immer mal wieder aus dem Gewohnten aus. Dafür hat sie den Sprint, die 60 Meter in der Halle und die 100 im Freien, mehr in den Fokus gerückt, nicht nur, um den Anlauf im Weitsprung noch dynamischer zu gestalten. Sondern als durchaus seriöses Zweitgewerbe. Zwei Einzelstarts lässt der olympische Zeitplan im Juli in Tokio kaum zu, aber die Sprintstaffel sei "sicherlich eine Option", sagte Mihambo in Leipzig. Sie war schon immer schnell, aber es dauerte ein wenig, ehe sie nach einem langwierigen Knochenödem auch die Sprintelite ärgern konnte.

Im Vorjahr wurde sie bei den nationalen Meisterschaften Dritte in 11,21 Sekunden, eine Hundertstelsekunde hinter Gina Lückenkemper, zwölf hinter der Siegerin Tatjana Pinto, die beide in Leipzig fehlten. Ihr Trainer traut ihr sogar eine Zeit unter elf Sekunden zu, für Mihambo geht es aber eher um eine frische Perspektive: Sie fühle sich im Sprint noch immer "als Underdog", als "Hobbysprinterin" gar, sagte sie. Die Rolle als Jägerin gefalle ihr da, zumal im Weitsprung ohnehin alle Olympiagold erwarten. Wobei die nationale Sprintelite Mihambo auch in dieser Disziplin mittlerweile als "ziemlich Weltspitze" einstuft, wie die Gewinnerin Lisa-Marie Kwayie in Leipzig sagte: "Malaika ist wirklich wettkampfstark, ich freue mich ungemein, dass ich sie schlagen konnte."

Nicht, dass Mihambo das alles aus ihrer Mitte zu werfen droht. Am Samstag wurde sie auch gefragt, was sie, als Tochter einer Deutschen und eines Vaters aus Sansibar, von den rassistisch motivierten Morden in Hanau halte - kein einfaches Thema in einem Umfeld, in dem für gewöhnlich sportliche Krimis um Hundertstelsekunden schnell zu Dramen aufgepumpt werden. Aber Mihambo wahrte auch da die Balance. "Dass diese Gesinnungen jetzt wieder so ausbrechen, ist schon erschreckend", sagte sie, "ich denke, wir müssen einfach alle mehr an uns arbeiten, glücklichere Menschen zu sein. Dann kann man auch andere in Ruhe lassen."

© SZ vom 24.02.2020/vit
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