Immerhin verbrachte Lindsey Vonn den Sonntag mit ihrer zurückgewonnenen Familie. Ein gemeinschaftliches Abwarten ergab sich im Startbereich der Strecke in St. Moritz, wo die Läuferinnen viertelstündlich Updates und Startverzögerungen mitgeteilt bekamen. Ein Sturm hatte sich ins Engadin aufgemacht, wo das Skigebiet Corviglia unterhalb des Piz Nair dafür bekannt ist, ein bisschen wetterfühlig zu sein: Bei schönem Wetter gibt es wenig schönere Orte in den Alpen, um im Sonnenlicht Schwünge in den Schnee zu ziehen. Bei Wind und Wetter allerdings bleibt einem nur der Blindflug, was bei den Geschwindigkeiten eines Super-G im Weltcup nicht zu empfehlen ist. Um die Mittagszeit beschloss die Jury die Absage – womit auch feststand, dass Lindsey Vonn ihr am Samstag abgegebenes Versprechen woanders wird einlösen müssen.
Im Mittelpunkt zu stehen, damit hatte die US-Amerikanerin nie ein Problem.
„Wir sind eine Familie, und ich bin wieder zurück in meiner Familie“, hatte Vonn am Samstag das Credo ihrer Rückkehr formuliert, als sie im noch sonnigen Engadin ihr Comeback im Weltcup gegeben hatte. Sechs Jahre waren vergangen seit ihrem Abschied nach der Ski-WM 2019 in Åre in Schweden, als Vonn den Skisport nach einer Serie von langwierigen Verletzungen und zahlreichen Operationen unfreiwillig hatte verlassen müssen. Es war ein Abschied von dem Leben, das Vonn sich immer erträumt hatte, und von all dem, was damit zusammenhing: Im Mittelpunkt zu stehen, damit hatte die US-Amerikanerin nie ein Problem, im Gegenteil. Und auch wenn ein erstes Rennen für eine sportliche Beurteilung noch zu wenig ist: An ihrem Naturell hat sich definitiv nichts geändert. Die zurückgekehrte Lindsey Vonn hat den Ski-Zirkus umgehend als Attraktion im Griff, sie ist eher schon wieder Oberhaupt als nur Mitglied der sogenannten Familie.

Einen wahren Interview-Marathon absolvierte Vonn später, die Euphorie war ihr in jeder Aussage anzumerken. Sie erzählte einmal mehr, dass ihre Ärzte den Plan, mit einer Teilprothese im Kniegelenk professionell Ski zu fahren, abgesegnet hätten und sie „gar nicht“ an ihr Knie denken würde. Und dann ging es wieder um die Geschichte dieser vergangenen Jahre, in denen sie ihren Körper in Schuss gebracht, ein Buch geschrieben und viel Zeit abseits der Pisten verbracht hatte. Und in der ihr das Dasein als Athletin und das damit verbundene Drumherum gefehlt hatten.
Die 40-Jährige definiert sich selbst weiterhin über ihre 82 Weltcup-Siege, an den Rennpisten der Bergwelt bekommt sie dafür unendliche Anerkennung. Nur ist eine harte Wahrheit, die schon vor ihr zahlreiche Ski-Legenden erkennen mussten: Außerhalb von Orten wie St. Moritz, Cortina d’Ampezzo oder Vail/Colorado zählen Weltcupsiege vergleichsweise wenig; nicht zuletzt auch finanziell. Zu Hause in den USA war Vonn zuletzt auch aufgrund von Beziehungen mit dem Golfer Tiger Woods, mit einem Ex-Footballer und mit einem Eishockeyprofi bekannt – als Teil der US-Sport-Society, in der der Skisport nur eine untergeordnete Rolle spielt.
Absehbar war daher, dass ihr Comeback von Misstönen begleitet wird. Eine gewisse Geltungssucht wurde Vonn hinter vorgehaltener Hand schon immer bescheinigt, anders als andere Überfiguren wie Mikaela Shiffrin oder Marcel Hirscher polarisiert sie stärker. Dass ihr nun vom österreichischen Alt-Internationalen Franz Klammer ein „Vollschuss“ unterstellt wurde, dass die Schweizer Ex-Läuferin Sonja Nef sie „bescheuert“ nannte – das war allerdings zu drastisch. In Wahrheit bringt Vonn nicht nur Aufmerksamkeit für sich selbst, sondern im Nebeneffekt auch für alle anderen mit. „Ich habe keine Zeit, über diese negativen Sachen zu reden“, sagte sie am Samstag dazu nur kühl.
Das Wort Familie wird gerne verwendet – aber auch oft ungern gelebt
Aber so wie sich Vonn in den sechs Jahren Abwesenheit charakterlich nicht verändert hat, so ist es eben auch beim Ski-Weltcup der Fall. Das Wort Familie wird gerne verwendet, aber ungern gelebt zwischen Konkurrentinnen – und genau das ist Vonn, wie sich in ihrem ersten Rennen zeigte. Im Unterschied etwa zu Hirscher, dessen Comeback von Anfang an der Charakter einer Abschiedstournee anhaftete, bevor es tragisch in einem Kreuzbandriss endete, ist Vonn zurückgekommen, um noch einmal zu gewinnen. Platz 15 beim ersten Super-G klingt insofern nicht allzu spektakulär, jedoch sagte sie später, bei Weitem noch nicht ins volle Risiko gegangen zu sein, das war für den zweiten Super-G geplant.
Vonn wird ihren Vintage-Modus brauchen, wieder am Rand zwischen Genialität und Wahnsinn auf zwei Skiern unterwegs sein müssen, um das Trio an der Spitze zu gefährden: Die Italienerin Sofia Goggia hat sich mit ihrer Fahrweise als legitime Vonn-Nachfolgerin etabliert, die Schweizerin Lara Gut-Behrami ist gefühlt seit einem Jahrzehnt in Hochform und seit neuestem gewinnt in Cornelia Hütter auch eine Österreicherin wieder Rennen, wie den Super-G in St. Moritz. Dahinter allerdings ergibt sich im Frauen-Speed-Bereich eine gewisse Leistungslücke und damit auch eine Chance für Vonn, ihr Versprechen von Konkurrenzfähigkeit bald einzulösen. Am Sonntag etwa brauchte es schon einen Wintersturm im Engadin, um ihr Einhalt zu gebieten.


