Magic Moments - EM 1996 "Am Ende gewinnen immer die Deutschen"

Bei der EM 1996 sollte Torwart Oliver Kahn als Feldspieler aushelfen. Doch der Fußballgott hatte ein Einsehen - und die DFB-Auswahl Glück beim Elfmeterschießen.

Von Bernd Oswald

1996 war die erste EM mit 16 Teams, die erste "richtige" EM also. Von nun an waren praktisch immer alle Großen dabei - auch wenn man sich dann nicht mehr so diebisch freuen konnte wie früher, als Italiener (selten), Engländer und Franzosen (manchmal) oder Holländer (öfter) in der Qualifikation hängen blieben. 1996 waren alle am Start und die Engländer hatten die Ehre, die erste 16er-EM austragen zu dürfen. Tatsächlich machten die selbsternannten Erfinder des Fußballs was aus dem Heimvorteil und drangen ins Halbfinale vor, nachdem sie - kein Witz - das ELFMETERSCHIEßEN gegen Spanien gewonnen hatten. Nächster Gegner war die deutsche Mannschaft. Während das Boulevardblatt Daily Mirror in der ihm eigenen Mischung aus britischem Humor, Klischeehaftigkeit und Militarismus "Achtung! Surrender! For you Fritz ze Euro 96 iz over" (dazu war Englands Spielmacher Paul Gascoigne mit Stahlhelm abgebildet) titelte, hatte man beim DFB andere Sorgen: eine Startelf zusammenzubekommen.

Nationalspieler Oliver Bierhoff traf im Finale 1996 gegen Tschechien.

(Foto: Foto: AP)

Sieben Ausfälle

Gleich reihenweise fielen die Spieler aus. Malad meldeten sich ab: Jürgen Kohler, Mario Basler, Fredi Bobic, Jürgen Klinsmann und ein bedauernswerte Verteidiger namens René Schneider, der gefühlte 92 Prozent seiner Fußballerkarriere verletzt war. Manndecker Thomas Helmer schleppte sich nach einem Tritt des italienischen Angreifers Pierluigi Casiraghi (den der ebenfalls angeschlagene Mittelfeld-Rastelli Thomas Häßler weiland "Kawasaki" genannt hatte) von Spiel zu Spiel. Sieben Ausfälle bei 19 Feldspielern, da wird es eng.

Die Fernsehbeiträge begannen nicht mehr mit Formberichten oder taktischen Überlegungen, im Zentrum des Interesses der Fußballnation stand das medizinische Bulletin. Die DFB Ärzte arbeiteten auf Hochtouren, doch das Lazarett lichtete sich nur zäh. Was tun? Einen schamanischen Medizinmann engagieren? Neue Spieler einfliegen und in den Trikots der Verletzten auflaufen lassen? Kampflos aufgeben? In Unterzahl antreten?

Doch Bundestrainer Berti Vogts war nicht um eine gewagte Idee verlegen, so gewagt, dass er lieber Pressesprecher Wolfgang Niersbach vorschickte, um sie unters Volk zu bringen: Die Ersatztorhüter Oliver Kahn und Oliver Reck sollten in der Not als Feldspieler aushelfen. Das war kein Witz, wie spätestens dann klar wurde, als Niersbach weiße Dressen, die mit "12 Kahn" und "22 Reck" beflockt waren, in die Kameras hielt. Der spielende Torhüter à la Jens Lehmann oder René Adler war damals noch nicht erfunden, insofern wirkte die Maßnahme, als würde man zwei Gewichtheber bei der Jongleur-WM antreten lassen.

Blut, Schweiß und Tränen

Der Fußballgott hatte dann doch ein Einsehen, dass Kahn oder Reck im Feld möglicherweise zu Schadenersatzansprüchen seitens der Zuschauer oder des Platzwarts geführt hätten. Und so sorgte dafür, dass Vogts am 26. Juni elf Spieler auf den Rasen schickte, die die Feldarbeit getreu ihrer Konditionierung verrichten konnten: Köpke - Sammer - Babbel, Helmer - Reuter, Freund, Eilts, Ziege - Möller, Scholl - Kuntz.

Es folgte ein Blut-, Schweiß- und Tränen-Spiel, wobei die Tränen auf englischer Seite flossen, nachdem sich Gary Linekers Weisheit "Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach und am Ende gewinnen immer die Deutschen" mal wieder bewahrheitet hatte. Wenn es gegen England geht, muss man hinzufügen: nach 120 Minuten und Elfmeterschießen.

Auch auf das gesamte Turnier gesehen hatte Lineker recht. Vor dem siegreichen Finale gegen Tschechien durfte der DFB dank einer Ausnahmegenehmigung der Uefa übrigens einen 23. Spieler nachnominieren: Jens Todt. Aber das ist eine andere Geschichte.