Mainz 05Plötzlich doch kein typischer Sommer

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Hiergeblieben: Der Mainzer Manager Christian Heidel (r.) mit dem wertvollsten Mainzer Spieler, Brajan Gruda (l.).
Hiergeblieben: Der Mainzer Manager Christian Heidel (r.) mit dem wertvollsten Mainzer Spieler, Brajan Gruda (l.).
Christian Schroedter/Imago

Sportlich läuft bei Mainz 05 vieles wie immer, doch die Fälle El Ghazi und Sano machen die Saisonvorbereitung für Manager Christian Heidel zu einer besonderen Herausforderung, auch finanziell. Muss er jetzt Brajan Gruda verkaufen?

Von David Kulessa

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Christian Heidel, 61, ist wirklich lang genug dabei, er verantwortet gerade zum 26. Mal eine Saisonvorbereitung des FSV Mainz 05. Als „Vorstand Sport & Kommunikation“ weiß er, dass Vergleiche im Fußballgeschäft grundsätzlich schwierig sind und dass es zudem eine Figur gibt, die in Mainz bis heute alles und jeden überstrahlt. Trotzdem kommt nicht mal Heidel umhin, den Namen Jürgen Klopp zu erwähnen, wenn er über den aktuellen Trainer Bo Henriksen spricht. „Ohne Vergleiche ziehen zu wollen“, leitet er im Gespräch pflichtbewusst ein: „Das war bei Jürgen Klopp genauso.“ Was er meint, sind die Lautstärke, das Charisma und die Wucht, mit der der Däne Henriksen auftritt: „Er ist zu 100 Prozent authentisch.“ So wie Klopp, der in Mainz vom Zweitligaspieler zum Volkshelden wurde – und Fußstapfen hinterlassen hat, die Bo Henriksen sicherlich nicht ausfüllen wird.

Das muss er aber auch gar nicht, niemand in Mainz glaubt ernsthaft an einen Kloppo 2.0. Aber endlich löst mal wieder jemand Begeisterung in der Stadt aus. Das gab es länger und in diesem Ausmaß wohl tatsächlich seit Klopp nicht mehr. Ein Indikator dafür ist, dass in der vergangenen Saison zum ersten Mal seit 2016 wieder mehr als 30 000 Zuschauer pro Partie ins Mainzer Stadion kamen. Unter Henriksen waren, bis auf dessen Debüt gegen Augsburg, alle Heimspiele nahezu ausverkauft.

Der Däne war im Februar auf den blassen Jan Siewert gefolgt, der wiederum im November des Vorjahres 2023 vom amtsmüden Bo Svensson übernommen hatte. Bei Henriksens Übernahme wirkte die Mannschaft mutlos, war seit elf Spielen ohne Sieg, und nicht nur das Umfeld schien sich mit einem Abstieg abgefunden zu haben. Dann kam Henriksen, verlor früh 1:8 gegen die Bayern – aber anschließend in neun Spielen bis zum Saisonende gar nicht mehr. Der Klassenerhalt gelang. Seit Henriksen Trainer ist, holten nur drei Teams in der Bundesliga mehr Punkte als die Mainzer.

Einer der entscheidenden Spieler bei dieser Erfolgsserie war Nadiem Amiri, 27, der in der Winterpause aus Leverkusen kam und dessen Leistungen im Mittelfeldzentrum für den Bundesligaverbleib mindestens so bedeutsam waren wie die Motivationsreden des Trainers. Trotzdem sah es zunächst nach einer kurzen Affäre aus, noch im Nichtabstiegskampf versprach sich Amiri Eintracht Frankfurt – um wenige Tage nach dem emotionalen Saisonende plötzlich zu verkünden: Rhein statt Main, ich bleibe! Er unterschrieb einen neuen Vertrag bei den Nullfünfern bis 2028. Dafür brach die andere Hälfte der Mittelfeldachse weg: Leandro Barreiro, 24, verließ den Verein nach acht Jahren erwartungsgemäß gen Lissabon, zu Benfica. Zudem ist eine Weiter- bzw. Wiederbeschäftigung des zuletzt aus Liverpool ausgeliehenen Innenverteidigers Sepp van den Berg sehr zweifelhaft.

