Mainzer Klassenverbleib:Die dänische Energiequelle

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Bo Henriksen feiert in Wolfsburg den Klassenverbleib. (Foto: Selim Sudheimer/Getty Images)

Als Bo Henriksen die Mainzer übernimmt, glauben nur noch die wenigsten an den Klassenverbleib. Doch der Däne erzielt mit seiner Leidenschaft einen Trainereffekt und schafft die Rettung. Dafür mitentscheidend: die vorherige Einsicht eines anderen Bo.

Von Thomas Hürner, Wolfsburg

Wenn man so will, dann hat Bo Henriksen am Samstag mal wieder eine Art emotionalen Steigerungslauf hingelegt. Zuerst nahm Henriksen einen Mainzer Gegentreffer vergleichsweise gefasst zur Kenntnis, er spuckte auf den Boden, klatsche in die Hände und schnappte sich den Mittelfeldmann Brajan Gruda, um ihm einige offenbar prägnante Anweisungen ins Ohr zu flüstern. Worum es sich auch handelte, es schien zielführend zu sein: Jener Gruda traf wenig später zum Mainzer 1:1; Henriksen ballte die Hände zu Fäusten und hüpfte mit zwar sperrangelweit geöffneten Augen, aber weiter relativ verhalten durch seine Coaching-Zone. Ein wenig höher hüpfte er schon nach Sepp van den Bergs 2:1-Führungstor.

Dann die letzten Meter seines emotionalen Crescendos: Als Jonathan Burkardt den dritten und somit vorentscheidenden Treffer erzielte, zog Henriksen zu einem Sprint entlang der Außenlinie an, ein kleiner Kraftakt, der in einer Jubeltraube aus glückseligen Mainzer Fußballern, Betreuern und Verantwortlichen endete. Und schließlich der Schlusspfiff zum 3:1-Sieg gegen den VfL Wolfsburg, der gleichbedeutend mit dem Klassenverbleib war. Ein Klassenverbleib, an den vor wenigen Wochen nicht mal die Mainzer selbst noch geglaubt hatten, weil ihre Lage aussichtsloser erschien als eine Trainersuche beim FC Bayern.

Henriksens bisherige Bilanz in Mainz wäre europapokaltauglich

Dann kam dieser Bo Henriksen, 49. Und deshalb wollten in der Wolfsburger Arena nun alle zu ihm: Der Mainzer Sportvorstand Christian Heidel knuddelte den Dänen ausgiebigst, während sie gemeinsam Freudenschreie ausstießen; von einigen Spielern wurde er in eine Art Schwitzkasten genommen; und dann versammelte sich die Mainzer Delegation vor dem den gesamten Tag über stimmungsgeladenen Auswärtsblock. "Niiieee meeehr zweite Liga", schallte es von dort entgegen.

Wahrscheinlich steckte in diesem Nachmittag alles, was dieser unverwüstliche und auch ein wenig verrückte Trainer bei diesem Klub so bewerkstelligt hat. Denn so losgelöst, wie die Mainzer jubelten, hatten sie davor gespielt - zumindest von jenem Fastnachtssonntag an, an dem sich die Mainzer Verantwortlichen in einem Hotel zu einem Erstgespräch mit Henriksen verabredet hatten.

Viele kleine Heldengeschichten hatte man von diesem Coach gehört, beim FC Zürich hatte er mal ein Team in ähnlich mieser Lage übernommen und aus einem Leistungsloch herausgeführt. So ein mittelgroßes Wunder, das war den Beteiligten klar, würden die Mainzer nun auch brauchen: Als Henriksen übernahm, hatten sie mickrige zwölf Punkte aus 21 Spielen geholt. Mit Henriksen kamen in 13 Spielen 23 Zähler hinzu - eine Bilanz, die in einem isolierten Wettbewerb für einen Europapokalplatz gereicht hätte.

