Süddeutsche Zeitung

Löw und Scolari vor dem WM-Halbfinale:Gut gelaunt ins Monsterspiel

Vor dem WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Brasilien muss ein höllischer Druck auf den Verantwortlichen liegen. Doch bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt wirken Löw und Scolari überraschend locker. Nur einmal verfliegt die gute Laune.

Von Thomas Hummel, Belo Horizonte

Es war der Abend der fröhlichen Männer. Luiz Felipe Scolari und Joachim Löw mussten der Weltpresse eine Audienz geben im Bauch des Estádio Mineirão, wo einen Tag später dieses monströs aufgeblasene Fußballspiel angepfiffen wird. Es sind die beiden, die ihren Kopf als Erstes werden hinhalten müssen, wenn etwas schiefgeht. Und so viel ist sicher: Für einen wird es schiefgehen.

Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft, Brasilien gegen Deutschland. Selten sind zwei Delegationen aufeinandergetroffen, die sich so sehr dem Gewinnen verschrieben haben. Für Brasilien geht es bei der Heim-WM nur um Platz eins. Alles andere, so scheint es, wäre eine Demütigung. Diese Mannschaft muss einfach gewinnen - sonst rechnen viele mit einem erbarmungslosen Volk.

Und Deutschland? Hat sich nach einer Final- und zwei Halbfinal-Teilnahmen in den vergangenen drei Weltmeisterschaften total dem Titel verschrieben. Auch hier fordert ein gewisser Teil der Bevölkerung das Maximum. Doch vor allem die Spieler selbst wirken entschlossen wie nie.

Das Problem ist eben: Einer wird am Dienstagabend in Belo Horizonte weinen. Einer muss verlieren, so funktioniert das Geschäft. So funktioniert das Drama. Ein höllischer Druck muss da auf den Verantwortlichen liegen, auf dem 65-jährigen Scolari und dem 54-jährigen Löw. Oder? Bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt wirkten beide überhaupt nicht angespannt. Eher locker, gelöst. Wenngleich fixiert, konzentriert.

Bei Joachim Löw ist das schon während des gesamten Turniers zu beobachten. Der Bundestrainer hat in Brasilien seine Mitte gefunden. Je näher ein Spiel rückt, desto sicherer wird er, desto optimistischer auch. Vor dem Viertelfinale gegen Frankreich hatte er das offen zur Schau gestellt, vor dem Halbfinale gegen den Gastgeber hielt er sich zurück. Dennoch wirkte es wieder so, als sei er sich seiner Sache sicher.

Bevor die Fragerei losging, nahm sich Löw das Mikrofon und richtete erst einmal ein paar Worte an Neymar. "Es tut mir und unserer Mannschaft schrecklich leid, dass er sich verletzt hat: Für die brasilianische Mannschaft, für ihn, für die Nation ist das eine schreckliche Situation. Ich wünsche ihm eine schnelle Genesung und hoffe, dass er bald zurückkommt." Danach blickte er voraus.

Wie immer in so einer Runde gehen die Trainer nicht in die Details, sie reden viel um die Sachverhalte herum, wollen nicht zu viel preisgeben. Aber sagen müssen sie etwas, und so geht die Zwischen-den Zeilen-Leserei los. So mancher Satz verrät auch eine Haltung. Löw erklärte etwa: "Wir wollen uns nicht nach dem Gegner richten. Wir wollen nicht irgendwelche Dinge machen, die wir sonst nicht machen." Das war eine Reminiszenz an das berühmte Halbfinale der EM gegen Italien. Löw hatte damals einiges geändert, um sich vermeintlich den Stärken des Gegners anzupassen. Die Niederlage wurde ihm deshalb ganz allein angelastet. Das soll ihm nicht noch einmal passieren.

Ob das nun heißt, dass Philipp Lahm rechts hinten bleibt oder ins Mittelfeld zurückkehrt, weiß indes niemand. Irgendwie hat ja beides funktioniert. Auch die Frage, ob Miroslav Klose wieder auf die Ersatzbank muss und neben Thomas Müller und Mesut Özil ein Jüngerer zum Einsatz kommt, ist damit nicht beantwortet.

Scolari fröhlich wie selten

Das schätzt im deutschen Team ohnehin niemand als entscheidend ein. Wichtiger ist, dass die "Spieler konzentriert und mutig ihre Aufgabe erfüllen", erklärte Löw. Mut wird nötig sein vor einem erwartet entfesselten oder gar aggressiven Publikum in Belo Horizonte. Löw erwartet, dass "jeder Angriff, der sich nur in die Nähe unseres Tores bewegt, mit ungeheurem Anfeuerungspotenzial der Zuschauer begleitet wird". Innenverteidiger Jérôme Boateng sagte dazu: "Das muss uns zusätzlich motivieren. Klar, dass das ganze Stadion gegen uns sein wird. Wir müssen als Mannschaft diesen Test morgen bestehen."

Trotz des erwarteten Furors hatte Löw eine zuversichtliche Kernbotschaft dabei: "Wir gehen selbstbewusst in das Spiel. Wir sind uns sicher, was wir können. Wenn wir das abrufen, sind unsere Chancen nicht gerade klein." Gibt sich der Bundestrainer so selbstbewusst, ist das nie gespielt. Joachim Löw kann kein Theater. Hätte er Zweifel, könnte er das nicht verbergen.

Anders Luiz Felipe Scolari. Felipão, wie er ehrfürchtig genannt wird, beherrscht das psychologische Vorspiel wie kaum ein anderer. Die Situation der brasilianischen Mannschaft erfordert vor diesem Halbfinale demonstrative Ruhe, Gelassenheit, Freude. Die Verletzung ihres besten Spielers Neymar, der nach seinem Lendenwirbelbruch weinend und schreiend vom Feld getragen worden war, hat Spuren hinterlassen im Team. Kapitän Thiago Silva ist zudem nach zwei gelben Karten gesperrt. Nun sollen sich alle an Papa Felipão anlehnen.

Scolari hatte seinen Termin am Mikrofon eine Stunde vor Löw. Wer seit Beginn der WM die Seleção beobachtet hat, sahen ihn selten so fröhlich. "Neymar hat uns verlassen, hat aber vieles von sich bei uns gelassen. Die Traurigkeit und Enttäuschung haben wir hinter uns gelassen", sagte er. Der Trainer machte Witze darüber, dass ihn seine Spieler auf dem Trainingsplatz nachahmten.

Er erzählte von dem Hubschrauber-Flug aus Teresopolis nach Belo Horizonte, als alle wegen Turbulenzen in der Luft beträchtlich Angst gehabt hätten, nur Thiago Silva habe selenruhig in sein Handy getippt. Es wurde viel gelacht. Und natürlich darauf hingewiesen, dass Brasilien für das Spiel einen Plan in der Tasche habe, um "der deutschen Mannschaft Schwierigkeiten zu bereiten".

Die gute Laune verflog erst, als es zum Thema Schiedsrichter kam. Scolari umschmeichelte den gewählten Mexikaner Marco Rodríguez. Dieser absolviere bereits seine dritte WM, habe viel Erfahrung. "Ich glaube, es war eine richtige Wahl." Joachim Löw indes wurde tiefernst. "Meine Hoffnung ist, dass unser Unparteiischer die Dinge ahndet." Er erinnerte an die Partie der Brasilianer im Viertelfinale gegen Kolumbien. Die Partie, in der sich am Ende Neymar so schwer verletzte, weil ihm Gegenspieler Zúñiga wild in den Rücken gesprungen war.

Löw habe da gesehen, dass die Körperlichkeit, der Einsatz die Grenzen überschritten habe. "In Europa hätten dieses Spiel nicht 22 Spieler auf dem Platz beendet." Er meinte damit, dass die vielen "ganz harten, brutalen Fouls" gelbe und rote Karten verdient hätten. "Die Fouls müssen unterbunden werden, sonst brauchen wir keine Neymars, Reuses, Özils, Messis mehr. Dann brauchen wir andere Spieler." Löw schimpfte jetzt fast.

Der Bundestrainer und seine Spieler erwarten ein Brasilien, das wie bisher vor allem im Mittelfeld extrem hart und aggressiv spielen wird. Der oft so sanft in den Raum hineinblickende Jérôme Boateng sagte dazu: "Wir wollen dagegenhalten." Die Mannschaft wolle von der ersten bis zur letzten Minute "alles bewältigen und überstehen". Das wird nicht wenig sein.

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