Luiz Gustavo verlässt FC Bayern:Entscheidung für Rio

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Wer bei der WM Stammspieler sein will, muss auch im Verein Stammspieler sein. Dies wurde Brasiliens Zentralspieler Luiz Gustavo mitgeteilt.   (Foto: Facrice Coffrini/AFP)

Die Tendenz geht klar zum VfL Wolfsburg: Beim 0:1 der Brasilianer in der Schweiz wird bestätigt, dass Luiz Gustavo den FC Bayern verlässt. Er folgt damit der Empfehlung seines Nationaltrainers, der für die WM ein klares Konzept verfolgt.

Von Maik Rosner, Basel

Xherdan Shaqiri hatte längst einen Plan für den Rückflug aus Basel nach München ausgeheckt. Ähnlich wie bei der 0:1 (0:0)-Niederlage der Brasilianer gegen die Schweiz auf dem Platz sollte es seinen Kollegen Luiz Gustavo und Dante vom FC Bayern nun auch in der Luft ergehen. "Die werden schon einiges hören von mir", sagte Shaqiri und freute sich diebisch auf weitere Neckereien, wie sie ihm zuvor ja bereits auf dem Rasen geglückt waren. Dass die Schweiz den Überraschungserfolg auch einem kuriosen Eigentor durch den platzierten Kopfball des unbedrängten Daniel Alves (48.) zu verdanken hatte, tat Shaqiris Freude keinen Abbruch.

Die Gunst des Augenblicks nutzen zu wollen, war auch deshalb eine gute Idee, weil es wohl die letzte Gelegenheit gewesen sein dürfte, Gustavo auf einer gemeinsamen Dienstreise aufzuziehen. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird sich der defensive Mittelfeldspieler aus Brasilien in Kürze vom FC Bayern verabschieden. Und kaum weniger wahrscheinlich wird er sich dann dem VfL Wolfsburg anschließen. Fest fixiert ist der Transfer nach Aussage aller Beteiligter zwar noch nicht, aber dass Gustavo zweieinhalb Jahre nach seinem Zukauf aus Hoffenheim für 17 Millionen Euro und nur unregelmäßigen Einsätzen Abschied nehmen wird aus München (Bilanz dort: 64 Liga-Spiele, sechs Tore), steht spätestens seit seiner Unterredung in Basel mit Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari fest.

Dieser hat Gustavo, 26, eindringlich zum Klubwechsel geraten. "Er will einfach, dass jeder spielt aus seiner Mannschaft. Er hat gesagt, dass seine Spieler Spielpraxis haben sollen", berichtete Gustavo über das Gespräch mit Scolari: "Das ist auch für mich wichtig. Ich muss spielen, spielen, spielen. Ich will mich verbessern, auch für die WM. Deswegen ist ein Wechsel zu einem anderen Klub möglich."

Die Tendenz geht klar zu Wolfsburg. Noch in dieser Woche hoffen sie beim VfL, ihn binden zu können. Und das, obwohl Gustavo unter mehreren Interessenten zuletzt den FC Arsenal präferiert hatte. Anders als die Londoner sind die Wolfsburger aber offenbar bereit, für ihren Wunschspieler zwar nicht jede, aber doch hohe Ablöse- und Gehaltsvorstellungen zu erfüllen. Und vor allem können sie ihm auch glaubhaft den ersehnten Stammplatz zusichern.

Das ist ja vor allem Gustavos Anliegen. Seine Entscheidung, München zu verlassen, ist in erster Linie keine gegen den FC Bayern oder für einen neuen Arbeitgeber, sondern eine für Brasilien und das Ziel der Seleção: das WM-Finale in Rio de Janeiro am 13. Juli 2014. Dort, im Maracanã, soll sich Gustavos Wechsel bestenfalls mit dem Titel auszahlen. Und zwar als Stammspieler, wie zuletzt beim Confed Cup, den Brasilien durch ein 3:0 im Finale gegen Weltmeister Spanien im Juni gewann.

Welchen Wert Gustavo als unaufgeregter Balldieb und solide Ordnungskraft für Scolaris offensiv orientierte Mannschaft besitzt, war damals besser zu beobachten als am Mittwochabend in Basel. Doch auch beim 0:1 gegen die Schweiz war zu erkennen, dass Brasilien bis zu Gustavos Auswechselung nach einer knappen Stunde wenigstens einigermaßen stabil agierte, danach aber völlig die Balance verlor. Fehlenden Rhythmus haben sie danach beklagt, weil viele ihrer Kicker gerade erst in die Saison einsteigen. Grundsätzliche Sorgen waren aber nicht zu vernehmen - und das hat auch mit Gustavo zu tun.

Er ist in Scolaris Mannschaft jener Spieler, der wie bei einer akrobatischen Hebefigur die offensiv aufgefächerten Kollegen Fred, Neymar, Oscar, Hulk und auch Paulinho von unten stützt und dem gesamten Gebilde die nötige Statik verleiht. In dieser Funktion hält ihn Scolari für nahezu unverzichtbar, und um diesen Auftrag künftig wettkampferprobt erfüllen zu können, soll Gustavo sich nun fernab des FC Bayern einen Stammplatz suchen. Bei den Münchnern legt Pep Guardiola weniger Wert auf diese nicht gerade kunstvollen Dienste, obwohl sich die Systeme des FC Bayern und des fünfmaligen Weltmeisters Brasilien derzeit durchaus ähneln.

Es wäre eine feine Pointe, wenn jener Spieler die Seleção titelreif stabilisieren sollte, den Guardiola in München für überzählig hält. Und man darf annehmen, dass Gustavo sich diebisch freuen dürfte, wenn er im Trikot der Wolfsburger dem auffälligsten Schweizer des Mittwochabends demnächst mal wieder als Stammkraft begegnen sollte. Das ist ja derzeit eine weitere Parallele zu Xherdan Shaqiri. Beim FC Bayern sind sie beide Ergänzungsspieler, in ihren Nationalteams aber sind sie entscheidende Stützen.

© SZ vom 16.08.2013 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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