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Männer:Mit Klasse und Masse

Tischtennis-EM - Deutschland - Tschechien

Patrick Franziska.

(Foto: Remy Gros/dpa)

Über Jahre haben Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov das deutsche Tischtennis dominiert. Nun löst sich Patrick Franziska aus ihrem Schatten und wird mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Japan zu einer echten Gefahr.

Von Ulrich Hartmann, Nantes/Düsseldorf

Tischtennisprofis benötigen einen mikroskopischen Blick. Am Aufdruck des fliegenden Balls erkennen sie die Rotation, und in den Augen ihres Kontrahenten dechiffrieren sie dessen Gemütszustand. Als Patrick Franziska neulich gegen den Chinesen Xu Xin gespielt hat, schlug er dem derzeit besten Spieler der Welt manchen Ball um die Ohren. "Als ich gesehen habe, dass Xu Xin die Augen rollt, ging meine Brust noch weiter raus", erinnert er sich. Franziska wurde immer stärker und hatte sogar Matchball - doch er verlor in sieben Sätzen. Sein Gewinn war die Erkenntnis, mit den besten Chinesen mithalten zu können. Auch dieses Gefühl hat aus ihm die Nummer 15 der Weltrangliste gemacht. Seine noch besser platzierten Kollegen im Nationalteam, Timo Boll, die Nummer sieben der Welt, und Dimitrij Ovtcharov (Nummer 12) müssen sich langsam Sorgen machen.

Franziska, 27, stammt aus Bensheim in Südhessen und tritt für Saarbrücken in der Bundesliga an. Seit zehn Jahren spielt er im Schatten von Ovtcharov, 30, und Boll, 38. Doch langsam holt er auf. Zuletzt besiegte er die Top-Ten-Chinesen Fan Zhendong und Liang Jinkun sowie den schwedischen WM-Zweiten Mattias Falck. Das ist auch deshalb spannend, weil bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio nur zwei Deutsche im Einzel antreten dürfen. "Wir haben im Moment drei Topspieler", sagt Bundestrainer Jörg Roßkopf: "Da kann sich auch ein Timo Boll nicht ausruhen."

Natürlich gibt es bei Olympia auch einen Teamwettbewerb. Boll plus Ovtcharov plus Franziska - das ergibt ein Trio, vor dem selbst die Chinesen größten Respekt haben. In dieser Woche spielen die drei Deutschen bei der Mannschafts-EM in Nantes, es gibt kaum einen Zweifel daran, dass sie am Sonntag Europameister werden können. Der Blick geht vielmehr schon Richtung Tokio. Zwei Mal Bronze (2012 und 2016) und eine Silbermedaille (2008) hat das deutsche Männerteam zuletzt bei Olympia gewonnen. Und 2020?

Noch nie haben deutsche Tischtennisspieler so oft Chinesen besiegt wie in den vergangenen drei Jahren. Franziska erzählt: "Als ich gegen Fan Zhendong einen 0:2-Satzrückstand ausgeglichen und noch gewonnen habe, da habe ich zum ersten Mal hundertprozentig daran geglaubt; dieses Gefühl kannte ich vorher nicht." Damit ist er endgültig auf Bolls und Ovtcharovs Niveau angekommen. "Im Moment sehe ich alle drei auf dem selben Level", sagt Roßkopf: "Timo ist einen Tick sicherer in seinen Ergebnissen, Patrick ist einen Tick gefährlicher und Dimitrij ist nach seiner Verletzung wieder sehr stabil." Für Franziska, den Junioren-Europameister von 2010, war die wichtigste Entwicklung zuletzt die mentale. "Im Tischtennis brauchst du sehr viel Selbstvertrauen", sagt er, "weil dieser Sport selbst für uns Spieler manchmal schwer zu verstehen ist." Er muss grinsen, wenn er das sagt, es klingt ja seltsam. Er meint damit die bisweilen unergründlichen Vorgänge im Kopf, die darüber entscheiden, ob man ein Spitzenspieler wird - oder nur fast. "Es geht alles so schnell, wenn du da nicht in jeder Millisekunde mit dem Kopf voll da bist, dann triffst du den Ball zu spät und dann ist es gegen die Besten schon vorbei."

Seinen Durchbruch in die Weltspitze macht Patrick Franziska ausgerechnet daran fest, dass er vor drei Jahren den Serienmeister Borussia Düsseldorf und damit auch das Tischtennis-Leistungszentrum Düsseldorf verlassen hat. Dort herrschen optimale Bedingungen, aber Franziska hatte das Gefühl, seinen eigenen Weg gehen zu müssen. "Ich musste mal raus - in die weite Welt." Nach Saarbrücken? Wieder grinst er. "Ich musste meinen eigenen Weg gehen, eigene Entscheidungen treffen." Das hilft auch im Sport. "Wenn es 9:9 steht, muss ich am Tisch auch selbst entscheiden, wie ich an den Ball gehe." Beim Tischtennis gewinnt man allein, und man verliert allein. Insofern kann das Spiel eine Metapher für das Leben sein.

Seit eineinhalb Jahren arbeitet Patrick Franziska mit dem Mentalcoach Christian Zepp zusammen. Oft geht es in ihren Gesprächen nicht um Tischtennis, eher um Grundsätzliches. Profitiert hat er davon aber spielerisch. Franziska ist 1,90 Meter groß, doch im Kopf war ihm diese Größe lange nicht bewusst. Mittlerweile setzt er sie gezielt ein. "Dann geht die Brust raus und der Kopf nach vorne, ich will Selbstvertrauen ausstrahlen, und das geht besser, wenn man ein bisschen Masse hat." Das zeigt langsam Wirkung - sogar in den eigenen Reihen im Kampf um die Olympiaplätze. "Jetzt, da wir Patricks Atem im Nacken spüren", sagt Ovtcharov, "trainiert man öfter mal lieber noch 'ne Stunde länger."

© SZ vom 08.09.2019
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