Mainz 05 - Hertha BSC:Mainzer Weg statt Big City Club

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Mainz 05 - Hertha BSC: Alte Bekannte: Mainz-Trainer Bo Svensson (links) und der als Hertha-Trainer nach Mainz zurückgekehrte Sandro Schwarz.

Alte Bekannte: Mainz-Trainer Bo Svensson (links) und der als Hertha-Trainer nach Mainz zurückgekehrte Sandro Schwarz.

(Foto: Jan Huebner/Imago)

Bei seiner Rückkehr nach Mainz kassiert Sandro Schwarz mit Hertha BSC in letzter Sekunde den Ausgleich zum 1:1 (0:1). Dem Hauptstadtclub tut die Mainzer Prägung des neuen Trainers dennoch spürbar gut.

Von David Kulessa, Mainz

Erst die Pressesprecherin, dann Bo Svensson und abschließend die Fans - der Empfang für Sandro Schwarz in Mainz fiel rund 20 Minuten vor Spielbeginn von allen Seiten sehr freundlich aus. Nachdem die ersten beiden den 43-jährigen herzlich umarmten, beließen es die 05-Anhänger wohl auch aus Zeitgründen bei einem ausführlichen Applaus und beendeten lautstark, was der Stadionsprecher erwartungsfroh begann; "Sandro?" - "Schwarz!" Der gebürtige Mainzer sagte nach dem Spiel: "Ein großes Dankeschön an die Leute, die mich hier sehr wertschätzend empfangen haben."

Etwas mehr als 15 Jahre stand Sandro Schwarz bei Mainz 05 unter Vertrag. Er spielte für die B- und A-Jugend, machte 100 Zweitligaspiele und stieg 2004 in seiner letzten Saison mit Mainz in die Bundesliga auf. 2013 kehrte er als U19-Coach zurück, betreute anschließend die U23 und wurde zur Saison 2017/18 Trainer der Profis.

Sandro Schwarz schien damals prädestiniert, der nächste Mainzer Erfolgstrainer zu werden - zumal er mit all jenen in Verbindung zu bringen war, in deren Fußstapfen er treten sollte. Unter Wolfgang Frank, mit dem alles Gute begann, wie sie in Mainz gerne betonen, hatte er genauso gespielt wie unter Jürgen Klopp, der auch sein Mitspieler gewesen war. Und Thomas Tuchel war Cheftrainer, als Sandro Schwarz U19-Coach wurde. Ebenfalls wichtig im Lebenslauf eines Mainzer Trainers: Christian Heidel höchstpersönlich holte ihn in den Verein - und war schon damals überzeugt, dass Schwarz einmal die Profis übernehmen würde, wie er dem Tagesspiegel kürzlich versicherte.

Rouven Schröder war es dann, der Sandro Schwarz vor fünf Jahren zum Bundesligatrainer beförderte - und ihn 2019 nach etwas mehr als zwei Saisons wieder entließ. Es war das Ende einer insgesamt enttäuschenden Zeit von Schwarz als 05-Trainer: Selbst der wenig geliebte Nachfolger Achim Beierlorzer hatte anschließend einen besseren Punkteschnitt. Prägend und intensiv sei die Zeit in Mainz für ihn gewesen, sagte Sandro Schwarz letzte Woche vor seiner Rückkehr: "Ich habe Mainz 05 sehr viel zu verdanken."

Nach einer 19-monatigen Zwischenstation bei Dynamo Moskau kehrte er zu Beginn dieser Saison in die Bundesliga zurück und übernahm Hertha BSC. In Berlin ist Schwarz nicht der einzige mit 05er Vergangenheit. Genau wie zuvor in Moskau (Andrej Voronin) hat er in Tamás Bódog wieder einen ehemaligen Mitspieler als Co-Trainer mitgebracht. Hinzu kommen Mittelfeldspieler Suat Serdar, den Schwarz schon seit der U19 kennt, und Neuzugang Jean Paul Boetius, zuletzt vier Jahre beim Karnevalsverein. Gegen ihren Ex-Klub ersetzte Boetius den kranken Serdar in der Startelf.

Schwarz wendet Mainzer Prinzipien in Berlin an - mit Erfolg

In Mainz schafft Bo Svensson gerade, wozu Schwarz in seiner Geburtsstadt nicht in der Lage schien: Unter Svensson, übrigens voll des Lobes für seinen Vorgänger, hat der FSV wieder auf den viel beschworenen Mainzer Weg zurückgefunden. Auf dem Platz bedeutet das eine hohe Intensität, große Laufbereitschaft und schnellen Umschaltfußball, daneben eine größtmögliche Identifikation mit den handelnden Figuren.

Rund drei Jahre nach seinem Aus in Mainz versucht Sandro Schwarz jetzt, ähnliches beim ehemaligen Big City Club zu etablieren. Vor dem Spiel in Mainz gelang ihm das mit zwei guten Auftritten in Augsburg (2:0) und zu Hause gegen Bayer Leverkusen (2:2). Seine Art kommt in Berlin gut an, die jüngsten Punktgewinne geben zudem seiner Spielidee recht.

Neuzugänge wirken besser integriert als in den vergangenen Jahren und hochpreisige Spieler wie Dodi Lukebakio oder Lucas Tousart scheinen endlich anzukommen in der Hauptstadt. Sinnbildlich dafür war der Treffer zum 1:0 am Freitagabend in Mainz: Auf Flanke des wiederholt starken Neuzugangs Chidera Ejuke köpfte Tousart in der 30. Minute zur Pausenführung ein. Sie war der Lohn für eine erste Halbzeit, in der Hertha das bessere von zwei mäßigen Teams war.

Die zweite Hälfte zeichnete sich dann in erster Linie dadurch aus, dass Schiedsrichter Frank Willenborg zunehmend die Kontrolle über das zweikampfreiche Geschehen verlor. Darunter litt die Partie, die schon in der ersten Hälfte spielerisch nicht berauschend war. Der in Führung liegenden Mannschaft schadet das naturgemäß weniger als jener, die dringend ein Tor braucht. Eine wirklich gute Chance erkämpften sich die Mainzer erst in der 94. Minute. Dann erzielte Anthony Caci mit der letzten Aktion des Spiels den Ausgleich und brachte Sandro Schwarz so doch noch um den Auswärtssieg in der alten Heimat. "Das Gegentor war extrem bitter, es fühlt sich brutal an", sagte er hinterher auf der Pressekonferenz. Dann musste er schnell weg, der Flieger nach Berlin wartete.

Um sich zu verabschieden, reichte die Zeit aber noch: Erst umarmte er Bo Svensson und dann die Mainzer Pressesprecherin. Die 05er Fans feierten da mit Torschütze Caci schon wieder jemand anderen.

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