Linksaußen:Nachkommastellen im Nebel

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(Foto: SZ-Grafik)

In Memmingen muss ein Fußballspiel abgebrochen werden, in Regensburg schießen schleierhafte Gestalten Elfmeter. Und manch ein Fan wäre über schlechte Sicht gar nicht mal so unfroh.

Von Stefan Galler

Da war es wieder, dieses vermaledeite "Defizit an Durchblick", das vor fast 20 Jahren schon dem mittlerweile verstorbenen Aufsichtsratsvorsitzenden des 1. FC Kaiserslautern so übel mitgespielt hatte. Robert Wieschemann stöpselte sich damals derart durch eine Fußballdebatte im Live-Fernsehen, dass man sich Sorgen um ihn und seinen Klub machen musste. Er stocherte sozusagen verbal im Nebel. Jenes Wetterphänomen, das im Herbst verstärkt auftritt und dann auch zur Gefahr für Sportarten werden kann, die im Freien ausgetragen werden.

Am Freitagabend suchte es das Allgäu heim, wo sich die Regionalliga-Fußballer aus Memmingen und Heimstetten gerade zum Kicken getroffen hatten. Dabei hatten die Memminger ihr erstes Spiel nach der Trennung von Dauertrainer Esad Kahric zu bestreiten. Zur Pause führten sie laut Augenzeugen, denen es gelang, dem Geschehen trotz der Milchsuppe einigermaßen zu folgen, 2:1. Schiedsrichter Maximilian Riedel pfiff die zweite Hälfte jedoch nicht mehr an: Von einem Tor aus muss das andere zu sehen sein, besagt die Nebelregel, andernfalls ist von einem Fortführen eines Fußballspiels abzusehen. Der Referee sah am Freitag nicht mal von der Mittellinie bis zu einem der beiden Gehäuse.

Die FC-Bayern-Fans hätten gerne einen Schleier über das Pokalspiel in Mönchengladbach gelegt

So ein bisschen Schleier über einem Spiel kann ja manchmal ganz wohltuend sein, vermutlich hätten die Bayern-Fans beim Pokalspiel in Mönchengladbach die Option, dem schlimmen Spiel ihrer Lieblinge nicht ungefiltert zusehen zu müssen, gerne genommen. Doch von The Fog war am Niederrhein keine Spur, gegruselt haben sich die Roten auch so schon genug. Dafür war zur gleichen Zeit der Durchblick in Regensburg so defizitär, dass man beim abschließenden Elfmeterschießen in der Partie gegen Hansa Rostock zumindest am Fernseher nur erahnen konnte, ob der jeweilige Versuch drin war oder nicht. Insider plauderten aus, dass zwei Regensburger verschossen hätten; der Jahn sei damit rausgeflogen und könne sich jetzt also voll auf den Kampf um den Klassenverbleib konzentrieren, wo es angesichts von 25 Punkten und Tabellenplatz zwei nach zwölf Runden in Liga zwei gar nicht mal so schlecht aussieht.

Dafür muss man kein Rechenkünstler sein und auch kein besonders gutes Gedächtnis haben. Im Gegensatz zu Daniel Jaworski: Der Kasseler hält neuerdings gleich zwei Weltrekorde, nämlich jenen im Aufsagen von 300 Nachkommastellen der Kreiszahl Pi und im Nennen der 200 größten Städte Deutschlands nach Rang - und zwar: mit verbundenen Augen. Womit klar ist, dass zumindest im Denksport Sichtbeeinträchtigungen einen Wettbewerb nicht gefährden würden, weder in Regensburg noch in Memmingen. Dass diese auf Platz 55 beziehungsweise 235 der größten Städte des Landes liegen, kann man im Internet nachlesen. Aber nur, wenn man zuvor die Augenbinde abnimmt.

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