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Major League Baseball:Im Sonderangebot des Matratzenhändlers

Volltreffer: Houstons Schlagmann José Altuve (rechts) knüppelt sein Team gegen die New York Yankees in die World Series.

(Foto: Sue Ogrocki/AP)

Vor der Finalserie geht es nicht nur darum, wer gewinnt: die Houston Astros oder Washington Nationals? In der Szene wird vor allem darüber debattiert, ob die Liga die Bälle manipuliert hat.

Wohl niemand ist vor Beginn der World Series zwischen den Houston Astros und den Washington Nationals derart aufgeregt wie Jim McIngvale. Der Matratzenhändler aus Houston, den alle nur "Mattress Mack" nennen - Matratzen-Mack eben -, hat seinen Kunden mal wieder angeboten, sämtliche Rechnungen von mehr als 3000 Dollar zu stunden, sollten die Astros die Finalserie der nordamerikanischen Baseballliga MLB gewinnen. Vor zwei Jahren hat er deshalb mehr als zehn Millionen Dollar Verlust verbucht, in diesem Jahr könnten es mehr als 15 Millionen werden. Aus diesem Grund hat er in verschiedenen Wettbüros Millionen Dollar auf sein Team gesetzt; der mögliche Gewinn soll die Verluste durch die Geschenke an andere Astros-Fans ausgleichen.

Die Best-of-seven-Serie, die an diesem Dienstag in Houston beginnt, dürfte natürlich durch die Qualität der Akteure und die taktischen Kniffe der Trainer entschieden werden, allerdings wird gerade kontrovers debattiert, dass es womöglich einen weiteren Faktor geben könnte: die Beschaffenheit der Bälle. Diese Debatte ist deshalb interessant, weil der Ballhersteller Rawlings seit eineinhalb Jahren der MLB gehört. Die Liga hatte das Unternehmen gemeinsam mit einer Investmentfirma für 395 Millionen Dollar gekauft und steht nun im Verdacht, die Bälle vor der Saison und nun für die Playoffs verändert zu haben, ohne die Klubs darüber informiert zu haben.

In der Hauptrunde hatte es 6776 Homeruns gegeben, also Bälle, die über das Spielfeld hinaus auf die Tribüne geprügelt wurden. Das war ein neuer Rekord, der alte aus der Saison 2017 (6105) war nicht nur gebrochen, sondern regelrecht pulverisiert worden. Sind die Schlagmänner besser geworden, kräftiger als in den Achtziger- und Neunzigerjahren, als sich etliche Akteure mit Steroiden und Wachstumshormon vollgepumpt haben? Liegt es an taktischen Anweisungen in dieser von Statistiken dominierten Sportart, einfach häufiger den Gewaltschlag zu probieren? Oder liegt es an den Bällen, die aufgrund einer fester gezogenen Naht weiter und damit häufiger über den Zaun fliegen?

"Die Bälle haben weniger Luftwiderstand", hatte Ligachef Rob Manfred im Juli gesagt; es war die Unsinnigkeit seiner Argumentation, welche die Debatte überhaupt erst auslöste. Manfred gab zu, dass die Bälle verändert worden waren, doch er behauptete, dass die Liga nichts damit zu tun habe. Es sei wohl so, dass Rawlings ein paar Änderungen bei der Produktion vorgenommen habe; bei handgefertigten Bällen könne es schon mal zu Abweichungen kommen. "Das ist doch ein verdammter Witz", schimpfte Justin Verlander im Sommer. Der Astros-Werfer dürfte in der zweiten Partie gegen die Nationals auf dem Wurfmal stehen: "Wenn eine Firma eine andere Firma kauft und sich das Produkt derart massiv verändert, dann brauche ich nicht zweimal darüber nachdenken, was passiert ist. Wir sind doch keine Idioten."

Das waren die Vorwürfe während der Hauptrunde. Wer nun aufmerksam die Playoffs verfolgt hat, wird festgestellt haben, dass die Zahl der Homeruns signifikant gesunken ist. Selbst die Spieler waren bisweilen verblüfft, dass perfekt getroffene Bälle nicht auf der Tribüne gelandet sind. Das auf Statistiken und Videoanalyse spezialisierte Unternehmen Baseball Prospectus hat in der vergangenen Woche einen Bericht veröffentlicht, demzufolge die in der K.-o.-Runde verwendeten Spielgeräte durchschnittlich zwei Meter kürzer fliegen. Der daraus resultierende Vorwurf an die Liga: Die Bälle sind schuld, mal wieder.

Zwei Meter sind sehr viel beim Baseball. Der Analyse von Baseball Prospectus zufolge wäre die Zahl der Playoff-Homeruns (73) um mehr als ein Drittel höher gewesen, hätten die Bälle den gleichen Luftwiderstand gehabt wie zuvor. Die Klubs haben das auch bemerkt, es führt zu taktischen Veränderungen, die nun auch in der World Series zu bestaunen sein dürften.

Dave Martinez zum Beispiel, der Trainer der Nationals, hatte seine Werfer in der mit 4:0 Erfolgen gewonnenen Halbfinalserie gegen St. Louis angewiesen, häufiger das obere Drittel der Wurfzone mit möglichst schnellen Würfen zu attackieren. Gewöhnlich warten Schlagmänner auf genau diese Würfe und prügeln den Ball dann aus dem Stadion - sie sind allerdings schwerer im Innenfeld zu platzieren. Im Gegenzug beorderte Martinez seine Defensive im sogenannten Outfield (wo eher die langen Schläge landen) einige Meter nach vorne, was kurze Schläge wegen des geringeren Freiraums noch schwieriger macht.

Homeruns sind spektakulär. An der Hauptrunde ist die amerikanische Öffentlichkeit eher mäßig interessiert, Aufmerksamkeit lässt sich da vor allem über Rekorde und mit kurzen Videos von solch weiten Schlägen generieren. In den Playoffs dagegen verfolgen die Leute die kompletten Partien, da wollen sie wieder famose Defensiv-aktionen sehen, bei denen Bälle mit einem Hechtsprung aus der Luft gefangen oder gleich zwei Läufer mittels eines perfekten Zusammenspiels eliminiert werden. Sie wollen sehen, wie Punkte kreiert und nicht erknüppelt werden. Der Homerun soll da Seltenheitswert behalten.

Die Frage ist nun: Hat die MLB die Bälle absichtlich verändert, um den Sport interessanter für die Zuschauer zu machen? Und nicht etwa, um mehr Chancengleichheit zwischen den Teams herzustellen? Die Liga hat sich seit dem Statement von Manfred im Sommer nicht dazu geäußert, was die Debatte eher intensiviert als beruhigt.

Der Matratzenhändler McIngvale interessiert sich freilich weniger für die Diskussion als vielmehr dafür, dass seine Astros bei den Wettbüros leicht favorisiert sind - trotz der um vier Tage kürzeren Zeit zur Regeneration nach dem Halbfinale. Die Astros werden auch deshalb im Vorteil gesehen, weil sie diesen Typen haben, der selbst Bälle mit höherem Luftwiderstand auf die Tribüne haut. Kein Akteur hat in den Playoffs bislang mehr als drei Homeruns geschafft, José Altuve aber hat bereits fünf auf seinem Konto. Darunter auch denjenigen, der am Samstag die Serie gegen die New York Yankees beendete. Homeruns sind eben umso spektakulärer, je seltener sie vorkommen.