bedeckt München 14°

Madrid:Real startet denkbar schlecht in seine neue Ära

Supercup Real Madrid - Atletico Madrid

Reals Sergio Ramos (l.) und Karim Benzema bei der Niederlage gegen Atlético.

(Foto: dpa)
  • Atlético Madrid siegt verdient 4:2 gegen Lokalrivale Real im Duell um den europäischen Supercup.
  • Nach dem Abschied von Trainer Zinédine Zidane und 450-Tore-Angreifer Cristiano Ronaldo startet Real also denkbar schlecht.
  • Ein paar Unzulänglichkeiten treten an dem Abend zutage. So war kaum zu verbergen, dass Real nun ein Mittelstürmer fehlt.

Von Javier Cáceres

In diesen Zeiten des vollglobalisierten Fußballs hat Real Madrid schon so einige Flugmeilen gesammelt. Doch keine noch so interkontinentale Reise mutete so lang an wie jene, die Spaniens Rekordmeister in der Nacht zum Donnerstag antrat. Nicht weil zwischen Tallinn und Madrid vier Flugstunden liegen. Sondern weil die Madrilenen ein Gefühl zu bekämpfen hatten, das sie in diesem Jahrtausend nie kennengelernt hatten.

Ausgerechnet Ortsrivale Atlético Madrid hatte in der estnischen Hauptstadt den europäischen Supercup gewonnen. Nach dreizehn internationalen Finalsiegen in Serie hat Real Madrid zum ersten Mal seit der Niederlage beim Weltpokal-Finale von 2000 gegen den argentinischen Kultklub Boca Juniors ein internationales Endspiel verloren. Dass es am Ende 4:2 für Atlético stand, ließ den neuen Trainer von Real Madrid, Julen Lopetegui, 51, umgehend in einem schlechteren Licht dastehen als Vorgänger Zinédine Zidane. Denn der hatte in 149 Partien als Coach nie einem Spiel beiwohnen müssen, in dem sein Team gleich vier Gegentore kassierte.

Es hätte, zusammengefasst, am Vorabend des Ligastarts in Spanien an diesem Wochenende kaum einen schlechteren Start in die neue Ära geben können, in das erste Jahr nach der Abwanderung von Cristiano Ronaldo zu Juventus Turin. Ob der Stürmer, der neun Jahre lang für rund 50 Tore pro Saison gebürgt und in 438 Spielen 450 Tore erzielt hatte, in Italien wohl tatsächlich lachte, wie die Zeitung El Periódico aus Barcelona vermutete?

Wer weiß, Ronaldo ging durchaus im Groll. Wenn er gelacht haben sollte, dann darüber, dass ihn Real durchaus vermisste, der Brasilianer Casemiro gab das sogar zu: "Welche Mannschaft würde ihn nicht vermissen?" Doch Ronaldo könnte sich auch darüber amüsieren, dass Real nach drei Champions-League-Titeln in Serie in unruhige Gewässer geraten ist. Und vielleicht nicht wieder herausfindet.

Die Frage, ob Real noch auf dem Transfermarkt tätig wird, ließ Butragueño offen

In der Klubzentrale ist man zwar noch immer davon überzeugt davon, dass es richtig war, sich von Ronaldo zu trennen. Doch es konnte nicht einmal der Versuch angegangen werden, einen Ersatz von vergleichbarer Strahlkraft zu verpflichten: Der Brasilianer Neymar und der Franzose Kylian Mbappé teilten mit, dass sie bei Paris Saint-Germain bleiben wollen. Dafür machten Gerüchte die Runde, dass Linksverteidiger Marcelo geneigt war, seinem portugiesischen Freund Ronaldo nach Turin zu folgen, und dass der kroatische WM-Held Luka Modric gern nach zu Inter Mailand wechseln will. "Es gibt kein Thema Modric", beteuerte Reals Klub-Direktor Emilio Butragueño am Mittwoch. Die Frage, ob Real noch auf dem Transfermarkt tätig wird, ließ Butragueño offen. "Wir sind mit diesem Kader zufrieden", sagte er.

Den ersten namhaften Pokal der Saison in Europa sichert sich also Atlético Madrid gegen den ewigen Rivalen Real.

(Foto: Janek Skarzynski/AFP)

Ein paar Unzulänglichkeiten traten im Spiel gegen Atlético allerdings zutage. Real zeigte in der ersten Halbzeit eine ansprechende Leistung, war nach dem frühen Gegentor durch Diego Costa (1. Minute) überlegen und ging nach dem Ausgleich durch Karim Benzema (27.) und einem Elfmetertreffer von Sergio Ramos (63.) zurecht in Führung. Nach dem Ausgleich durch den überragenden Costa (79.) fiel Real aber spätestens in der Verlängerung in sich zusammen. Den Treffern von Saúl, der ein Traumvolleytor erzielte (98.), und Koke (104.) hatte Real nichts mehr entgegenzusetzen.

Das lag auch daran, dass für den defensiven Mittelfeldspieler Casemiro, der ausgewechselt werden musste, ein Backup fehlt: Sein bisheriger Ersatzmann Mateo Kovacic hat sich zum FC Chelsea verabschiedet. Und auch wenn Benzema und Gareth Bale nicht enttäuschten, so war kaum zu verbergen, dass Real ein Mittelstürmer fehlt. Die bislang teuersten Zugänge des Sommers, der gerade erst 18-jährige Brasilianer Vinicius Júnior (45 Millionen Euro/Flamengo Rio de Janeiro) und Belgiens Nationaltorwart Thibaut Courtois (35 Millionen Euro/ FC Chelsea), kamen nicht zum Einsatz.

Im Mai 2019 findet in Atléticos Stadion das Champions-League-Finale statt

In jedem Fall siegte Atlético auch in den Augen Lopeteguis verdient und erweckte dabei erstmals seit Jahren den Eindruck, eine bessere Reservebank zu haben als Real. Dass Antoine Griezmann nur eine gute Stunde mitwirkte und nicht weiter auffiel, hatte keinerlei Auswirkungen auf den schlüssigen Vortrag Atléticos. Zumal Griezmanns französischer Weltmeisterkollege Thomas Lemar, vormals AS Monaco, eine formidable Leistung bot.

Supercup Real Madrid - Atletico Madrid

Pokal gewonnen – auch dank eines famosen Abschlusses von Saúl Niguez in der Verlängerung.

(Foto: Marius Becker/dpa)

Lemar trug übrigens mit einer Ablöse von 70 Millionen Euro einen erklecklichen Teil zu den Ausgaben der spanischen Liga bei, sie liegen derzeit bei 750 Millionen Euro. Dass Atlético sich mit Einkäufen für rund 125 Millionen Euro in diesem Sommer genauso spendabel zeigte wie Real und Meister Barcelona, hat einen Grund: Im Mai 2019 findet in Atléticos Stadion das Champions-League-Finale statt, daheim soll endlich der erste Henkeltopf der Klubgeschichte geholt werden. Ob er sich dem Ziel näher wähne, wurde Atlético-Trainer Diego Simeone gefragt. "Valencia", lautete seine lapidare Antwort. Das ist am Sonntag der erste Saisongegner seines Teams, das beim Kampf um den Titel in Spanien ein Wörtchen mitreden dürfte.

© SZ vom 17.08.2018/jki
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema