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Löw und Scolari vor dem WM-Halbfinale:Scolari fröhlich wie selten

Das schätzt im deutschen Team ohnehin niemand als entscheidend ein. Wichtiger ist, dass die "Spieler konzentriert und mutig ihre Aufgabe erfüllen", erklärte Löw. Mut wird nötig sein vor einem erwartet entfesselten oder gar aggressiven Publikum in Belo Horizonte. Löw erwartet, dass "jeder Angriff, der sich nur in die Nähe unseres Tores bewegt, mit ungeheurem Anfeuerungspotenzial der Zuschauer begleitet wird". Innenverteidiger Jérôme Boateng sagte dazu: "Das muss uns zusätzlich motivieren. Klar, dass das ganze Stadion gegen uns sein wird. Wir müssen als Mannschaft diesen Test morgen bestehen."

Trotz des erwarteten Furors hatte Löw eine zuversichtliche Kernbotschaft dabei: "Wir gehen selbstbewusst in das Spiel. Wir sind uns sicher, was wir können. Wenn wir das abrufen, sind unsere Chancen nicht gerade klein." Gibt sich der Bundestrainer so selbstbewusst, ist das nie gespielt. Joachim Löw kann kein Theater. Hätte er Zweifel, könnte er das nicht verbergen.

Anders Luiz Felipe Scolari. Felipão, wie er ehrfürchtig genannt wird, beherrscht das psychologische Vorspiel wie kaum ein anderer. Die Situation der brasilianischen Mannschaft erfordert vor diesem Halbfinale demonstrative Ruhe, Gelassenheit, Freude. Die Verletzung ihres besten Spielers Neymar, der nach seinem Lendenwirbelbruch weinend und schreiend vom Feld getragen worden war, hat Spuren hinterlassen im Team. Kapitän Thiago Silva ist zudem nach zwei gelben Karten gesperrt. Nun sollen sich alle an Papa Felipão anlehnen.

Scolari hatte seinen Termin am Mikrofon eine Stunde vor Löw. Wer seit Beginn der WM die Seleção beobachtet hat, sahen ihn selten so fröhlich. "Neymar hat uns verlassen, hat aber vieles von sich bei uns gelassen. Die Traurigkeit und Enttäuschung haben wir hinter uns gelassen", sagte er. Der Trainer machte Witze darüber, dass ihn seine Spieler auf dem Trainingsplatz nachahmten.

Er erzählte von dem Hubschrauber-Flug aus Teresopolis nach Belo Horizonte, als alle wegen Turbulenzen in der Luft beträchtlich Angst gehabt hätten, nur Thiago Silva habe selenruhig in sein Handy getippt. Es wurde viel gelacht. Und natürlich darauf hingewiesen, dass Brasilien für das Spiel einen Plan in der Tasche habe, um "der deutschen Mannschaft Schwierigkeiten zu bereiten".

Die gute Laune verflog erst, als es zum Thema Schiedsrichter kam. Scolari umschmeichelte den gewählten Mexikaner Marco Rodríguez. Dieser absolviere bereits seine dritte WM, habe viel Erfahrung. "Ich glaube, es war eine richtige Wahl." Joachim Löw indes wurde tiefernst. "Meine Hoffnung ist, dass unser Unparteiischer die Dinge ahndet." Er erinnerte an die Partie der Brasilianer im Viertelfinale gegen Kolumbien. Die Partie, in der sich am Ende Neymar so schwer verletzte, weil ihm Gegenspieler Zúñiga wild in den Rücken gesprungen war.

Löw habe da gesehen, dass die Körperlichkeit, der Einsatz die Grenzen überschritten habe. "In Europa hätten dieses Spiel nicht 22 Spieler auf dem Platz beendet." Er meinte damit, dass die vielen "ganz harten, brutalen Fouls" gelbe und rote Karten verdient hätten. "Die Fouls müssen unterbunden werden, sonst brauchen wir keine Neymars, Reuses, Özils, Messis mehr. Dann brauchen wir andere Spieler." Löw schimpfte jetzt fast.

Der Bundestrainer und seine Spieler erwarten ein Brasilien, das wie bisher vor allem im Mittelfeld extrem hart und aggressiv spielen wird. Der oft so sanft in den Raum hineinblickende Jérôme Boateng sagte dazu: "Wir wollen dagegenhalten." Die Mannschaft wolle von der ersten bis zur letzten Minute "alles bewältigen und überstehen". Das wird nicht wenig sein.

© SZ.de/bero/rus
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