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Deutsche Nationalmannschaft:Jetzt offiziell: eine Trainerdiskussion

Nations League: Bundestrainer Jogi Löw im November 2020 gegen die Ukraine

Joachim Löw steht nach dem 0:6 in Spanien in der Kritik. Er selbst hat sich wieder zurückgezogen.

(Foto: AP)

Geht es weiter mit Joachim Löw? Eine Mitteilung des Verbandes bietet Raum für Interpretationen. Doch wer entscheidet beim DFB eigentlich über die Zukunft des Bundestrainers?

Von Johannes Aumüller und Christof Kneer

Am späten Dienstagabend in der vergangenen Woche klang der DFB-Funktionär Oliver Bierhoff noch wie ein handelsüblicher Sportdirektor aus der Bundesliga. Er hat ein paar freundliche Worte für den Trainer gefunden ("absolutes Vertrauen"), der mit seiner Mannschaft gerade 0:6 verloren hatte. Bierhoff waren diese Sätze wichtig, denn zuvor hatte er sich etwas missverstanden gefühlt. Vor diesem 0:6 hatte er ja unter anderem gesagt, dass er den Weg des Trainers Joachim Löw "bis einschließlich der EM" mitgehe - was allenthalben als Absetzbewegung interpretiert wurde und die Frage aufwarf: Und nach der EM? Zur Erinnerung: Der Vertrag des Bundestrainers läuft ja noch bis einschließlich der WM 2022. Deshalb also: Unterstützung von Bierhoff für Löw, auch und gerade nach einem 0:6 in Spanien, das eigentlich kein Fußballergebnis mehr war, sondern eine Kapitulationserklärung.

Was der DFB über Jogi Löw sagt oder nicht sagt und wer dieser DFB überhaupt ist: Das sind sehr entscheidende Fragen in dieser aufgeregten Debatte, und wie es sich für erstklassige Krisenszenarien gehört, hängt alles mit allem zusammen.

An diesem Montag hat der DFB nun wieder etwas gesagt, und gleichzeitig sagte er auch wieder etwas nicht. In einem Statement auf der Verbands-Website bestätigte der DFB, was übers Wochenende bereits wie eine Nachricht behandelt worden war: Das DFB-Präsidium habe "einen Fahrplan verabschiedet, um Erkenntnisse zu sammeln, auszuwerten und darüber zu beraten". Dieser Fahrplan sehe vor, dass Bierhoff - amtlicher Titel: Direktor Nationalmannschaften und Akademie - dem Präsidium am 4. Dezember eine Analyse zur Lage der Nationalelf vorlege; dazu sollen "die Erfahrungen aus der Niederlage gegen Spanien, aber auch die Gesamtentwicklung der Mannschaft in den vergangenen zwei Jahren" gehören. Und dann, Schlusssatz, werde der DFB "zum gegebenen Zeitpunkt über Ergebnisse der Beratungen und nächste Schritte informieren".

Getarnt von feinstem Funktionärsdeutsch, heißt das nichts anderes, als dass der DFB eine interne Trainer-Diskussion bestätigt. Und dass er das Ergebnis dieser Diskussion demonstrativ offen lässt.

In der Mitteilung fehlt der Name "Löw" komplett

In jenem Moment, in dem ein Verbandsmitarbeiter auf einen Knopf drückt, um ein Kommuniqué in die Öffentlichkeit zu entlassen, ist das Kommuniqué zur allgemeinen Interpretation freigegeben - und so dürfte es den DFB zumindest nicht wundern, dass dieses Schriftstück nun mit der Lupe auf verborgene Botschaften untersucht wird. Aber man braucht nicht mal eine besonders teure Lupe, um das festzustellen: Wie schon in einer ersten Mitteilung am vorigen Mittwoch, so bleibt auch diese erstaunlich auf Distanz zum Bundestrainer. Es findet sich kein verbindliches Wort, nirgendwo steht der Name "Löw", es fehlen auch jegliche Funktionärsdeutsch-Bekundungen, in denen - zum Beispiel - vom Bündeln der Kräfte auf dem gemeinsamen Weg zur EM die Rede sein könnte. Stattdessen steht in der Mitteilung: Dem Bundestrainer solle bis 4.12. eine "zeitliche und emotionale Distanz" gegeben werden, zur sportlichen Aufarbeitung, aber auch "persönlich, um die eigene große Enttäuschung zu verarbeiten. Das gehört sich so."

