Löw-Nachfolge:Fahnder Bierhoff hat die Wahl

Lesezeit: 3 min

FC Bayern München: Trainer Hansi Flick gegen Borussia Dortmund

Ein Kandidat: Bayern-Trainer Hansi Flick.

(Foto: Andreas Gebert/Pool via Reuters)

Der Nachfolger von Bundestrainer Löw kann im kleinen, ausgesuchten Kreis ermittelt werden. Sogar die Favoriten sind benannt: Hansi Flick und Ralf Rangnick. Oder wird es eine "kleinere" Lösung?

Von Philipp Selldorf

Franz Beckenbauer wünschte sich Guus Hiddink oder Morten Olsen, Rudi Völler jemanden, "der unbefleckt ist", Lothar Matthäus wollte Lothar Matthäus und Winfried Schäfer wollte Winfried Schäfer, und vor Otto Rehhagel teilte sich das Land in zwei Hälften: Für die einen war er ein Spitzenkandidat, für die anderen ein Grund zum Auswandern.

An potenziellen Anwärtern jedenfalls hat es der sogenannten Trainerfindungskommission (TFK) des DFB nicht gemangelt, dennoch dauerte es quälend lange vier Wochen im Sommer 2004, bis der Expertenrat des DFB unter Beckenbauers Vorsitz den Nachfolger für den zurückgetretenen Teamchef Völler ermittelt hatte. Der Hohn und der Spott, den die Funktionäre auszuhalten hatten, ehe sie dem Publikum den WM-Projektleiter Jürgen Klinsmann präsentieren durften, musste in Bruttoregistertonnen bemessen werden.

Als jetzt der Bundestrainer Joachim Löw erklärte, sich nach der EM zurückzuziehen, bedankte sich der DFB-Präsident Fritz Keller gleich zweimal: Für all die großen Taten - und für die frühzeitige Bekanntmachung, die er "hoch anständig" nannte. Der DFB habe dadurch nun "die nötige Zeit, mit Ruhe und Augenmaß den Nachfolger zu benennen". Bis Löw aus dem Amt scheidet, vergehen zwar noch rund vier Monate, die Nachfolgerdebatte begann aber ohne Rücksicht auf eine Trauerfrist gleich nach seiner Abschiedserklärung. Die Pressemitteilung zum Abschied des Bundestrainers war quasi noch ofenfrisch, da riefen die Sportmedien bereits Löws Erben auf: Jürgen Klopp, Hansi Flick, Ralf Rangnick, Stefan Kuntz, Marcus Sorg.

Das Binnenklima beim FC Bayern hat sich geändert. Es ist kälter geworden

Was sich erübrigte, waren schlechte Witze. Zum Glück brauchte niemand zu scherzen, dass endlich Peter Neururer an die Reihe käme oder Erich Ribbeck ein Comeback feiern könnte. Tatsächlich nämlich hatten die Sportmedien seriös berichtet, als sie die besagten Namen in die Runde warfen. Noch kennt niemand den Ausgang der Kandidatenkür, aber die Kandidaten sind im Prinzip bekannt.

Über sofortigen Ersatz für den 61 Jahre alten Löw wurde ja schon im Herbst nach dem 0:6 gegen Spanien spekuliert. Der Name Flick tauchte damals allerdings erst an hinterer Stelle auf, er galt als unwahrscheinlicher Interessent. Beim FC Bayern hatte Flick zu diesem Zeitpunkt sein einjähriges Dienstjubiläum gefeiert, bei allen Beteiligten herrschte die Überzeugung, dass noch einige glückliche Jahre folgen sollten. Vier Monate später steht Flick als Trainer des FC Bayern faktisch nicht schlechter da als im November, doch das Binnenklima hat sich geändert. Es ist kälter geworden.

Dass in der Führung des Klubs verschiedene Familienzweige ihre Kontroversen ausfechten, ist ein altes Bayern-Thema, zu dem nun auch Flick etwas beiträgt. Er hat sich der Vereinstradition angepasst und in der Trainerkabine seine eigene Partei gegründet, die sich besonders durch den Gegensatz zum Sportvorstand Hasan Salihamidzic definiert. An Konfliktpunkten mangelt es ebenso wenig wie an der Bereitschaft zur Auseinandersetzung, und wie lange das noch gut geht, vermag keiner vorherzusagen.

Theorien besagen, dass Flick weitere Titelgewinne in Meisterschaft und Europacup im Sommer als Anlass zum Ausstieg nutzen könnte. Andere Theorien besagen, dass ein Verpassen weiterer Titel ebenfalls einen Anlass zum Ausstieg darstellen würde. Und die dritte Variante besteht in der Mutmaßung von Eingeweihten, Flick könnte dem DFB-Direktor Oliver Bierhoff längst für Löws Nachfolge zugesagt haben. Als der Verbandsmanager neulich in einem Interview über Flick und dessen Chef-Qualitäten schwärmte, reagierte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge wie ein Großgrundbesitzer, der gegen einen berüchtigten Pferdedieb in Stellung geht. Bierhoffs Komplimente verurteilte Rummenigge als Einmischung in innere Bayern-Angelegenheiten.

Rangnick hat sich als Entwickler von Fußballprojekten qualifiziert

Flick, 56, schweigt bisher zu dem Thema auf vielsagende Weise, anders als Jürgen Klopp, 53, dessen Absage an einen Wechsel in den Staatsdienst offenkundig ernst gemeint ist. Dem Amt an sich hat er zwar ausdrücklich nicht abgeschworen, doch er sieht sich beim FC Liverpool in der Pflicht. Stefan Kuntz, 58, hingegen hätte sicherlich keine Skrupel, seinem Arbeitgeber mitzuteilen, dass er einen neuen Job annehmen möchte - praktischerweise hätte er es dabei nicht weit: Dem kommunikativ begabten, meist gut gelaunten U-21-Nationaltrainer werden ernste Ambitionen auf die Beförderung beim DFB nachgesagt. Löws Assistent Marcus Sorg, 55, ist mit solchen Anwandlungen noch nicht aufgefallen, hat aber immerhin schon mal den durch einen Hantel-Unfall verhinderten Boss vertreten dürfen und dabei ordentlich ausgesehen. Ungeachtet der ihm nachgesagten Kompetenzen wäre Sorg jedoch eine Wahl, die das Publikum für eine kleine Lösung hielte.

Ralf Rangnick

Der zweite Kandidat: Ralf Rangnick.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Auch Ralf Rangnick, 62, punktet nicht unbedingt mit Popularität. Er wäre nicht der Kandidat der Herzen, sondern der Kandidat des Verstandes. Seine Tätigkeiten als Trainer und als Entwickler von aktenkundig gelungenen Fußballprojekten würden ihn für das Staatsamt des Nationaltrainers hinreichend qualifizieren. Während Flick als ehemaliger DFB-Mann die Fortsetzung der Ära Löw verhieße, würde Rangnick einen neuen Einfluss versprechen und neue Impulse.

An dieser Stelle heißt es dann zwar in der Fußballszene immer wieder, neue Impulse wolle Bierhoff vermeiden, weil er dann nämlich um sein Amt fürchten müsste - Rangnicks Fürsprecher versichern aber, es gebe auf beiden Seiten keine Vorbehalte. Bierhoff habe sogar mehrmals den Fußball-Professor in Leipzig aufgesucht, um Ratschläge für den Aufbau der DFB-Akademie einzuholen. Was vorbehaltlos für Rangnick spricht: Er ist vertraglich frei und würde den Posten sehr gern übernehmen. Trainerfahnder Bierhoff hat die Wahl.

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