Süddeutsche Zeitung

Pokal-Erfolg der Bayern in Hamburg:Spaziergang unterm Sternenhimmel

Hamburgs Trainer Bert van Marwijk hofft vergeblich, dass seine Spieler das Chaos im Klub irgendwie in Trotz und den Trotz dann in Stärke umwandeln können. Die Bayern gewinnen das Pokal-Viertelfinale mühelos mit 5:0. Am Ende klatschen sogar die HSV-Fans.

Ach, wie gut es doch Pep Guardiola geht. Steht da im Designermantel an der Seitenlinie, ein milder Abend im Norden, der Mond grüßt vom sternenklaren Nachthimmel. Und Guardiola, der Bayern-Trainer, schaut sich in aller Ruhe das Spiel an, das seine Mannschaft ins DFB-Pokal-Halbfinale bringen wird, natürlich, hat irgendwer daran gezweifelt?

5:0 steht es am Ende gegen den Hamburger SV. Das Beste ist aber - und da sieht man jetzt wirklich, was für ein Glück es ist, den richtigen Verein zu trainieren: Keinen einzigen Gedanken hat Guardiola daran verschwenden müssen, in welcher Stadt er übermorgen wohnen wird. Oder: Was er mit seinem Anwalt noch wegen der Abfindung besprechen muss. Oder: Ob das aufs Publikum eigentlich arg demütigend wirkt, hier an der Seitenlinie zu stehen, wo doch alle wissen, dass es womöglich keine 24 Stunden mehr dauern wird, bis ein Grüntee- und Medizinball-Liebhaber den Job übernimmt.

Gut, wenn man ehrlich ist, müssen sich die wenigsten Trainer solche Sachen überlegen, während auf dem Rasen gekickt wird. Nur Bert van Marwijk, der am Mittwochabend etwa 15 Meter von Guardiola entfernt seine mutmaßliche Abschiedsvorstellung als HSV-Trainer gab, der hat sich sicher ein bisschen komisch dabei gefühlt, hier im Scheinwerferlicht zu stehen. Wissend, dass maßgebliche Kräfte in Hamburg nur noch ein Ziel haben: ihn zurück nach Holland zu schicken - und den Verein Felix Magath auszuliefern.

Dass es beim HSV gerade auf allen Ebenen drunter und drüber geht, das hatte sich natürlich auch bis München herumgesprochen. Und auch wenn sich Pep Guardiola sicher das ein oder andere irre Detail des Machtkampfes gespart hat: Eine Haltung hat er doch entwickeln müssen zu den Turbulenzen. Seiner Mannschaft gab er deshalb diese Warnung mit auf den Weg: Vorsicht, Unruhe macht gefährlich!

Das hatte sich wohl auch Bert van Marwijk erhofft: dass seine Spieler das Chaos irgendwie in Trotz und den Trotz dann in Stärke umwandeln würden. Und war es nicht tatsächlich so, dass der HSV anfangs viel stabiler wirkte als zuletzt in der Liga gegen Hoffenheim (0:3) und Hertha (0:3)? Doch, so war es. Die wiedergefundene Grundordnung führte dann aber nur dazu, dass es nicht vier Minuten (wie gegen Hoffenheim) und nicht 15 Minuten (wie gegen Hertha), sondern 21 Minuten dauerte, bis Torwart René Adler hinter sich greifen musste. Ein Angriff über links, Mario Götze schüttelte Zhi Gin Lam ab, passte zu Mario Mandzukic. Und weil den niemand bewacht hatte, obwohl seine Qualifikationen weltweit gefürchtet sind, stand es 1:0.

Die Bayern spielen längst in ihrer eigenen Welt

Pep Guardiola stand still an der Seitenlinie und wartete. Vier Minuten lang. Auf den nächsten Treffer. Eine Ecke diesmal, getreten von Toni Kroos, ins Tor geköpfelt von Verteidiger Dante (26.). Das war es dann im Grunde schon wieder. Für den HSV und van Marwijk stellte sich jetzt nur noch eine Frage: Würde man noch eine halbwegs ehrenvolle Niederlage hinbekommen? Oder wieder den vollständigen Zusammenbruch erleben?

Marcell Jansen nahm sich nun ein Herz, der Mann ist immerhin Nationalspieler und will im Sommer zur WM. Sein Schuss trudelte Richtung Eckfahne (31.). Und in der 40. Minute musste dann Rafael van der Vaart raus. Zerrung. "Hoffentlich nichts Schlimmes", sagte der Stadionsprecher, "wir brauchen ihn am Wochenende." Dann geht es für den Tabellen-17. in der Liga gegen den 18. Braunschweig. Aber schon daran, dass in Hamburg längst nicht mehr alle der Meinung sind, dass man den alternden van der Vaart wirklich braucht, kann man sehen, wie wenig Gewissheiten noch übrig sind in diesem ebenso stolzen wie verwirrten Verein.

Wenn man die 50 Minuten zum Maßstab nimmt, in denen Tolgay Arslan den Holländer ersetzte, kann man sagen: Ist eigentlich egal. Zumal gegen diesen Gegner, gegen den der HSV offensiv nichts zustande brachte außer harmlosen Weitschüssen und mäßigen Konterversuchen.

Die Bayern spielen nun im Halbfinale (15. oder 16. April) zu Hause gegen Zweitligist Kaiserslautern - und längst in ihrer eigenen Welt. Hier lauten die Fragen nicht "Kann Magath den Abstieg verhindern?" Sondern bloß: "Spielt Kroos?" Ja, der Nationalspieler, dessen Phlegma bisweilen mit seinem Talent im Widerstreit liegt, durfte nach zwei Partien Pause wieder von Anfang an ran. Er irritierte mit einigen Unsicherheiten - schlug dann aber die Ecke, die Dantes 2:0 vorausging. Und in der 54. Minute verwandelte Robben ein herrliches Zuspiel von Kroos zum 3:0. Da sah es noch nach ehrenvoller Niederlage aus für den HSV. Nach zwei weiteren Toren durch Mandzukic (74./76.) eher nicht mehr.

Und auch dies geschah noch in Hamburg: Drei Monate nach seiner Sprunggelenks-OP betrat Bastian Schweinsteiger wieder einen Fußballplatz, in der 64. Minute kam er für Lahm. Da klatschten sogar die Hamburger. Schweinsteiger spielte ein paar Sicherheitspässe, aber mehr war ja auch nicht mehr nötig. Glückliche Bayern.

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SZ vom 13.02.2014
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