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Löw-Abschied vom DFB:Spielraum für den Headhunter

Freie Bahn für die Heim-EM 2024: Joachim Löw begründet den Rückzug als Bundestrainer. DFB-Fahnder Bierhoff soll in Ruhe den Nachfolger suchen - aber das ist Wunschdenken.

Von Philipp Selldorf, Frankfurt

Am Ende seiner Rede schwelgte Jogi Löw in Erinnerungen an große Erlebnisse. An diese Zeit denke er "wahnsinnig gern zurück", sagte er, "es war eine meiner allerbesten Erfahrungen und eine meiner allerbesten Mannschaften". Mit bewegten Widmungen war zwangsläufig zu rechnen, als der Bundestrainer am Donnerstag in Frankfurt erstmals zum Ende seiner Dienstzeit nach der Europameisterschaft im Sommer Stellung nahm - ein Vorgang, der überall als Zäsur und Ende einer Ära beschrieben wurde.

Dies war also eine Stunde, die unter anderem zur feierlichen Rückschau einlud. Allerdings richtete sich Löws Erinnern nicht auf die großen Momente in 15 Jahren mit dem Nationalteam, und es ging auch nicht um Philipp Lahm und Per Mertesacker oder um Schweini & Poldi.

Die von ihm als "charakterstark" gerühmten Spieler hießen vielmehr Walter Kogler, Alfred Hörtnagl und Edi Glieder. Und ihr Verein war nicht der Deutsche Fußball-Bund, sondern der FC Tirol Innsbruck. 2002 führte der Trainer Löw seine Tiroler Truppe zum Titelgewinn, obwohl der Verein pleite war und ein halbes Jahr keine Gehälter zahlen konnte. Löw, von einem Reporter aus Österreich dazu befragt, erzählte davon jetzt mit einem Lächeln und mit Liebe zum Detail.

Der eine oder andere mag gedacht haben, die Veranstaltung im DFB-Haus - Gegenstand von Live-Übertragungen in alle Welt - werde womöglich von Pathos, Wehmut und Elogen getragen sein. Aber diese Annahme zerstreute der Verbandspräsident Fritz Keller schon nach wenigen einführenden Sätzen. Zur großen Laudatio wolle er erst nach der Europameisterschaft ansetzen, sagte der DFB-Chef und wandte sich dann auf die ihm eigene formlose Art an den Nebenmann: "Aber Jogi, jetzt sag du doch was dazu, es ist ja heute deine Show."

Dem Betroffenen war aber wie in all den Jahren auch diesmal nicht nach Show zumute. "15 Jahre sind eine lange Zeit im schnelllebigen Fußball", stellte Löw zwar eingangs mit einem gewissen Seufzen fest, er steuerte jedoch mitnichten eine kulturkritische Betrachtung an. Stattdessen handelte es sich bloß um eine elegische Annäherung an das Kernthema der Zusammenkunft: die Beweggründe seines Rückzugs. Hierzu brauchte Löw nicht viele Worte.

Er berichtete, dass er schon früher (auch vor dem 0:6 verlorenen Spanien-Spiel) über den passenden Abschied nachgedacht habe, und dass diese Gedanken "in den letzten zwei, drei Wochen" Formen angenommen hätten. Die Fragen "Wo stehen wir?" und "Was möchte ich?" führten im Selbstgespräch zur Antwort, dass sich der Weg nun besser trennen sollte: "Wenn man von Erneuerung und neuen Energien spricht, dann ist das jetzt der richtige Zeitpunkt."

Nicht zuletzt resultiert die Erkenntnis auf dem Ausblick auf das Jahr 2024, wenn Deutschland und der DFB Gastgeber der übernächsten Europameisterschaft sein werden. Das Turnier vergleicht Löw mit der WM 2006, die er als Taktik-Direktor an der Seite von Jürgen Klinsmann aus der Nähe erlebt hatte. Deutschland sei damals durch die Weltspiele "in einem neuen Licht erschienen", sagt er, und so soll das auch in drei Jahren wieder sein: "Ein Turnier im eigenen Land kann unheimlich viel bewirken - für das Land und für die Gesellschaft."

Die Zeit, die der Nachfolger zur Vorbereitung auf die große Aufgabe benötigt, will Löw ihm dadurch geben, dass er jetzt von seinem ursprünglich bis Ende 2022 datierten Vertrag zurückgetreten ist. "Drei Jahre sollten's sein", meint er. Nachdem er Teammanager Oliver Bierhoff über seine Einsichten informiert hatte, weihte er auch ein paar der altgedienten Spieler ein: Manuel Neuer, Toni Kroos, Ilkay Gündogan.

Um den Nachfolger wird sich der DFB-Direktor Bierhoff bemühen. "Er hat den Auftrag erhalten zu sondieren", bestätigte Präsident Keller und wiederholte dabei noch mal den Dank an Löw "für Offenheit und Miteinander". Der DFB habe dadurch "alle Zeit der Welt", den nächsten Bundestrainer zu finden.

Diese Vorstellung beruht allerdings in erster Linie auf Wunschdenken. Schon jetzt lastet ein beachtlicher Druck auf Bierhoff, mit den Folgen der Vakanz klug und diplomatisch umzugehen. Während der FC Bayern sehr aufmerksam registriert hat, dass der Cheftrainer Hansi Flick überall zum Favoriten auf den Posten erhoben wird, hat bereits der alternative Spitzenkandidat Ralf Rangnick öffentlich sein Interesse zu Protokoll gegeben.

"Das ist eine Stelle, die niemanden in Deutschland kalt lässt", sagte er im Sky-Studio, und er ließ eine subtile Drohung folgen: "Es ist eine Frage des Timings - jetzt bin ich frei -, aber Herr Keller will sich Zeit lassen." So viel zum Thema Alle-Zeit-der-Welt.

Er habe diese "Situation immer im Hinterkopf" gehabt, erklärte der Headhunter Bierhoff jetzt in Frankfurt - ein Bekenntnis, das die misstrauischen Münchner nicht unbedingt beruhigen dürfte. Zur Besänftigung versicherte Bierhoff, man werde keinesfalls "in bestehende Verträge eingreifen". Hansi Flick steht noch bis 2023 bei den Bayern unter Vertrag.

Reden lässt sich, nach Absprache, natürlich trotzdem über alles. "Es geht ans Eingemachte", gab Bierhoff zu erkennen, dass ihm die Wucht und Bedeutung seiner Aufgabe bewusst sind. Einen schnellen Abschluss mit Löws Nachfolger will er jedoch nicht in Aussicht stellen. "Sorgfalt und langfristiges Denken" hätten Vorrang, gab Keller zu verstehen. Auch nicht unwichtig: Man will auch nicht zu früh den neuen Mann nominieren, solange der alte noch mitten im Dienst ist.

Löw konnte sich das alles entspannt anhören. Die Nachfolgersuche ist nicht seine Sache. Ihn beschäftigt die nächste Länderspielrunde im März und die Europameisterschaft. Dass die Nationalspieler, wie jetzt viele meinen, aus Dankbarkeit für ihren geschätzten Trainer noch ein paar Meter mehr laufen werden, das glaubt Löw nicht: "Unsere Spieler sind intelligent und ehrgeizig, die brauchen keinen besonderen Kick." Von Pathos weiterhin keine Spur beim Abschiedskandidaten. Eher von Erleichterung und der Zufriedenheit, eine gute Entscheidung getroffen zu haben.

© SZ/mok/bkl
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