Bei Liverpools TitelfeierJürgen Klopp kann Zorn in Jubel verwandeln

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Wieder da: Jürgen Klopp auf der Tribüne von Liverpool.
Wieder da: Jürgen Klopp auf der Tribüne von Liverpool. Phil Noble/REUTERS
  • Jürgen Klopp kehrte nach einem Jahr Abwesenheit zur Meisterfeier des FC Liverpool zurück und wurde von Fans als Klubheiliger gefeiert.
  • Liverpool gewann nach 35 Jahren wieder vor Fans die Premier League, Mohamed Salah stellte einen Uraltrekord für Torbeteiligungen ein.
  • Klopps Kritik an Fanverhalten gegenüber Trent Alexander-Arnold zeigte Wirkung, der Spieler wurde bei der Medaillenzeremonie euphorisch bejubelt.
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Ein Jahr lang hatte sich der ehemalige Erfolgstrainer in Liverpool nicht mehr blicken lassen, auch aus Aberglauben. Dann zeigt sich bei der Meisterfeier, wie groß die Wunderkraft des Klubheiligen aus Germany immer noch ist.

Von Sven Haist, London

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Nach seinem Rücktritt als Trainer des FC Liverpool hielt sich Jürgen Klopp so lange vom Verein fern, dass einige Fans bereits besorgt waren, er könnte nie mehr ins Stadion an der Anfield Road zurückkehren. Klopp verschob einen Besuch ein ganzes Jahr lang, trotz mehrerer Einladungen – wohl auch aus dem Aberglauben heraus, er könnte den Erfolg seines Nachfolgers Arne Slot gefährden. Am Sonntagabend war der Deutsche nun zum ersten Mal seit seinem Abschied wieder live am Ort, bei der geschichtsträchtigen Meisterschaftsfeier der Reds. Er saß nicht mehr auf der Trainerbank wie von Oktober 2015 bis Juni 2024, sondern auf der Ehrentribüne – als Legende. Der Klubheilige aus Germany.

Ständig wechselten die Kameras zwischen Spielfeld und Zuschauerrängen, weil es wegen der Vielfalt an Eindrücken im Stadion schwierig zu entscheiden war, wohin man zuerst schauen sollte. Für Liverpool glich die Übergabe der Trophäe für die 20. Meisterschaft des Klubs einem Tag im Glückszustand. Darauf hatte das Stammpublikum 35 Jahre lang gewartet, seit der letzten Titelsause 1990 – denn die Meisterschaft unter Klopp 2020 war pandemiebedingt ohne Fans vollzogen worden. Die Feierlichkeiten setzten sich am Montag fort, als etwa eine Dreiviertelmillion Menschen, darunter Klopp, die Parade des Teams durch die Straßen von Liverpool begleiteten.

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Klopps Anwesenheit in Anfield war für die LFC-Anhänger insofern von Bedeutung, als diese ihn als den Schutzheiligen ihrer Vereinsgroßfamilie verstehen. Auch weitere verdienstvolle Spieler- und Trainerverwandte waren im Saisonheimspiel gegen Crystal Palace (1:1) zugegen: Gary Mac Allister, Raf­ael Benítez, Jamie Carragher, Kenny Dalglish, Steven Gerrard, Jordan Henderson, Ian Rush, Mark Walters. Zudem reiste das öffentlichkeitsscheue Trio John W. Henry, Tom Werner und Mike Gordon, das dem Verein über die in Boston ansässige Investmentgruppe Fenway seit anderthalb Jahrzehnten vorsteht, für eine seiner seltenen Stippvisiten an. Dabei ließ sich Werner entlocken, es sei ein „sehr emotionaler Tag und eine magische Saison“. Der Trainer Slot habe von Klopp ein „gutes Team übernommen und aus diesem das Beste herausgeholt“.

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Und im übertragenen Sinn waren sogar die Trainergranden Bill Shankly und Bob Paisley mit dabei, die mit zusammengerechnet neun Meisterschaften in den 1960er- und 1970er-Jahren den Mythos des Klubs mitbegründet hatten. Denn Klopp postete auf Instagram Fotos von sich und Slot, auf denen die beiden so verblüffend ähnlich nebeneinander standen, als wäre es eine geplante Nachstellung einer früheren Shankly/Paisley-Aufnahme. Sogar Handbewegung und Gesichtsausdruck stimmten.

Klopps Ausgelassenheit war zu entnehmen, wie sehr er es genoss, nicht mehr dem Druck als Verantwortungsträger in Liverpool ausgesetzt zu sein. Nach dem Ausgleichstor von Mohamed Salah in der Schlussphase stimmte auch er in Fangesänge über den Ägypter ein. Der Torjäger hatte mit seiner 47. Torbeteiligung (29 Treffer, 18 Assists) in dieser Premier-League-Spielrunde einen Uraltrekord von Alan Shearer und Andrew Cole eingestellt, denen dafür einst aber 42 statt 38 Spieltage zur Verfügung standen. Der 32-Jährige holte als erster Profi in England das Individual-Triple aus Torschützenkönig, bester Vorlagengeber und Spieler des Jahres.

Der Meister fährt Bus: Am Montag ließ sich die Mannschaft des FC Liverpool bei einem Corso durch die Innenstadt feiern.
Der Meister fährt Bus: Am Montag ließ sich die Mannschaft des FC Liverpool bei einem Corso durch die Innenstadt feiern. Paul Ellis/AFP

Von Aussagen über seinen früheren Klub sah Klopp auch diesmal ab. Nur vor dem Spiel hatte der 57-Jährige, der inzwischen die Fußball-Bestrebungen des Red-Bull-Konzerns beaufsichtigt, auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung seinen Status in die Waagschale geworfen. Er maßregelte die Fans für ihr Verhalten gegenüber dem Spieler Trent Alexander-Arnold, der unter ihm den Durchbruch geschafft hatte und unlängst nach Bekanntgabe seines Abschieds zum Saisonende heftig angefeindet worden war. Nach diesen Buhrufen habe er den Fernseher ausgeschaltet, weil er nicht enttäuschter hätte sein können, sagte Klopp an die Fans gerichtet: „Eure Denkweise ist falsch! Das sind nicht wir, zu einhundert Prozent nicht.“

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Und siehe da: Bei der Medaillenzeremonie wurde nun kein Name euphorischer bejubelt als der des 26-Jährigen, der zu Real Madrid wechseln wird. Das wiederum rührte Klopp auf der Tribüne fast zu Tränen – und auch Alexander-Arnold. Er habe sich „noch nie so geliebt und umsorgt gefühlt wie heute“, sagte er. Als Nachfolger wird Liverpool wohl Jeremie Frimpong von Bayer Leverkusen verpflichten.

Der Königstransfer indes soll bekanntlich Frimpongs Teamkollege Florian Wirtz werden. Um die Ablöse von 150 Millionen Euro zu stemmen, fand kürzlich ein Gespräch zwischen Liverpools Sportdirektoren und den Klubbesitzern statt. Miteigentümer Werner sagte vielversprechend, man werde in der nächsten Saison „neu angreifen“, das sei man den Fans schuldig. Auch Jürgen Klopp wird sicher wiederkommen.

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