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Löws EM-Kader steht:Endlich in den Turniertunnel eingetaucht

Nachdem Joachim Löw niemanden mehr vor die Tür setzen muss, geht es für die Nationalelf nun mit Tempo auf die Europameisterschaft zu. Die neue Klarheit tut dem Bundestrainer gut, ihm war die Kaderplanung unangenehm - selbst die zuletzt wackelige Abwehr sieht der Coach auf dem Weg zur Stabilität.

Die Spieler, die er am Montag mit dem Privatflugzeug nach Hause reisen ließ, waren nach Angaben des Bundestrainers nicht bloß "unglaublich enttäuscht". Sie waren auch noch "absolut niedergeschlagen". Besonderes Bedauern widmete Joachim Löw dem Stuttgarter Stürmer Cacau, dem er viele gute Eigenheiten bescheinigte ("integer, sozial, immer respektvoll") und dessen Vertreibung ihm besonders schwer gefallen ist.

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Astreine Anstöße vom Mittelpunkt

Objektiv gesehen hatte jedoch Julian Draxler den größten Grund zur Enttäuschung. Ihm hat der Bundestrainer zwar ebenfalls freundliche Worte hinterhergerufen ("gerade er ist ein Gewinner der Vorbereitung, weil er uns nachhaltig überzeugt hat"), aber anders als Cacau, Sven Bender und Marc-André ter Stegen - die übrigen Nationalspieler, die nicht in den EM-Kader passen - darf Draxler jetzt nicht in Urlaub fahren. Er wird stattdessen zur Schule gehen und das Fachabitur ablegen, und wenn er damit fertig ist, dann muss er in Schalke wieder zur Arbeit erscheinen.

Was er an Unterricht versäumt hat während der zweieinhalb Wochen auf Sardinien und Frankreich, das werden ihm die Lehrer der Gesamtschule Berger Feld in Sonderschichten verabreichen, und womöglich muss er auch wieder bei seinem Rektor im Wohnzimmer sitzen und eine verpasste Klausur nachschreiben. Schon einmal hat er dort eine Französischarbeit verfasst, "im Hintergrund tickte die ganze Zeit eine Kuckucksuhr, das hat mich ganz nervös gemacht". So hat er das erzählt, als er noch Hoffnung hatte, ihm könnte die Kuckucksuhr erspart bleiben, weil er vielleicht doch im Auftrag des Vaterlandes nach Danzig fahren dürfte.

Draxler hat damals die Klausur bestanden, und Löw wird ihn bestimmt wieder einladen. Auch ter Stegen und Sven Bender wurden mit dieser tröstenden Aussicht verabschiedet, "es sind ja ganz junge Kerle". Dass Torwart ter Stegen sich sozusagen selbst rausgeworfen hatte beim Spiel in der Schweiz, das wollte Löw zwar nicht bestätigen, aber auch nicht dementieren: "Man hat sich davon nicht entscheidend beeinflussen lassen", erklärte er und setzte in etwas anderem Kontext hinzu: "Vielleicht hätte eine überragende Leistung etwas bewirkt." Eine solche Leistung hatten Löw und Torwarttrainer Andreas Köpke dem 20-Jährigen zugetraut. So jedoch waren die fünf Gegentore zur Hypothek geworden.

Als Gewinner des Auswahlverfahrens haben Beobachter den Dortmunder Ilkay Gündogan und den Leverkusener Lars Bender ausgemacht, die sich als Außenseiter fürs Turnier qualifizieren konnten. Der wahre Gewinner aber ist Joachim Löw, weil er froh ist, dass die Sache endlich vorbei ist. Dass die Unsicherheit unter den Heimreisekandidaten im Kader um sich griff, hat ihn bewogen, schon vor dem Ablauf der Meldefrist Tatsachen zu schaffen.

Die Klarheit tut ihm selber gut, ihm war das Thema unangenehm. Als er am Dienstag in Südfrankreich vor die Presse trat, machte der Bundestrainer den Eindruck eines Mannes, der sich aller Lästigkeiten entledigt hat und jetzt den Blick auf die wahren Aufgaben richten kann. Er hat seinen Wunschkader beisammen, es sind die Spieler, die er haben wollte, keiner fehlt wegen Krankheit oder Verletzung. Er muss auf niemanden mehr warten, keinen mehr vor die Tür setzen, es gibt keine Ablenkungen mehr.

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