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Deutsche Nationalelf:Wie Löw das Fußballvolk zurückgewinnen könnte

Bundestrainer Joachim Loew (Deutschland Germany) steigt aus dem Bus und kommt zum Trainjng - 31.08.2020: Erstes Training; Joachim Löw

Bundestrainer Joachim Löw Ende August.

(Foto: imago images/Schüler)

Der Bundestrainer hat nach dem 0:6 gegen Spanien angekündigt, "alles" zu hinterfragen. Aber was bedeutet das? Die SZ sucht Antworten - vom Bau einer Achse bis zu mehr Quizshow-Besuchen.

Von Christof Kneer und Philipp Selldorf

Nach dem 0:6 in Spanien sagte Joachim Löw einen zentralen Satz: "Das ist jetzt unsere Aufgabe und Pflicht: dass wir alles hinterfragen und uns auch selbst hinterfragen." Zwei Dinge fallen einem dazu ein. Erstens: die ausgezeichnete Äußerung von Andy Möller, "ich bin selbstkritisch, sogar mir selbst gegenüber"; zweitens: dass Löw diese Formulierungen nicht zum ersten Mal benutzt. Mit ähnlichen Sätzen verabschiedete er sich bereits nach der missratenen WM 2018 in die Freiburger Privatklausur.

Kaum zwei Monate später legte er dem DFB damals seine Reformideen vor: Sie bestanden im Wesentlichen darin, den Assistenten Thomas Schneider zum Chefscout zu degradieren, den alten Genossen Sami Khedira höflich zu verabschieden und den eigenen Fußball in die Tonne zu treten: "Unser Ballbesitzspiel war fast schon arrogant, ich wollte es auf die Spitze treiben." Mehr Schuldbekenntnis konnte man nicht verlangen.

Anders als nach der WM, wo er noch am Ort der Niederlage gegen Südkorea vom damaligen Präsidenten Grindel im Amt bestätigt wurde, muss Löw diesmal um den Job kämpfen. Einem Bericht der Bild vom Freitagabend zufolge soll Teammanager Oliver Bierhoff dem DFB-Präsidium am 4. Dezember eine Analyse präsentieren; das Gremium wolle Löw einen weiteren Auftritt ersparen, hieß es nach einer Schaltkonferenz. In seiner Online-Ausgabe zitierte das Boulevardblatt einen Teilnehmer mit den Worten: "Einen Freifahrtschein für Jogi Löw gibt es nicht." Weite Teile des Fußballvolks sind ohnehin bereits vom Glauben abgefallen. "Ist Löw noch der richtige Bundestrainer?", fragte der Kicker sein Publikum und 93,78 Prozent von 179 342 Befragten sagten nein - fast so viele Menschen, wie in Freiburg wohnen.

Was könnte Löw unternehmen, um die 93,78 Prozent zurückzugewinnen? Wie könnte er die Wählerwanderung ins Lager seiner potenziellen Gegenkandidaten wie Rangnick, Klopp, Flick, Tuchel, Hecking stoppen? Löws Wahlprogramm könnte sich auf jene Eckpunkte konzentrieren, deren Umsetzung in seiner Macht liegt - und die weder einer neuen Klinsmann-Revolution noch milliardenschwerer DFB-Investitionen bedürften.

Achse bauen

"Eine Achse war Jogi Löw und mir auch bei der Nationalelf immer wichtig" - das hat FC-Bayern-Trainer Hansi Flick neulich der SZ gesagt. Zum Zeitpunkt dieser Äußerung hat der frühere Assistent des immer noch amtierenden Bundestrainers nicht ahnen können, dass der Nationalelf ein 0:6 in Spanien widerfahren könnte - nun gilt der Satz mehr denn je. Eine Achse, so Flick, gehe "immer von hinten nach vorne, beginnend mit dem Torwart", es folgten "die Innenverteidiger, die Sechser, Thomas Müller und Robert Lewandowski". Eine so hochwertige, aus unzerstörbarem Titan gefertigte Achse steht Löw nicht zur Verfügung: David Alaba ist Österreicher, Lewandowski ist Pole und Müller ist ... nun ja.