Kurz zusammengefasst: Ein aufregender Trainer ist da, einige Leistungsträger sind weg, aber nicht alle. Es schien so zu sein, als würde dies ein typischer FSV-Mainz-05-Sommer werden. Doch im Juli änderte sich das dann schlagartig, binnen weniger Tage.

Die Fälle Anwar El Ghazi und Kaishu Sano kosten Mainz 05 mehr als 4 Millionen Euro

Es begann damit, dass das Mainzer Arbeitsgericht den Verein dazu verdonnerte, dem Spieler Anwar El Ghazi wegen einer als unrechtmäßig bewerteten Kündigung im November 2023 sein ausstehendes Gehalt zu zahlen, inklusive Bonuszahlungen plus Zinsen. El Ghazi, 29, hatte am 15. Oktober auf Instagram die als israelfeindlich angesehene Parole „From the river to the sea – Palestine will be free“ gepostet. Daraufhin suspendierte Mainz 05 den Stürmer zunächst, es folgte die kurzzeitige Begnadigung und schließlich doch die außerordentliche Kündigung. Dagegen klagte El Ghazi und bekam nun in erster Instanz recht, laut Gericht stehen ihm rund 1,7 Millionen Euro zu. Mainz 05 hat angekündigt, in Berufung zu gehen: „Wir rechnen uns große Chancen aus“, so Heidel.

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Weitaus dramatischer ist der Fall um den Zugang Kaishu Sano, der die Mainzer vor einigen Wochen eiskalt erwischte. Der japanische Nationalspieler, Anfang Juli verpflichtet, sollte die sportliche Lücke schließen, die Barreiro hinterlassen hat. Doch Mitte Juli berichteten japanische Medien übereinstimmend, dass Sano wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung in Tokio festgenommen wurde und in Untersuchungshaft sitzt. Heidel bestätigt das im Gespräch, betont aber, der Verein habe aktuell weder weitergehende Informationen zu dem Fall, noch stehe er in Kontakt mit dem Spieler. Ob Sano jemals für Mainz Fußball spielen wird, ist völlig unklar. Die Ablösesumme, immerhin 2,5 Millionen Euro, ist aber definitiv weg. Auch mit dem Geld, das El Ghazi erstinstanzlich zusteht, kann in Mainz aktuell nicht seriös geplant werden.

Es sind zwei Fälle, die wenig miteinander und fast gar nichts mit Fußball zu tun haben. Prognosen über ihre Ausgänge sind kaum möglich. Doch unbestritten ist: Sie kosten Mainz 05, Stand jetzt, mehr als vier Millionen Euro. Für den Verein, der gerade einen neuen Jugendcampus baut, ist das viel Geld. Etwas Besserung der finanziellen Lage versprechen der Abgang von Ludovic Ajorque und dass der frühere Kapitän Moussa Niakhaté in diesem Sommer von Nottingham nach Lyon gewechselt ist; dank einer Klausel verdient Mainz hierbei mit.

Nach einer 0:3-Testspielniederlage gegen den Regionalligisten Eintracht Trier wünschte sich Trainer Henriksen zuletzt „noch ein bisschen Qualität“ für seinen Kader. Das dürfte schwierig werden – außer der Verein entscheidet sich, sein Tafelsilber zu veräußern: Toptalent Brajan Gruda, 20, steht auf den Wunschlisten zahlreicher Spitzenvereine. Die müssen sich allerdings, wenn es nach Heidel geht, noch etwas gedulden: „Aktuell gibt es für Brajan Gruda keinen besseren Verein als Mainz 05.“ Ob der Spieler das genauso sieht? Ob der Verein nicht bald doch zu dem Schluss kommt, auf weitere Transfereinnahmen angewiesen zu sein? Heidel gibt sich gelassen. Aber er weiß natürlich, dass die Transferperiode noch ganz schön lang werden kann. Er erlebt sie schließlich in Mainz zum 26. Mal.

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