Liverpool:Duell der Worte

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"Wir müssen offensiv besser spielen und mehr aus unseren Chancen machen": Liverpool-Trainer Jürgen Klopp mit dickem Hals in Augsburg. (Foto: Matthias Hangst/Getty Images)

Nach dem 0:0 im Europa-League-Hinspiel in Augsburg wirkt Liverpools Trainer Jürgen Klopp gereizt: Er fordert in England mehr Respekt für die Bundesliga.

Von Kathrin Steinbichler, Augsburg

Jürgen Klopp seufzt. Betont deutlich, betont hörbar. Wenn schon seine Worte an diesem Abend ihr Ziel verfehlen, soll wenigstens seine Lautmalerei Wirkung hinterlassen. Es ist jetzt kurz vor Mitternacht, und Jürgen Klopp, der in einem schicken schwarzen Dreiteiler mit weißem Einstecktuch auf dem Podium sitzt, ist unzufrieden. Mit dem torlosen Auftritt seines FC Liverpool im Europa-League-Hinspiel beim FC Augsburg, mit den Fragen der Journalisten, ein bisschen wohl auch mit sich selbst, vor allem aber: mit dem Dolmetscher neben sich.

Seit der frühere Dortmunder Trainer vor viereinhalb Monaten nach England gewechselt ist, erlebt der 48-Jährige das Schicksal jedes Fremdarbeiters: Der Muttersprache beraubt, fällt der Austausch am Arbeitsplatz zunächst schwer. Vor allem, wenn die Sprache ein entscheidender Teil der Arbeit ist. Als Bundesligatrainer hat Klopp es lieben gelernt, seine nuancierte Sprachgewalt für sich zu nutzen, selbst langweilige Spiele hatten dank ihm Unterhaltungswert, seine Mannschaften wussten genau, was er von ihnen wollte. Im Englischen fehlen ihm oft noch die Redewendungen für das, was er im Kopf hat, Klopp muss geduldig sein. Dass seine Spieler an diesem Abend nicht in den Beinen hatten, was er im Kopf hatte, nervt ihn gewaltig: "Wir können es besser."

Das 0:0 des fünfmaligen Europapokalsiegers im kleinen Augsburg sei "ein Topergebnis", meint Klopp, wenngleich es "nicht mein Traumergebnis" sei: "Nur mit der Leistung bin ich nicht zufrieden." Nicht mit der seiner Mannschaft, die dieses europäische Duell als klarer Favorit bestreitet. Und auch nicht mit der des Übersetzers. Irgendwo muss der Ärger ja raus.

Klopp ist unzufrieden mit der Leistung seiner Mannschaft - und mit der des Dolmetschers

Zweimal korrigiert Klopp den Mann, "das habe ich nicht gesagt". Als er schließlich auf Dortmund und dessen 2:0 gegen Porto angesprochen wird, sucht er genüsslich nach Metaphern - und sagt dann feixend, Dortmund stehe ja jetzt quasi "mit einem Bein in der nächsten Runde", aber er wisse: "In Porto hängen die Trauben hoch." Mit Blick auf den Dolmetscher schließt er: "Wie er das übersetzt, muss er überlegen." Klopp hat nun im Wortduell die Lacher auf seiner Seite. Doch "The Normal One", wie er in England im Vergleich zum egozentrischen José Mourinho getauft wurde, wirkt jetzt doch auch etwas speziell. Um nicht zu sagen gereizt.

Die Erwartungshaltung an Klopp ist hoch, in England wie von außerhalb der Insel wird interessiert beobachtet, ob der Pressingliebhaber und Spielerdompteur auch im ungewohnten Umfeld Erfolg hat. Dieses 0:0 in Augsburg, bei dem kurz vor dem Ende allein der Pfosten die Reds davor bewahrt, dass der Schuss von Ji nicht zum Sieg der abstiegsgefährdeten Schwaben führt, sorgt nicht gerade für Beruhigung beim Tabellenachten der Premier League. Als ein englischer Journalist fragt, ob Liverpool im Rückspiel nächste Woche stärker auftreten müsse, wird Klopp ungehalten. "Ihr englischen Journalisten müsst mehr Respekt vor der Bundesliga haben", fordert er. "Man kann hier nicht herkommen und 5:0 gegen Augsburg gewinnen." Deutsche Mannschaften seien taktisch gut eingestellt, "da nimmt man nicht einfach so etwas mit".

Seine Mannschaft - in der Nationalspieler Emre Can im Mittelfeld emsig, aber glücklos wie die Kollegen spielte - habe "in einigen Szenen die falschen Entscheidungen getroffen. Wir müssen besser offensiv spielen, wir müssen mehr daraus machen". Dann nimmt Klopp die Breze, die ihm der FCA bereit gelegt hat und die er während der Konferenz zur Hälfte gegessen hat, und geht. Genug gesagt.

Als FCA-Trainer Markus Weinzierl sich setzt, muss er lächeln. Der 41-Jährige hat über einen Bildschirm Klopps Äußerungen und seinen Unmut mitbekommen. Seine Mannschaft sei "mindestens ebenbürtig" gewesen und wolle jetzt in Liverpool die Sensation schaffen. "Aber", sagt Weinzierl, er kann sich jetzt ein Grinsen nicht verkneifen: "Wir wissen auch, dass in Liverpool die Trauben hoch hängen."

© SZ vom 20.02.2016 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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