Schachprofi Carlsen in Hamburg:Ein Weltstar für den Kiezklub

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Magnus Carlsen. (Foto: Marcus Brandt/dpa)

Magnus Carlsen am Brett für den FC St. Pauli: Das ist ein bemerkenswerter PR-Coup. Doch er funktioniert nur dank eines reichen Gönners – und steht in einem Widerspruch zu dem Selbstverständnis, das der Verein im Fußball gerne pflegt.

Von Thomas Hürner, Hamburg

Die Meldung dürften viele zunächst für eine Art nachgereichten Aprilscherz gehalten haben: Magnus Carlsen, der beste Schachspieler der Welt und zudem ein globaler Sportstar, wird fortan für den FC St. Pauli schwarze Bauern und weiße Türme übers Karobrett bewegen. Etliche Medien packten daraufhin den Begriff „Sensation“ in ihre Überschriften, der paulianische Fußball-Proficoach Fabian Hürzeler sprach von einer „großen Ehre“, den „besten Schachspieler aller Zeiten hier zu haben“. Und natürlich wurden auch sofort die typischen Analogien zum Fußballsport gezogen.

Wenn Carlsen, 33, das gerade erst in die erste Liga aufgestiegene Schachteam bereichert, wieso dann nicht auch Messi, Ronaldo oder Mbappé für die seit Neuem ebenfalls erstklassige Profimannschaft der Kiezkicker? Und überhaupt: St. Pauli? Erwartet sich der linke Rebellenklub, der dem Kommerz eigentlich äußerst kritisch gegenübersteht, durch diese Verpflichtung nicht genau das: PR in eigener Sache?

Nun, die Antwort auf diese Frage lautet: Ja. Und die Beteiligten machen da alle auch kein Geheimnis draus. Immerhin wurde Carlsen selbst in der offiziellen Verlautbarung zu der vor zwei Wochen bekanntgegebenen Partnerschaft mit den Worten zitiert, er freue sich, für eine der „coolsten Marken in Deutschland“ antreten zu dürfen. Und weil Carlsen wiederum selbst eine Marke ist, ist das Interesse an einer intensiven Geschäftsbeziehung beidseitig. Wobei es sich in diesem Fall um eine Art Dreieckspartnerschaft handelt.

Der Finanzier ist der deutsche Multimillionär Jan Henric Buettner, der den Schachsport populärer machen will

Denn hinter dem Deal steckt der deutsche Multimillionär Jan Henric Buettner, der mit seiner Weissenhaus Chess Academy das deutsche Spitzenschach fördern und populärer machen will. Buettner und Carlsen kennen sich: Der Norweger war schon Gesicht und Referenzperson der „Freestyle Chess G.O.A.T. Challenge“ am Weissenhäuser Strand, einem hochkarätig besetzten und vor allem über digitale Kanäle übertragenen Turnier, bei dem Buettners Ambitionen in der Schachwelt erstmals sichtbar wurden. Der Mäzen weiß deshalb, dass Carlsen enorme Reichweite bringt. Es habe keine „große Überzeugungsarbeit gebraucht“, sagte Buettner der Nachrichtenagentur dpa –wahrscheinlich wohl wissend, dass er seinem liebsten Schachschützling die überzeugendsten Argumente längst vorgelegt hatte.

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Wie viel Carlsen mit seinem St. Pauli-Engagement verdient, ist nicht bekannt. Das Geld sei „nicht der entscheidende Faktor gewesen“, sagt Vereinsmitglied Oliver von Wersch, der bei der Carlsen-Verpflichtung als eine Art Mittelsmann zwischen dem FC St. Pauli, Buettner und der Entourage des Norwegers involviert war. Die finanziellen Lasten sind ohnehin eindeutig verteilt: Die Ressourcen des Schachressorts übersteigt Carlsens Marktwert deutlich, bezahlt wird der Norweger vom Mäzen Buettner – und zwar komplett.

