Luan Krasniqi Ein Löwe in den Seilen

Nach der WM-Niederlage gegen Lamon Brewster verlässt Luan Krasniqi den Ring als gefeierter Kämpfer mit mäßigen Aussichten.

Von Jörg Marwedel

Plötzlich war dieses ewige, ziemlich irre Grinsen aus dem Gesicht von Don King verschwunden. Die deutschen und amerikanischen Fähnchen, mit denen der clowneske Promoter aus den USA vor dem Kampf seines Mandanten Lamon Brewster gegen Luan Krasniqi so hingebungsvoll gewedelt hatte, hingen schlapp in seinen Händen.

Luan Krasniqi: Ein Kämpfer mit mäßigen Aussichten.

(Foto: Foto: Reuters)

Und als sich Brewster, der alte und neue Schwergewichts-Champion der World Boxing Organization (WBO), im Ring noch einmal taumelnd durch das Gewusel von Funktionären und Fernsehreportern quälte, um den 13 000 Zuschauern in der Hamburger ColorLine-Arena seinen Weltmeistergürtel zu zeigen, schepperte die Trophäe zu Boden. Brewster schien es erst gar nicht zu bemerken. Oder es war ihm egal in diesem Moment.

Auch der Sieger dieses wohl aufregendsten und härtesten Boxkampfes der vergangenen Jahre war am Ende der Kräfte, ja er war selber am Rande des K.o. gewesen. Vier Helfer haben ihn dann in die Kabine getragen.

Höchste Zeit für den Abbruch

Und es bedurfte nicht des gewohnt schwülstigen Unsinns eines Don King ("Luan und Lamon haben den Geist von Max Schmeling erfahren"), um zu begreifen, was für ein außergewöhnliches Spektakel diese beiden Kämpfer am 100. Geburtstag des auch in Amerika noch immer berühmten deutschen Idols geboten hatten. Eine Show, die sogar routinierten Beobachtern Blutdruck und Puls hoch trieben bis in den kritischen Bereich.

Neun Runden hatte Lamon Brewster gebraucht, ehe er seine letzten Energien in eine Serie harter Schläge investierte, die Luan Krasniqi endgültig zu Boden streckten. Der Deutsche irrte in seine Ringecke, starrte ins Publikum, und es sah aus, als ob Trainer Torsten Schmitz ihn etwas fragte. Krasniqi schüttelte immer wieder mit dem Kopf.

Dann brach Ringrichter José Rivera aus Puerto Rico den Kampf ab - technischer K.o. durch Aufgabe. Zur genaueren Aufklärung dieser entscheidenden Szene aber konnte Krasniqi später nur Widersprüchliches beisteuern: "Ich habe nicht abgebrochen, aber ich weiß nicht mehr, wie das war. Ich war schon benebelt", sagte er und lieferte so einen weiteren Beleg dafür, dass es höchste Zeit für diesen Abbruch gewesen war.

Michalczewski verließ seinen Platz

Die Verwirrung hatte wohl schon eine Runde zuvor eingesetzt, als ihn ein linker Haken von der Wucht einer Dampframme traf. "Ich wusste nicht mehr, wo vorn und hinten war", beschrieb Krasniqi die Wirkung dieses Schlags. Nur der Pausengong hatte den angezählten Boxer da vor dem K.o. bewahrt.

Es war überhaupt ein Wunder, dass ihm und auch Brewster nichts Schlimmeres widerfuhr in diesem Duell der selbst ernannten Löwen. Wer die in derselben Arena ausgetragenen letzten Kämpfe des alten Halbschwer-Champions Dariusz "Tiger" Michalczewski gesehen hatte, fühlte sich im Vergleich an kleine Balgereien von Hauskatzen erinnert. Michalczewski, der wie Henry Maske, Axel Schulz und andere ehemalige Boxer am Ring saß, hat den gnadenlosen Fight dann auch nicht mehr ertragen, in der sechsten Runde verließ er seinen Platz.

Brewster wiederum dankte später "zu allererst Gott, dass wir beide heil hier herausgekommen sind". Eine erste Untersuchung bei Krasniqi ergab nur eine leichte Gehirnerschütterung.

Das war ein recht geringer Preis für den Ruhm, den er in dieser Nacht eingeheimst hat. Die Fans jubelten ihm trotz der Niederlage zu. Sie riefen: "Weltklasse, Luan." Er, der unberechenbare Profi, der in der Branche schon einmal zum Psychofall abgestempelt wurde, weil er 2002 in einem Match gegen den Polen Saleta aufgab, das er lange beherrscht hatte, gilt nun auch dem mächtigen Don King als "großer Kämpfer und echter Krieger".

Krasniqis Promoter Klaus-Peter Kohl, in der Vergangenheit nicht gerade ein Freund, pries ihn als "besten Boxer", der nun gezeigt habe, "dass er kein Weichei ist". Und Brewster sprach von einem "fantastischen Kämpfer mit Kultur" und dem "technisch Besten, gegen den ich je geboxt habe".

Trügerische Sicherheit

Womöglich aber lag gerade darin der wahre Grund für Luan Krasniqis Niederlage. Je länger er Lamon Brewster, der zeitweise wie ein harmloser Tanzbär durch den Ring schaukelte, Widerstand leistete und ihn geschickt bearbeitete, desto sicherer fühlte er sich. Doch diese Sicherheit war trügerisch. Krasniqi setzte die gezielteren Treffer, er lag bei allen drei Punktrichtern in Führung, er war flinker auf den Beinen.

Aber er schien vergessen zu haben, wie der boxerisch limitierte Brewster 28 seiner bis dato 34 Kämpfe gewonnen hatte: durch K.o. und meist mit plötzlichen Schlaggewittern von der Urgewalt eines Naturereignisses. Wie naiv wirkte da die Aussage Krasniqis, er habe sich "vielleicht zu sicher gefühlt und wurde bestraft".

Eine kleine Nummer

Es stellt sich die spannende Frage, ob Luan Krasniqi dieses Defizit noch einmal gut machen kann. Womöglich war es mehr Trost als Wirklichkeitssinn, als Promoter Kohl prophezeite, es sei "nur eine Frage der Zeit, wann Luan den WM-Titel holt". Luan Krasniqi hat nicht mehr viel Zeit. Er ist schon 34 Jahre alt, und wenn sich kein aktueller Champion der vier Weltverbände zur freiwilligen Titelverteidigung bereit erklärt, womit zu rechnen ist, dann muss der Mann aus Rottweil erst mal wieder die Mühen von Elimination-Fights durchstehen.

Luan Krasniqi weiß, wie beschwerlich ein solcher Weg wäre. Irgendwann nach Mitternacht hat er seinem Bezwinger deshalb launig zugerufen: "Let's do it again in America." Lamon Brewster ist ganz cool geblieben und antwortete: "Gut, solange das Finanzielle stimmt." Er weiß, zu diesem Kampf wird es kaum kommen. Auch mit dem frischen Ruhm bleibt Krasniqi in den USA eine kleine Nummer. Jedenfalls geschäftlich.