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Nationalmannschaft:Der ewige Löw

Coronavirus - Bundestrainer Joachim Löw

Joachim Löw.

(Foto: dpa)

Weil Uruguays Óscar Tabárez aufgrund von Corona seinen Job verliert, ist Joachim Löw nun der dienstälteste Nationaltrainer der Welt. Die Krise macht ihn nachdenklich.

Als sich vor zwei Wochen der Bundestrainer Joachim Löw in einer vom DFB organisierten Videokonferenz nicht nur zur Lage der Fußball-Nation äußerte, gab es verschiedentlich Anlass zur Beunruhigung. Einerseits mussten sich die Zuhörer um die Menschheit sorgen, deren Virus-Krise Löw auf eine Form von Vergeltung zurückführte: "Ich habe das Gefühl, als ob sich die Erde ein bisschen stemmt und wehrt gegen das Tun der Menschen."

Andererseits musste man sich aus eben diesem Grund auch um die Sinneswahrnehmung des Bundestrainers sorgen. Es stellte sich die Frage: Ist Jogi Löw womöglich in den vielen stillen Stunden seines unfreiwilligen Urlauberdaseins zu tief in sich gegangen?

Es ist jetzt bald fünf Monate her, dass der Nationalcoach zuletzt seinem Beruf als Fußball-Lehrer nachgehen konnte. Mitte November verabschiedete sich Löw von seinen Spielern nach einem 6:1 gegen Nordirland in den seit vielen Jahren geübten, Monate währenden Winterschlaf. In der vorigen Woche hätte er wieder auf der Bank sitzen und beim Länderspiel in Spanien sein Team dirigieren sollen, aber dazu kam es bekanntlich nicht. Löw betrachtet die erzwungene Pause als Chance, seinen spirituellen Horizont zu erweitern: "Tiefes Nachdenken", erklärte er zuletzt, "steht über Aktionismus."

Der Uruguayer Tabárez, sechs Monate länger im Amt, verliert in der Corona-Krise den Job

In seiner Rolle als Jogi und seiner zunehmend hervortretenden Eigenschaft als Yogi hat sich Löw beim DFB in einer Lebensstellung eingerichtet, die schon sehr lange ihresgleichen sucht im hektischen Profisport. Auf allen Fußballkontinenten herrscht auf seinem Posten das Prinzip Kommen und Gehen, nur in Deutschland nicht. Den Aktionismus seines Arbeitgebers hat Löw nicht mal fürchten müssen, als er während der WM 2018 schon nach zwei Wochen aus Russland heimkehrte.

Stattdessen war der DFB froh, dass sich Löw damals bereit erklärte, seine Arbeit fortzusetzen. Mit Stichtag 1. April ist der 60 Jahre alte Weise nun auch faktisch einzigartig in der Fußballwelt, denn ab Mittwoch gibt es auf der wehrhaften Erde keinen Nationalcoach, der länger im Amt ist als der deutsche Bundestrainer.

Dass Löw also über Nacht ein zweites Mal Weltmeister geworden ist, liegt daran, dass sich der uruguayische Verband im fernen Montevideo wegen der Corona-Krise genötigt sah, dem gesamten Sportpersonal zu kündigen - und dabei auch beim obersten Angestellten nicht halt zu machen. Óscar Washington Tabárez, 73, seit 13. Februar 2006 Chefchoreograf der Nationalelf und somit sechs Monate länger im Amt als sein deutscher Kollege, bezieht nun Arbeitslosengeld.

Auch in der Corona-Krise erweist sich Löw also als Phänomen der Beständigkeit. Tabárez steht womöglich vor dem Ende seiner glorreichen Laufbahn; Uruguay liebt ihn und seine Spieler verehren ihn, doch er laboriert an einem unheilbaren Nervenleiden, seine Rückkehr ins Amt ist ungewiss. Löws Arbeitsplatzsicherheit hingegen hat sich durch die Verlegung der EM automatisch um ein Jahr verlängert: Niemand wird ihn wegen eines womöglich verpatzten Turniers in diesem Sommer aus dem bis 2022 laufenden Vertrag entlassen.

© SZ vom 01.04.2020/schm

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