Die Kalkulation dabei: „Das bringt die Bekanntheit von Schach und die Aufmerksamkeit für den Verein auf ein neues Level“, sagt von Wersch. „Zugleich hat es auch im Verein das Interesse für unsere Abteilung gesteigert, etwa im Präsidium und in der Vermarktung, weil das Merchandising davon profitieren wird.“ Die Beteiligten haben somit ein Modell entwickelt, das in der paulianischen Fußballabteilung aus Prinzipientreue kaum vorstellbar wäre: Ein internationales Aushängeschild, finanziert von einem Mäzen, soll das Unternehmen mit Wachstumsanreizen versorgen, indem er mediales Interesse und im besten Fall sportlichen Erfolg mitbringt. Für die Schachabteilung ist das jedenfalls möglich – und für die Fußballer soll im Windschatten auch ein bisschen was abfallen.

In der Bundesliga spielen viele starke Großmeister – aber oft nur ein paar Mal pro Jahr

Mäzenatentum kommt häufiger vor in der Schachbundesliga, auch prominente Namen finden so immer wieder mal ihren Weg in diese Spielklasse. Solche Akteure reisen zumeist für ausgewählte Spieltage an, ihre Trainingseinheiten absolvieren sie in vertrauten Umgebungen, mit ihren Teamkollegen haben sie kaum Kontakt. Schach ist nun mal ein Solistensport. Der Streaming-Star Hikaru Nakamura etwa stand in der vergangenen Saison im Kader des Kleinstadtklubs SC Viernheim, spielte aber nur drei von 15 möglichen Partien.

Ähnliches steht auch von Magnus Carlsen zu erwarten; sein Heimdebüt für den FC St. Pauli ist aktuell für März 2025 geplant. Sehr wahrscheinlich wird Carlsen dann auch so einige Auftritte neben dem Schachbrett absolvieren, und zwar in kurzen Hosen und mit hochgezogenen Stutzen. „Die Leute aus der Geschäftsstelle“, sagt Vereinsmann von Wersch, seien „gleich auf uns zugekommen und meinten, Magnus Carlsen könne ja mal bei den Fußballern mittrainieren“, wenn er gerade nicht anderweitig beschäftigt sei. Schicke Bilder inklusive.

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Jedoch: Carlsen, der privat Real Madrid anfeuert, soll nicht nur ein fähiger Fußballer sein; auch das Hamburger Millerntorstadion sowie das paulianische Totenkopfsymbol sollen ihm immer schon zugesagt haben. Der Norweger, heißt es aus dem Klub, habe sogar bereits ein Spiel von der Tribüne aus verfolgt – weit bevor ein Wechsel zum Kiezklub überhaupt im Raum gestanden habe. Auch wegen dieses Hintergrundwissens habe Vereinsmann von Wersch „die Carlsen-Seite mit Material versorgt, etwa mit Stimmungsbildern aus dem Stadion“, aus seiner Sicht habe das letztlich den Ausschlag gegeben. Auch der frühere Pauli-Spieler Mats Möller Daehli, der von 2017 bis 2019 beim Kiezklub spielte und wie Carlsen aus Norwegen stammt, habe angeblich Überzeugungsarbeit geleistet; aus dieser Zeit existieren überdies Schnappschüsse von Carlsen im St.-Pauli-Trikot bei Freizeitkicks.

Die Partien für St. Pauli werden nicht Carlsens erste Auftritte in der höchsten deutschen Schachliga sein; schon vor 20 Jahren gab er als 14-Jähriger sein Debüt bei den Schachfreunden Berlin-Neukölln, von 2006 bis 2009 stand er in Diensten des deutschen Serienmeisters OSG Baden-Baden. Beim Aufsteiger St. Pauli soll er nun dabei mitwirken, den Klassenverbleib zu sichern. Ohne hochkarätige Zugänge wäre das laut Vereinsmann von Wersch ein nahezu unmögliches Unterfangen gewesen.

Und auch hier ist Unterstützung zu erwarten: Es heißt, dass der Unternehmer und Schach-Förderer Jan Henric Buettner bei der Verpflichtung weiterer Großmeister helfen will.

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