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DFB-Team:Die Belastung erreicht neue Dimensionen

Bundestrainer Jogi Löw beim Spiel Deutschland gegen Spanien

Bundestrainer Joachim Löw.

(Foto: dpa)

Bundestrainer Löw beschwert sich zurecht über die hohe Taktung an Spielen - aber warum erst so spät?

Kommentar von Javier Cáceres

Bundestrainer Joachim Löw, 60, hat eine mitunter nonchalant wirkende Beziehung zu seinem Job. Er hat sich in den vergangenen Jahren gern rar gemacht; in Zeiten der Pandemie hat er sich sogar so weit zurückgezogen, dass er lange nicht einmal per Zoom auffindbar war. Das bedeutet aber auch, dass Löw schon mal die Gelegenheit verpasst, auf Dinge Einfluss zu nehmen, die er zu Recht beklagt. Zum Beispiel in diesen Tagen.

Nach dem 1:1 gegen Spanien in Stuttgart prangerte Löw bemerkenswert aggressiv die Überlastung der Fußballprofis an. Die Corona-Krise hat den Fußballkalender komprimiert, unter anderem stehen bis Ende 2020 noch sieben Länderspiele an. "In zehn Tagen drei Spiele wie im Oktober und November - damit bin ich nicht einverstanden", zürnte der Bundestrainer nun also in Stuttgart.

Es sind vor allem die Testspiele gegen Tschechien und die Türkei, die ihn quälen - nicht aus zertrümmerter Bequemlichkeit, wie man durchaus denken könnte. Sondern wegen eines Dilemmas. Einerseits sollte ihm jeder Test höchst willkommen sein, erst recht nach einer zehnmonatigen Pause ohne Spiel. Aber die von Löw beklagte Taktung der Spiele erlaubt es nicht, fundierte Trainingsarbeit zu leisten; aus sportlicher Sicht ergäben die Testspiele "wenig Sinn", sagte Löw. Allzu laut kann er freilich nicht klagen. Denn: "Ich vertrete auch die Verbandsinteressen, und der Verband freut sich über die Einnahmen."

Ein Testspiel im derzeit gängigen Geisterspielformat bringt dem DFB Millionen-Einnahmen

Das war sogar untertrieben. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ist darauf angewiesen, Freundschaftsspiele zu organisieren. Nur diese Partien kann der DFB in Eigenregie vermarkten, also in Bares ummünzen. Unter anderem, um Löws Gehalt zu finanzieren, das weiterhin millionenschwer ist, auch wenn Löw seit geraumer Zeit auf einen Teil der Bezüge verzichtet, wie man in der DFB-Zentrale hört. Ein Testspiel im gegenwärtig gängigen Geisterspielformat bringt dem DFB Millioneneinnahmen, die ins Zweistellige lappen. Die Nations-League-Erlöse hingegen werden von der Uefa nur teilweise an die Verbände weitergereicht.

Mit einem Aspekt seiner Kritik trifft Löw aber den Punkt. Schon seit Jahren beklagen prominente Vertreter die mehr als nur latente Überlastung der Profifußballer. Nun wächst sie in neue Dimensionen. Damit die Fußballindustrie weiterläuft, damit auch die Rechteinhaber, nicht nur die kickenden Millionäre, weiter hohe Erlöse erzielen, müssen die Profis die liegen gebliebene Arbeit im Akkord wegschaffen, in Champions League, Pokal, Bundesliga, Nationalelf. Da wäre es in der Tat sinnvoll gewesen, wenn die Uefa, wie Löw klagte, wenigstens die Möglichkeit ergriffen hätte, in der Nations League fünf statt drei Auswechslungen zu genehmigen - wie zuletzt in der Champions League.

Dass das nicht geschah, "regt mich auf", sagte Löw. Einem entsprechendem Antrag der Niederländer hatte sich der DFB angeschlossen, ohne Erfolg. Hätte Löw die Debatte zeitiger und öffentlich befeuert, mit der Wucht seiner eigenen Popularität als Weltmeistertrainer - wäre sie vielleicht anders ausgegangen?

Nichts sei wichtiger als die Gesundheit der Spieler; "ich bin da extrem sensibel und empfindlich", sagte Löw. Und ja: Angesichts der Belastung kann man Verletzungen als programmiert ansehen. Passe man nicht auf, "haben wir große Probleme im März, April, Mai". Daraus sprach Löws Angst, dass ihm Kaderoptionen für die EM wegfallen, die im Sommer 2021 ansteht. Sollte das passieren, kann er sich immerhin darauf verlassen, dass er auf einen möglichen Ersatzmann jederzeit zurückgreifen könnte. Der 2019 ausgebootete Bayern-Profi Thomas Müller, auf den Löw vorerst weiterhin verzichten will, hat einen bautechnischen Vorteil gegenüber vielen seiner Kollegen: Er ist nie verletzt.

© SZ vom 05.09.2020/chge

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