Transfer zu Inter Mailand:Lukaku kehrt als geschrumpfter Gigant heim

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Transfer zu Inter Mailand: Zurück bei Inter, zurück auf Null: Romelu Lukaku.

Zurück bei Inter, zurück auf Null: Romelu Lukaku.

(Foto: Miguel Medina/AFP)

Nach nur einem Jahr beim FC Chelsea kommt Romelu Lukaku, der "gigante buono", zurück nach Mailand. Dort muss der Belgier sich aber nicht nur sportlich, sondern auch bei den Fans von Inter neu beweisen.

Von Thomas Hürner

Vom Giganten geschrumpft auf Miniaturformat, eine Verzwergung in nicht mal einem Jahr. Kann das sein? Und wenn ja: wie? Keine zwölf Monate ist es her, da galt Romelu Lukaku noch als riesenhafter Fußballer, nicht nur wegen seiner Statur, 1,91 Meter groß, 93 Kilo schwer. Der Belgier ist ein Wandschrank, der die Geschwindigkeit und die Wucht eines Güterzugs aufnehmen kann. Von Null auf Hundert in wenigen Sekunden, explosiv, stark, zielstrebig, ausgestattet mit dem kaum erlernbaren Gespür für die Situation.

"Gigante buono", riefen ihn die Tifosi von Inter Mailand, sie liebten ihren gutmütigen Riesen. Doch dann das: Lukaku ging im August 2021 fort, für angeblich 115 Millionen Euro zum FC Chelsea. Inter brauchte dringend Geld, in London wurde Lukaku damit zugeschüttet. Kolportiertes Gehalt: 13 Millionen Euro, netto. Das machte ihn zum historischen Spitzenverdiener eines damaligen Oligarchen-Klubs, in dem Geld nicht die größte Rolle spielte. Man hatte ja genug davon.

Lukaku kehrt per Leihgeschäft zu Inter zurück - und sorgt so für einen formidablen Bilanzgewinn

Das alles ist nicht ganz unwichtig in Anbetracht der Bilder, die am Mittwochmorgen in den italienischen Medien und in den sozialen Netzwerken kursierten. Zu sehen war Lukaku, grinsend und mit einem schwarz-blauen Schal um den Hals, den Vereinsfarben Inters. Die Rückkehr zum italienischen Traditionsklub wurde am Abend als perfekt gemeldet, am Nachmittag hatte er die medizinischen Checks absolviert. Für Inter sieht erst mal alles nach einem formidablen Geschäft aus: Eine Leihe auf ein Jahr, mit einem Volumen von circa zwölf Millionen Euro, auch die Bezüge des Stürmers wurden auf ein verträgliches Maß zurückgestutzt - der große Gewinner ist die Bilanz Inters, ohne jeden Zweifel.

Und doch, es werden in Italien auch heiße Debatten über diese Personalie geführt. Handelt es sich nun um die Rückkehr eines Söldners, der in Beugehaltung am Flughafen Milano Linate gelandet ist, weil er mit dem englischen Tempo-Fußball überfordert war? Setzt ein Weggang die Verdienste von einst außer Kraft, oder bleiben diese Verdienste bis in alle Ewigkeit unumstößlich? Über allem schwebt auch die Frage: Wie groß ist er denn nun wirklich, der gutmütige Riese?

Ohne Lukaku verlor Inter seine Vormachtstellung in Italien

Es gibt sehr verschiedene Ansichten zu diesem Thema, womöglich kommt es vor allem auf die emotionale Nähe beziehungsweise Distanz zu Lukaku, 29, an. Die italienischen Fußball-Experten, die während der Transferphase im Fernsehen diskutieren und in den Gazetten ihre Meinungen publizieren, haben einen Chor angestimmt, in dem der Transfer als "colpo" besungen wird: als guter Deal, weil betriebswirtschaftlich umsichtig und sportlich gewinnbringend.

Unter den Inter-Fans gehen die Meinungen auseinander. In Mailand wurde Lukaku auch von singenden und jubelnden Tifosi empfangen, doch der harte Kern ist auf Distanz zum früheren Publikumsliebling gegangen. Noch vor Lukakus Ankunft in Mailand haben die Ultras aus der Curva Nord, der gefürchteten Fankurve Inters, ein Statement veröffentlicht. Inhalt: Man solle nicht in die Falle tappen und Lukaku nun "sabbernd hinterherrennen", jedes Fünkchen Liebe müsse sich der Stürmer neu erarbeiten. "Er wurde unterstützt und behandelt wie ein König, nun ist er einer von vielen", finden die Inter-Ultras. Sie fühlten sich erniedrigt, als Lukaku nach London weiterzog, denn mit ihm ging auch das Gefühl von neuer alter Größe: Lukaku war der Star in einer Liga voller Altstars, er schoss Inter mit 24 Saisontoren zum ersten Meistertitel seit mehr als einer Dekade. Auch dank ihm glaubten die Tifosi Inters, man würde bald wieder der europäischen Hautevolee angehören. Stattdessen ging ohne ihn die nationale Vormachtstellung verloren, Meister wurde die Stadtrivalin AC Milan.

Lukaku ist ein sensibler Spieler, der Zuwendung des Trainers und des Umfelds braucht

Doch auch Lukaku wurde nicht glücklich ohne Inter, jenem Klub, bei dem er zu einem Spieler von internationalem Format wurde. 2019 wechselte der Belgier nach Italien, wurde zum Rekordtransfer Inters. Und doch hatte er kein Selbstbewusstsein dabei. Lukaku war zermürbt von schwierigen Jahren in England - aber er war auch der Wunschspieler des damaligen Inter-Trainers Antonio Conte, der Lukaku hegte und pflegte wie ein Vögelchen, das er verletzt am Straßenrand gefunden hat. Der gutmütige Riese, da sind sich Beobachter einig, braucht Zuwendung und ja, auch das: Liebe.

Daran fehlte es ihm in der vergangenen Saison, obgleich Thomas Tuchel einigen Radau machte, um Lukaku zu Chelsea zu holen. Doch Tuchel neigt nicht zu großen Gefühlen, seine Mannschaftsführung ähnelt der eines kopflastigen Technokraten - und Lukaku selbst war nur das Luxus-Puzzlestück im Kader eines amtierenden Champions-League-Siegers. Die Spieler-Trainer-Beziehung kühlte rasch ab, der sensible Lukaku wurde bockig und traf in der Liga nur acht Mal. Eher minimal für einen, den sie in Italien zum Maximus ausgerufen hatten.

Nun ist Lukaku also zurück in Mailand, bei seiner Ankunft zeigte er sich darüber "überglücklich". Der Trainer bei Inter heißt aber nicht mehr Antonio Conte, sondern Simone Inzaghi, und für den Stürmer geht es deshalb wieder komplett bei Null los: null Tore, null Titel - und nur wenig von jener Zuneigung, die ihm früher mal zuteil wurde.

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