Nein, der Verband sagt natürlich nicht, dass Löw vielleicht und womöglich zurücktreten könnte. Aber, erstaunlich genug, der Verband empfiehlt seinem Trainer offiziell, enttäuscht zu sein. Und dass der Verband um seinen Trainer kämpft oder ihn auch nur ein kleines bisschen gerne behalten würde: Das steht wirklich nirgendwo.

Das führt nun aber direkt zur Frage, wer "der Verband" gerade überhaupt ist. Und weil eine Bundestrainer-Entlassung eher nicht zum Standardprogramm des DFB gehört, stellt sich sogar die Frage, wer formal dafür eigentlich zuständig wäre. Kleiner Blick in die Satzung: In der findet sich der Passus, wonach die "Personalauswahl" hinsichtlich des Bundestrainers Sache des 18-köpfigen Präsidiums sei, dem unter anderem Bierhoff und Philipp Lahm mit beratender Stimme angehören. Aber dieselbe Satzung sagt auch, dass "Personalangelegenheiten" des Bundestrainers Sache des fünfköpfigen Präsidialausschusses seien, dem gesetzlichen Vertreter des Verbandes.

Im DFB tobt ein Machtkampf zwischen Präsident und Funktionären

Fiele eine Entlassung unter "Personalauswahl" oder unter "Personalangelegenheit"? Das vermochte der DFB am Montag auf Anfrage nicht klar zu erklären.

Unzweifelhaft ist hingegen, dass der Präsidialausschuss das mächtigste Gremium des DFB ist. Hier sammeln sich alle einflussreichen Funktionäre: Präsident Fritz Keller, die Vizes Rainer Koch (Amateure) und Peter Peters (Liga), Schatzmeister Stephan Osnabrügge, Generalsekretär Friedrich Curtius; der 2022 aus dem Amt scheidende Liga-Boss Christian Seifert zog sich im September aus diesem Gremium zurück. Aber spätestens an dieser Stelle kreuzen sich die Diskussionen um Löw mit diversen anderen Vorgängen rund um die DFB-Zentrale. Denn innerhalb dieses Quintetts und insbesondere zwischen Keller und Curtius tobt schon seit einiger Zeit ein Machtkampf. Es geht um den Umgang mit der jüngsten Steuer-Affäre und den Ermittlungen der Firma Esecon zu manch dunklem Geheimnis des deutschen Fußballs.

Vor einem Krisentreffen Ende Oktober stand sogar Curtius' Rauswurf im Raum, und der Konflikt ist so gravierend, dass der DFB nach dem Treffen eine recht einmalige Mitteilung herausgab, in der von "Dissonanzen", "Unstimmigkeiten" und "Missverständnissen" die Rede war. Vize Koch und Schatzmeister Osnabrügge werden Curtius' Seite zugerechnet, so gesehen ergäbe sich eine 3:2-Mehrheit gegen den Präsidenten Keller. In dieser undurchsichtigen Lage soll nun die Entscheidung über den obersten deutschen Trainer fallen.

Noch undurchsichtiger ist nur die Eigendynamik der Debatte. Die Branche ist voller geheimer Akteure, Löw-Sympathisanten finden sich dort ebenso wie Löw-Kritiker, und sie alle werden nun an ihren Interessen arbeiten, auch wenn sie vermutlich keine Pressemitteilungen verfassen.

© SZ vom 24.11.2020/schm
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