Ein wenig schelmisch hat Magnus Carlsen schon gewirkt, als er am Silvestertag bei der Blitzschach-WM gemeinsam mit Jan Nepomnjaschtschi die Trophäe für den Sieger in Empfang nahm. Die beiden Großmeister hatten das Finale des Turniers kurz vorher auf sehr ungewöhnliche Weise beendet. Als es nach sieben Partien 3,5 zu 3,5 stand, wollten sie nicht mehr auf Teufel komm raus einen Gewinner ermitteln, sondern den Titel lieber teilen. Der Weltverband Fide stimmte zu, und seitdem hat der Schachsport nicht nur zwei Blitzweltmeister auf einmal – sondern auch eine heftige Debatte über die Redlichkeit dieser Abläufe.
Es geht nun um die Frage, ob es in Ordnung ist, Regeln spontan an die Wünsche von Spitzenkräften anzupassen. Obendrein ist auch noch ein Video aufgetaucht, auf dem Carlsen zu seinem Gegner sagt, man könne auch einfach kurze Remis spielen, „bis sie (gemeint ist offenkundig die Fide) aufgeben“. Der Norweger wies Betrugs- und Beeinflussungsvorwürfe sofort zurück, der Beitrag sei offenkundig nur ein „schlechter Scherz“ gewesen. Fide-Präsident Arkadij Dworkowitsch teilte mit, dieser erklärende Hinweis sei sehr wichtig. Der Verband werde den Fall zwar besprechen, aber er erklärte schon mal, er sei „kein Freund von Sanktionen“.
Damit herrscht zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage viel Aufregung um Carlsen. Kurz vorher hatte sich der unbestritten beste Schachspieler der Welt von der Schnellschach-WM zurückgezogen, weil ihm die Fide nicht erlaubte, in Jeanshosen zu spielen; erst nach einer Lockerung des Reglements stieg er ins Blitzturnier ein. Carlsen versprüht zwar öfter eine selbstherrliche Attitüde. Doch die aktuellen Vorgänge bergen weit mehr als eine Debatte, wie viele Sperenzchen sich ein Vorzeigespieler herausnehmen darf. Tatsächlich illustrieren sie den Machtkampf, der gerade läuft: den Versuch von Carlsen und seinen Mitstreitern, sich neben oder gleich über dem Weltverband als eigentlich maßgebliche Kraft des Schachsports zu etablieren.
Carlsen hat im Schachsport quasi alles erreicht, was ein Spieler erreichen kann. Der 34-Jährige ist seit 2011 Erster der Weltrangliste und Weltmeister im klassischen Schach mit langer Bedenkzeit nur deshalb nicht mehr, weil ihn das WM-Format anödet. Seit einiger Zeit kämpft Carlsen aber nicht mehr nur um Siege am Brett, sondern auch darum, die Schachwelt komplett neu aufzustellen – wobei er längst nicht mehr nur als Sportler, sondern auch als Geschäftsmann zu sehen ist.
Das Bemühen von Spitzenathleten um mehr Einfluss ist ein Dauerthema, insbesondere in den Einzelsportarten. In den olympischen Kerndisziplinen haben sie generell kaum etwas zu melden, weil alles unter dem Diktat des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und der angeschlossenen internationalen Föderationen steht. Aber auch in den lukrativeren Branchen ist es oft schwierig. Im Radsport etwa ist der Einfluss der Sportler überschaubar, im Tennis sind selbst die Größten der Zunft wie Roger Federer rasch an Grenzen gestoßen, wenn sie die Interessen der Spieler gegen die Interessen der Turnierveranstalter durchsetzen wollten.
Der Schachsport hat schon mal eine Spaltung in zwei Verbände erlebt
Für Carlsen hingegen sieht es gerade nicht schlecht aus. Er weiß einige andere prominente Großmeister an seiner Seite, und der Fide ist nur zu bewusst, welche Bedeutung Carlsen für den Schachsport besitzt; sie kann es sich mit ihm nicht wirklich verscherzen. Und vor allem hat Carlsen ein paar finanzkräftige Verbündete. Vor einem Jahr tat er sich mit dem Hamburger Unternehmer Jan Henric Buettner zusammen; sie wollen die Schach-Variante „Freestyle“ groß machen, bei der die Figuren auf der Grundreihe zu Beginn nicht in der klassischen Anordnung, sondern in einer ausgelosten Formation aufs Brett kommen. Nebenbei ist Carlsen Botschafter für den E-Sports-Weltcup in Riad, der 2025 Schach in sein Programm aufnimmt.
Ein wenig erinnert das alles an die Formel 1, die Bernie Ecclestone mit einigen Fahrern einst abseits des Motorsport-Weltverbandes hochgezogen hat. Oder an den Golfsport, wo die immensen Investitionen aus Saudi-Arabien die etablierte US-Tour nachhaltig herausfordern. Zugleich erinnert es auch an eine frühere Phase des Schachsports. Mitte der Neunzigerjahre kam es zwischen damaligen Topspielern und der Fide zu einem großen Knall – und zu einer Spaltung der Schachwelt in zwei Verbände. Bis 2006 gab es sogar zwei Weltmeister nebeneinander.
So weit ist es aktuell nicht. Aber es wirkt auch nicht mehr allzu unwahrscheinlich, dass Magnus Carlsen doch noch mal Weltmeister wird - in einer Welt, in der er selbst maßgeblich das Sagen haben könnte.


