Auch ein Karnevalsverein kann sich den Gesetzmäßigkeiten des Fußballgeschäfts nicht dauerhaft entziehen. Gerne und nicht völlig zu Unrecht sehen sie sich bei Mainz 05 als einen erfolgreichen Gegenentwurf zu jenen Standorten in Fußballdeutschland, wo die Unruhe im sogenannten Umfeld schon mal alles andere übertönt. Verstummt der Chor der Kritiker anderswo erst nach personellen Konsequenzen, reicht es in Mainz häufig, wenn der ewige Christian Heidel den Zusammenhalt beschwört: „Wir alle gemeinsam müssen den Karren aus dem Dreck ziehen“, sagte der 62-jährige Sportvorstand auf der Mitgliederversammlung Ende November. Da war Bo Henriksen noch Trainer und sollte es auch bleiben, dem 17. Tabellenplatz zum Trotz.
Doch als noch in derselben Woche ein 0:1 in Rumänien gegen Craiova und ein 0:4 im Breisgau gegen Freiburg folgten, griffen auch in Mainz die Mechanismen des Geschäfts. Henriksen musste gehen. Dass Reserve-Trainer Benjamin Hoffmann anschließend nur ein einziges Spiel des Bundesligateams betreuen durfte (ein müdes 0:1 gegen Mönchengladbach), ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil er als langjähriger Erfolgstrainer des Mainzer Nachwuchses die logische Dauerlösung gewesen wäre. Schon Thomas Tuchel, Martin Schmidt, Sandro Schwarz und Bo Svensson empfahlen sich einst durch ihre Jugendarbeit für höhere Aufgaben am Mainzer Bruchweg.

SZ-Serie HeimatVereine:"Tuchel? Dazu wollen wir nichts sagen"
Der TSV Krumbach ist Thomas Tuchels Heimatverein, doch davon will hier niemand etwas wissen. Egal, wen man fragt: Keiner möchte mehr über den Trainer sprechen. Woran liegt das? Eine Spurensuche.
Den zweiten Bundesligaabstieg nach 2007 soll stattdessen Urs Fischer, 59, verhindern. Aktuell stehen die Nullfünfer mit sechs Punkten nach 13 Spielen auf dem letzten Tabellenplatz, Augsburg auf Rang 15 hat nach den Spielen am Samstag schon mehr als doppelt so viele Punkte. Der Schweizer Fischer, der Union Berlin einst von der zweiten Liga in ein Champions-League-Heimspiel gegen Real Madrid geführt hat, verkörpert gewissermaßen einen Bruch mit der Mainzer Binnenlogik. Denn er ist nicht nur kein ehemaliger Jugendtrainer, sondern auch niemand, der allein durch sein Auftreten automatisch Euphorie entfacht.
Vorgänger Henriksen, der den Verein vor knapp zwei Jahren in einer ähnlichen Situation übernommen hatte, sprach gerade zu Beginn seiner Mainzer Zeit mit einer ansteckenden Überzeugung vom Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Mit seiner Art begeisterte er große Teile von Mainz wieder neu für Mainz 05. Einige fühlten sich gar an Jürgen Klopp und die Zeit zu Beginn des Jahrtausends erinnert. Unter keinem Trainer war der Zuschauerschnitt in Mainz jemals so hoch wie unter Henriksen.
Jeder, der so ähnlich ist wie Bo, hätte es schwer gehabt, ihm das Wasser zu reichen.Christian Heidel, Sportvorstand von Mainz 05
Urs Fischer hingegen bezeichnet sich selbst als „pragmatisch“ und musste bei der Pressekonferenz zu seiner Vorstellung gebeten werden, doch bitte etwas näher ans Mikrofon zu rücken, damit man ihn auch gut versteht. Dass er eine alte Henriksen-Tradition fortsetzt und vor den Heimspielen die Mainzer Fans mit einem Sturmlauf vor die Kurve animiert, darf als ausgeschlossen gelten. „Ein Vulkan bin ich nicht“, sagte Fischer bei der Pressekonferenz.
Laut Christian Heidel war die Verpflichtung des Schweizers allerdings eine ganz bewusste Entscheidung: „Jeder, der so ähnlich ist wie Bo, hätte es schwer gehabt, ihm das Wasser zu reichen. Deswegen war von Anfang an die Idee, jetzt etwas anderes zu machen.“ Nötig seien in der aktuellen Situation „ein Kontrast, eine andere Ansprache“.
Wer soll die Tore schießen? Das bleibt die große Frage in Mainz
Und nicht nur menschlich, sondern auch fußballerisch dürfte Urs Fischer andere Akzente setzen als sein Vorgänger. Ihm gehe es zunächst einmal um die „Basics“, betonte er vor seinem Debüt in der Conference League auswärts bei Lech Posen. Tatsächlich gelang es den Mainzern am Donnerstagabend gegen den polnischen Meister deutlich besser, keine Angriffe durch das zuletzt so anfällige Zentrum zuzulassen. Der einzige Gegentreffer beim 1:1 fiel durch einen Elfmeter.
Offensiv steht Fischer freilich vor der gleichen Frage wie Henriksen: Wer soll die Tore schießen? Weder Nachwuchsstürmer Nelson Weiper noch Zugang Benedict Hollerbach können den im Sommer nach Frankfurt gewechselten Jonathan Burkardt bislang ersetzen, keine Mannschaft hat in der aktuellen Bundesligasaison weniger Tore geschossen als Mainz 05. Den Treffer in Polen erzielte Rechtsverteidiger Sota Kawasaki. Es gilt als ausgemacht, dass der Kader zum neuen Jahr verstärkt werden soll, auch, aber nicht nur in der Offensive.
Damit es dann nicht schon zu spät ist, wären allerdings Punkte bereits im Dezember hilfreich. Die Partie am Sonntag in München (17.30 Uhr/Liveticker SZ.de) dürfte noch als eine Art Bonusspiel durchgehen. Doch spätestens eine Woche später, am Sonntag vor Heiligabend zu Hause gegen den direkten Konkurrenten aus St. Pauli, ist ein Sieg alternativlos, sonst droht auch für Mainzer Verhältnisse ein ungemütliches Fest. Für den Punkt in Polen gab es zumindest schon mal ein „Kompliment an die Mannschaft“ vom neuen Trainer, der um Verständnis bat, dass nach so kurzer Zeit nicht alles gelingen könne.
Seit 2009 spielt Mainz 05 durchgehend in der Bundesliga, es gibt nur sechs Klubs, die am Stück noch länger erstklassig sind. Selbst der SC Freiburg, bei dem das Arbeitsumfeld als ähnlich angenehm gilt wie in Mainz, ist zwischenzeitlich mal abgestiegen. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass die Mainzer einem winterlichen Rückstand auf die Nichtabstiegsplätze hinterherlaufen. Die bis dato letzten beiden Trainer, die eine solche Aufholjagd erfolgreich anführten, hießen jeweils Bo. Svensson kam Ende 2020 als ehemaliger Spieler und Jugendtrainer, Henriksen Anfang 2024 als Animateur mit wehenden Haaren.
Jetzt, beim dritten Anlauf innerhalb von sechs Spielzeiten, soll es der in sich ruhende Urs Fischer richten. Abgestiegen ist er in seiner Zeit als Profitrainer noch nie.

