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Luftpistole:Freigeist mit Verantwortung

Ins Finale könne sie kommen, glaubt Carina Wimmer. Dort sei "alles möglich".

(Foto: DSB)

Nach ihrem EM-Titel reist die Luftpistolenschützin Carina Wimmer zu ihren ersten Olympischen Spielen. Ihren Flug dorthin möchte sie mit Bäumen in Kenia kompensieren.

Von Frederik Kastberg

Carina Wimmer ist verschnupft. Beim letzten Training vergangene Woche auf der Olympia-Schießanlage in Garching-Hochbrück, zwei Tage vorm Abflug ins gesundheitlich so streng überwachte Hochsicherheitsgebiet Tokio, läuft die Nase. "Nichts Schlimmes", versichert die 24-jährige Luftpistolenschützin. Auch ihre Teamkollegin Monika Karsch, Silbermedaillengewinnerin mit der Sportpistole in Rio, habe es erwischt, ihren Mann und Wimmers Heimtrainer Thomas ebenfalls, eigentlich alle. "Es geht anscheinend gerade so ein bissl die Grippe um", sagt die Oberbayerin aus Niedertaufkirchen, "aber vielleicht ganz gut, dass es nicht in Tokio los geht." Immerhin: Die obligatorischen PCR-Tests waren allesamt negativ.

Und so kann sich Wimmer gleich der nächsten lästigen Angelegenheit widmen, die sie vor dem Start der Spiele noch erledigen muss: "Ich habe morgen noch relativ kurzfristig eine Uni-Prüfung", erzählt sie. Im Herbst möchte sie in München, wo sie inzwischen lebt, an der Technischen Universität den Masterstudiengang "Health Science" beginnen. Für den ist jetzt noch ein Eignungstest fällig, Olympia hin oder her. Dieser sei laut Wimmer erst vor einer Woche angekündigt worden, dementsprechend unvorbereitet ist sie noch. "Aber vielleicht lerne ich heute Nacht noch ein bisschen."

Wenn man aber Erzählungen ihrer Weggefährten glaubt, könnte man schnell meinen, Wimmer hätte die Prüfung vielleicht auch einfach vergessen. Schon in der Jugend war ihre Zwillingsschwester Bianca ihre "Sekretärin", wie sie ihre Freunde genannt haben, die Carina an die Hausaufgaben erinnert oder vergessene Sachen hinterhergetragen hat. "Sie hat oft Verantwortung für mich übernommen, ich war da schon immer mehr der Freigeist", gibt Wimmer zu. Gleichzeitig ist ihre Schwester bis heute Wimmers erste Bezugsperson, bei der sie auch mal "Dampf ablassen" kann.

Um den Freigeist kümmern sich jetzt andere

Lange Zeit verliefen die Lebensläufe der beiden synchron. Mit zehn Jahren beginnen sie mit dem Schießsport, weil ihre Mutter sie regelmäßig mit zum Schießstand nimmt: "Die konnte uns ja nicht einfach daheim lassen", erzählt Carina Wimmer. Sechs Jahre später stehen sie und Bianca im Nationalkader, fahren gemeinsam auf internationale Wettkämpfe und treten direkt nach dem Abitur in die Bundeswehr ein. Nach einem Jahr merkt Bianca, dass ihr die Strukturen nicht mehr zusagen und hört wenig später, auch wegen gesundheitlicher Probleme, mit dem Leistungssport auf. "Das war der erste Cut zwischen uns, weil wir vorher 24 Stunden am Stück miteinander verbracht haben", sagt Carina Wimmer. Ein Freigeist sei sie aber geblieben, mit einer Ausnahme: "Jetzt müssen sich andere drum kümmern."

Gemeint sind damit unter anderem das Ehepaar Karsch sowie Bundestrainerin Barbara Georgi. Sie alle haben großen Anteil daran, dass Wimmer mit dem EM-Titel Ende Mai den bisher größten Erfolg ihrer Karriere feiern konnte. Der Titel brachte ihr nicht nur den letzten Quotenplatz für Tokio ein, sondern auch eine Flasche "super teuren" kroatischen Gin ihres Teamkollegen Philipp Grimm: "Wir hatten vorher einen Deal ausgemacht: Wenn einer ins Finale kommt, muss der andere ihm eine Flasche davon spendieren." Nur geschmeckt habe das edle Getränk dann nicht, sagt Wimmer.

In Tokio erwarten sie allerdings noch deutlich stärkere Konkurrentinnen als bei der EM, etwa aus Indien, Korea und China. "Meine Leistung ist aber gerade auf dem Niveau, dass ich ins Finale kommen kann", sagt sie. "Und da ist dann alles möglich." Neben dem Einzelwettkampf mit der Luftpistole am Sonntag startet sie auch in der neuen Disziplin "Luftpistole Mixed Team". Ihr Partner dort ist Christian Reitz, der mit der Schnellfeuerpistole in Rio schon Gold gewann. "Ich habe große Erwartungen an ihn. Der muss liefern", sagt die Olympia-Debütantin und grinst.

Bäume sollen den Flug kompensieren

Carina Wimmer kann aber auch richtig ernst werden. Zum Beispiel, wenn es um das Klima geht. Da Spitzensport oft mit langen Reisen verbunden ist, möchte sie den CO₂-Ausstoß ihres Tokio-Fluges kompensieren: "Wir sollten als Sportler auch Verantwortung übernehmen und schauen, dass wir das ein bisschen grüner gestalten." Dafür hat sie auf der Crowdfunding-Seite "fairplaid.org" ein Projekt gestartet, für das sie in Tokio noch möglichst viele Sportler gewinnen möchte. Diese sollen sich Aktionen überlegen, für die andere Leute Geld spenden. Wimmer selbst bietet unter anderem an, eine Runde "Plogging" zu machen - joggen und dabei Müll aus der Natur aufsammeln. "Das kann man dann für 54 Euro kaufen und hat damit über 15 Bäume gepflanzt." Denn darum geht es: Mit dem Erlös sollen Bäume in Kenia gepflanzt werden, drei Euro kostet eine Pflanze. Allein ihre Reise von München über Frankfurt nach Tokio, so hat Wimmer es ausgerechnet, verbrauche mehr als drei Tonnen CO₂ - und das ist nur der Hinflug. Die Kritik, man könne die Bäume ja auch in Deutschland pflanzen, versteht sie. "Man muss es aber global betrachten. Es bringt auch uns was, wenn sich dort das Klima ändert", sagt sie. "Man merkt es ja jetzt auch. Der Regen kommt nicht von irgendwo her."

Der Flug nach Tokio ließ sich nicht vermeiden. Inzwischen ist Wimmer auch trotz Schnupfens gut durch die Kontrollen am Flughafen gekommen und hat im olympischen Dorf ihr Zimmer mit Teamkollegin Karsch bezogen. Der Ausgang der Prüfung ist derweil noch nicht übermittelt. Es sei zwar "semioptimal" gelaufen, "aber im Großen und Ganzen könnte es schon reichen, um direkt in den Studiengang reinzukommen", hofft sie. Doch für Carina Wimmer dürfte das im Moment ohnehin zweitrangig sein.

© SZ/lib
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