bedeckt München 22°

Luca Toni bei Hellas Verona:In die Ewigkeit geschraubt

Hellas Verona vs Lazio

Erst der Treffer, dann das breite Grinsen: Luca Toni erzielt immer noch Tore.

(Foto: dpa)

Er trifft, grinst und dreht am Ohr wie eh und je. Schon wieder bringt Luca Toni die italienische Fußballprovinz zum Leuchten: Bei Hellas Verona erlebt der Ex-Bayer seine x-te Auferstehung und beweist, warum er ein zeitlos gefährlicher Stürmer ist.

Sieben Tore an 17 Spieltagen. Zweiter Frühling. Oder dritter, vierter? Eigentlich kann man die Comebacks des Luca Toni gar nicht mehr zählen. 36 ist er, Haare und Bart sind länger geworden, ansonsten ist Toni ganz der Alte, immer noch schraubt er nach jedem Treffer am rechten Ohr: sein Markenzeichen. Es war vor zehn Jahren in Palermo, ein Abend mit Freunden im Restaurant, als diese Geste "erfunden" wurde. Ein Tick, zur visuellen Unterstreichung der Frage: Habt ihr kapiert?

Toni probierte das sogleich im Stadion aus, wo er eine Weile nicht getroffen hatte. Das Tor fiel, und er schraubte am Ohr, den Tifosi ins Gesicht: Verstanden! Ich bin wieder da! Es kam das nächste Tor, und er schraubte weiter. "Eine Geste des Aberglaubens", sagt er selbst.

So lange Luca Toni am Ohr dreht, werden die Tore fallen, ewig dreht er an seinen Comebacks, neuerdings in Verona. Da spielt er im Traditionsverein Hellas, dem Klub der ehemaligen deutschen Abwehrrecken Briegel und Berthold, der nach elf Jahren in unteren Ligen die Rückkehr in die Serie A geschafft hat. Im Sommer war das, prompt holte Hellas Toni vom AC Florenz, wo der baumlange Angreifer mal wieder ein Comeback absolviert hatte.

Bundesliga "Noch drei Jahre Topfußball - gerne hier"
Bayern-Profi Arjen Robben

"Noch drei Jahre Topfußball - gerne hier"

Für Arjen Robben war 2013 das Jahr der Versöhnung - mit seinen Zielen, mit seinem Körper, mit dem Publikum des FC Bayern. Im SZ-Interview spricht er über seine anstehende Vertragsverlängerung und die offene Rechnung, die ihm noch bleibt.   Von Klaus Hoeltzenbein und Christof Kneer

Florenz ist die einzige Station, die Toni in 20 Jahren Profi-Karriere zwei Mal angesteuert hat - ausgerechnet er, der zur aussterbenden Spezies der statischen Torjäger, der Vollstrecker und Strafraum-Stürmer gehört, ist der ruheloseste prominente Wanderarbeiter des europäischen Fußballs. Hellas Verona ist Arbeitgeber Nummer 15, es gab Jahre, da wechselte Luca Toni im Sechs-Monats-Rhythmus, zwischen 2010 und 2012 etwa heuerte er nacheinander beim AS Rom, beim CFC Genua, bei Juventus und bei Al-Nasr in Dubai an, um am Ende in Florenz einzulaufen.

Florenz als Rückzugsort

Zur Besitzerfamilie der dort ansässigen Associazione Calcio, den Gebrüdern Della Valle, hat er ein freundschaftliches Verhältnis, bei den Fans wird er rückhaltlos verehrt, seitdem er sie von 2005 bis 2007 mit 47 Toren beglückt hatte. Doch als Toni zurückkehrte, befand er sich auf einem Tiefpunkt.

Die Rastlosigkeit hatte sich nicht ausgezahlt. Sie hatte nur dazu geführt, dass der bis dato stets populäre Toni, dessen Lebenslust und Genussfreude vielen Italienern sympathisch war, zusehends seinen Ruf verspielte. Aus dem Lebemann von den grünen Hügeln der fetten Emilia wurde "Lucra Toni" (ein Wortspiel um das Verb "lucrare" - Gewinn machen), ein Abzocker-Toni, der nur des Geldes wegen unentwegt neue Verträge schloss und für dieses viele Geld viel zu wenig Leistung zeigte. Da zeigte Italien diesem Spieler mit dem Körper eines Renaissancemenschen die kalte Schulter. In Krisenzeiten gibt's wenig Gnade für Lust und Laune - und Luca Toni schraubte nur noch ins Leere.

Schon auf einer Etappe zuvor, als er ausgerechnet bei Juventus in Turin gelandet war, bei den Preußen Italiens, hatte er den Führerschein verloren. Folge eines Abendessens mit der geduldigen Dauer-Verlobten Marta und anschließender Polizeikontrolle. Dass die Carabinieri unbeeindruckt blieben von Fama und Charme des Weltmeisters von 2006, sagte damals eigentlich alles. Juve schob ihn kurz darauf weiter.

Nach Dubai, und dort, so Toni heute, sei das Leben ganz in Ordnung gewesen. Nur: "Richtigen Fußball gibt es da nicht." Sieben Einsätze, drei Tore, magere Bilanz. Am Ende der Saison dann die private Katastrophe, das lang ersehnte Erstgeborene kam tot auf die Welt. Der Lebemann Luca und die strahlende Marta waren nun trauernde Eltern, sie baten um Respekt vor ihrem Leid und zogen sich tieftraurig zurück. Eine Weile plante Luca Toni seinen endgültigen Abschied vom Fußball, die Welt der Stadien erschien ihm sinnlos, verlogen, hohl.

Flügelflitzer Hier sehen Sie - das abgeschraubte Ohr! Video
Mögliche Fußballmuseen

Hier sehen Sie - das abgeschraubte Ohr!

Der narzisstisch veranlagte Cristiano Ronaldo baut sich ein eigenes Museum. Doch warum sind findige Kuratoren nicht schon eher auf die Idee gekommen, Spielermuseen zu eröffnen? Exponate gibt es genug, beispielsweise von Ex-Bayern-Spieler Luca Toni. Der Flügelflitzer.