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"Mein Ziel war es, den Glauben zurückzubringen", sagte Henriksen nun und klang dabei genauso energiegeladen, wie er zuvor am Spielfeldrand herumgetigert war. Schließlich habe man es "hier mit Menschen zu tun", ergänzte der Coach: "Es gibt keinen Spieler, der mit Absicht Böses tut oder mit Absicht schlecht spielt. Im Fußball geht es um Glauben. Glauben ist alles." Eine schwungvolle Rede war das, Henriksen hätte sie auch problemlos vor dem Priesterseminar des Bistums Mainz halten können.

Vermutlich würde sich der Däne aber eher als eine Art Lifecoach für Fußballer sehen, er versteht es wie sonst nur wenige, seine stets nach vorn gerichtete Leidenschaft an sein Team weiterzugeben - denn jene Leidenschaft ist unabdingbar, um den von ihm intendierten Trainereffekt zu erzielen: Wer nicht mehr ans Verlieren denkt, gewinnt häufiger. Und wer oft genug gewinnt, der merkt, dass es gerade im Kampf um den Klassenverbleib weniger entscheidend ist, in welchem Halbraum ein Sechser zu welchem Zeitpunkt asymmetrisch reinkippt. Entscheidend ist für Henriksen, mit welcher Energie die Spieler dieses oder jenes tun - und vor allem, mit welcher Energie sie die Fehler ihrer Teamkollegen ausbügeln.

Das Fundament für den Mainzer Klassenverbleib war Bo Svenssons Selbsteinsicht

"Be fucking brave", das habe Henriksen laut Erzählung des Mainzer Sportdirektors Martin Schmidt circa "10 000 Mal" von seinen Spielern eingefordert. Jugendfreie Übersetzung: Seid mutig, verdammt noch mal! Jener Schmidt war selber mal Mainzer Trainer und weiß, dass der Name Jürgen Klopp als ständiger Referenzpunkt durch den Klub geistert, obwohl derlei Vergleiche bekanntlich zwecklos sind. Aber wenn klitzekleine Parallelen da sind, wieso diese dann verschweigen?

Wie Henriksen hat Klopp ein bekanntlich von Grund auf positives Gemüt, das für seine Mannschaft als permanent anzapfbare Energiequelle bereitsteht. Wie Henriksen wurde Klopp an einer Fastnacht als Mainzer Chefcoach installiert, damals ebenfalls als dritter Trainer in einer bis dahin wirklich abstiegsreifen Saison. Was allerdings mit Blick auf diesen Klassenverbleib auch nicht untergehen sollte, ist die Leistung eines anderen Bo, die realistische und demütige Selbsteinschätzung von Bo Svensson nämlich.

Jener Bo Svensson war zweieinhalb Jahre lang ein höchst erfolgreicher Mainzer Coach gewesen, er übernahm den Klub in ähnlich unbequemer Lage und formte einen stabilen Erstligisten. Als sich in dieser Saison bedenkliche Verschleißerscheinungen bemerkbar machten, reagierte Svensson darauf anders als viele seiner Kollegen, die bis zuletzt an ihren hochdotierten Verträgen kleben, obwohl sie sich selber nicht mehr für den richtigen Vorgesetzten halten: Svensson verabschiedete sich aus freien Stücken, mit einem tränenreichen Abschiedsvideo. Als es dann auch mit dem Interimscoach Jan Siewert nicht besser wurde, wurde mal eben ein weiterer Bo aus dem Hut gezaubert.

Doch auch die Mainzer wissen: In Momenten der Stille kommen auch wenig schillernde Wahrheiten ans Licht. "Wenn wir in Ruhe analysieren", sagte Kapitän Silvan Widmer, "dann werden wir merken, dass wir auch viel Glück hatten. Dessen müssen wir uns bewusst sein." Emotionale Steigerungsläufe lassen sich nicht ewig durchhalten. Doch wenn es einer schafft, dann womöglich Bo Henriksen, das personifizierte Danish Dynamite.

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