Aber wie könnte die Konstruktion der DFB-Elf dann aussehen? Löw sollte sich erst mal mit sich selbst darauf verständigen, welchen Autoritäten er zum Beispiel in der Abwehr vertraut. Ist Matthias Ginter der unverzichtbare Mann im Zentrum oder Niklas Süle oder Antonio Rüdiger oder weiterhin mal der und mal der? Löws Elf ist hierarchisch bisher noch extrem offen; das Machtvakuum, das aus der bewussten Verabschiedung von Mats Hummels, Jérôme Boateng und Thomas Müller entstanden ist, haben die Spieler, die dafür ausersehen waren, nicht geschlossen. Lediglich Joshua Kimmich hat die Chance ergriffen, und das allerdings: mit Macht.

Eine luxuriöse Achse, wie Flick sie verwenden kann, lässt sich im Nationalteam mangels Angebot kaum schmieden. Umso mehr sollte Löw die tragenden Teile, die er hat, stärken, namentlich Leon Goretzka, der sich bei Bayern an Kimmichs Seite unentbehrlich gemacht hat. Setzt Löw auf das Münchner Modul, könnte das Folgen für die innerbetriebliche Ordnung haben. Es entmachtet den von sich selbst ernannten Chef Toni Kroos, der nach der Macht strebt, sie aber nicht ausübt. Löw muss vor der EM Befugnisse definieren, Profile schärfen und ein Bewusstsein für die Rollen schaffen - und Kroos beibringen, dass er nicht über den Dingen und dem Rest des Teams schwebt, weil er alle Titel gewonnen hat, die es im Weltfußball gibt. Wirklich alle? Nein, die Europameisterschaft noch nicht.

Technisch betrachtet, endet die DFB-Achse im Mittelfeld, sie geht nicht bis ganz nach vorne. Das liegt am individualistischen Naturell der Angreifer, dafür kann Löw nichts. Gnabry, Werner und Sané sind, wie sie sind, und sollen auch so sein.

Worauf es dann umso mehr ankommt: Aufgaben und Privilegien vorab präzise zuzuteilen, bevor die Eigendynamik des Turniers ein unkontrollierbares Neben- und Gegeneinander hervorrufen könnte. Löw müsste aus den unguten Erfahrungen von Watutinki wissen, wie wichtig eine klare Teamstruktur ist. 2018 beäugten sich die Generationen mit einigem Misstrauen.

Spielstil finden

Dem puren Ballbesitzspiel hat Löw - siehe oben - inzwischen abgeschworen. Zum Gegenteil, einem straffen Spiel gegen den Ball, hat er sich nicht entscheiden können - mit Recht, das wäre gegen die Natur weiter Teile seines Teams. Bei der WM 2010 hat Löws junges Deutschland die Welt noch als schnelle Überfall-Mannschaft überrascht; 2018 scheiterte sie am Gegenteil, an jenem manierierten und saturierten Favoritenfußball, den der Bundestrainer später als "arrogant" bezeichnete. 2018 endete der Zyklus, seitdem sucht Löw die fußballerische Identität seiner Auswahl. Wo soll er sich bedienen? Eher am Anfang, als man Außenseiter war, oder in der Blütezeit, in der man imstande war, jeden Gegner auszuspielen?

Zurzeit ist lediglich der Plan erkennbar, beides können zu wollen, um je nach Aufgabe das passgenaue System einzusetzen: Gegen starke Widersacher wie die EM-Gruppengegner Frankreich und Portugal die kompakte Formation mit drei Innenverteidigern und Tendenz zum Umschalten; gegen Ungarn die Risikovariante mit offensivem Schwerpunkt. So weit die Theorie. In der Praxis hat man den Eindruck, die Elf befinde sich seit 2018 im stilistischen Niemandsland. Die Wahl der Viererkette gegen Spanien war einerseits die Reaktion auf verletzungsbedingte Absenzen, andererseits eine fahrlässige, sozusagen stillose Versuchsanordnung. Ein Experiment zur falschen Zeit - bei dem obendrein das Labor in die Luft geflogen ist. Die Trümmer nimmt man nun mit ins neue Jahr.

Ebenso wie die Frage der Hierarchie ist auch die Stilfrage ein halbes Jahr vor dem Turnier bedenklich undefiniert und unentschieden. Gerade unter dem Eindruck des 0:6 empfiehlt es sich, erst mal einen pragmatischen Grundsatzbeschluss über einen Spielstil zu treffen - und erst danach zu variieren. Und irre Testreihen sollten ans Ende des Lernprozesses, also ungefähr ins Jahr 2027, verlegt werden - wie etwa die Anordnung zur Manndeckung über den ganzen Platz, die Löw jüngst in der Nations League zwecks Simulation von Rückstand und Unterzahl erproben ließ.

Löw muss mehr kommunizieren

Ansage zur Helden-Sage

Als Löw Anfang 2019 seine Weltmeister Hummels, Müller und Boateng aus dem Dienst nahm, war das außer für die Betroffenen für weite Teile des Publikums eine plausible Entscheidung. Was Löw noch nicht wissen konnte: dass Hummels nach Dortmund zurückkehren und dort wieder zur Instanz werden würde - und dass in München sein ehemals so stiller Assistent Hansi Flick aus den angehenden Ex-Fußballern Boateng und Müller wieder internationale Spitzenspieler formen würde.

Dennoch blieb Löws Argument, Freiraum für die jungen Nachfolger zu schaffen, vertretbar - bis zur Nacht von Sevilla, die alles in Frage stellte. Löw hat Gründe, seine Linie beizubehalten, er muss sie aber, auch wenn's ihm schwer fällt und er keine Lust dazu hat, erneut und besser erläutern. Nicht nur, weil das 0:6 nach Erklärungen verlangt, sondern auch, um sich die Freiheit zu erhalten, seine Linie beizeiten - also vor der Kader-Nominierung für die EM - gesichtswahrend zu ändern.

Mehr Coach sein

Das 0:6 in Sevilla hat alte Urteile über Löws passiven Coaching-Stil bestätigt - nämlich, dass ein Coaching während des Spiels nicht stattfindet. Löw ist es zwar schon mal gelungen, im Spiel entscheidend aufs Spiel einzuwirken, jedem fällt sofort das Beispiel des WM-Finales mit den siegbringenden Einwechslungen von André Schürrle und Mario Götze ein. Aber mehr Beispiele als dieses fallen nicht jedem ein, vielleicht sogar niemandem.

Einem 60 Jahre alten Fußball-Lehrer sollte man nicht empfehlen, gegen seine Neigung auf einmal Show-Coaching zum Gefallen des Publikums zu veranstalten. Was die Leute lieber sähen, wären konkrete handwerkliche Eingriffe, um Einfluss aufs Spiel zu nehmen: Wechsel, Umstellungen, taktische Interventionen. Besonders eine Elf, der mangels Achse und Hierarchie die Selbstständigkeit fehlt, braucht dringend Unterstützung des Trainers. Problem: Einen Kurs "Coaching für Anfänger" gibt es an der Freiburger Volkshochschule nicht, und Oliver Bierhoffs tolle Akademie wird vor der EM nicht fertig.

Mehr Quizshows besuchen

Löw hat sich lange darauf zurückgezogen, dass Pep Guardiola ja auch keine Interviews gebe, und dass das Werk den Künstler ausreichend erkläre. Wenn das Werk aber zunehmend unkenntlich wird, hätte der Betrachter gerne ein paar erklärende Worte. Der etwas pikierte Rückzug in die Einsiedelei hat bei Löw Methode, im laufenden Verfahren sollte ihm aber daran gelegen sein, das 0:6 nicht als bleibenden Eindruck bis zum Wiedersehen im März stehen zu lassen. Heißt: mehr Kommunikation an allen Fronten. Also: die Spieler engagiert durch die Saison begleiten, mit Flick und anderen Trainern reden (und zwar nicht nur an Weihnachten), die Vereine besuchen. Auch am profanen Leben könnte er sich mehr beteiligen, um am Familienabend bei "Wer wird Millionär?", der Helene-Fischer-Show oder gar im Sportstudio ein paar Sympathiepunkte zu sammeln.

Blick in den Spiegel

Es gäbe natürlich noch eine weitere Option, eine, die ihm alle Mühen (aktives Coaching, Mats Hummels anrufen, Helene-Fischer-Show) ersparen würde: der ehrenvolle Rückzug ins Privatleben, als hoch verdienter Weltmeistercoach. Dazu hat er bisher aber keine Tendenz zu erkennen geben. Unter allen möglichen Reaktionen auf das 0:6 wäre diese die schwierigste.

© SZ vom 21.11.2020/chge
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