Leichtathletik:Wettbieten um den München-Marathon

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Auch künftig heißt es beim München-Marathon "Auf geht's" - aber unter wessen Regie? (Foto: Claus Schunk)

Seit fast einem Vierteljahrhundert veranstaltet Gernot Weigl, 71, die Großveranstaltung in der Landeshauptstadt. 2025 will ihn nun die LG Stadtwerke als Organisator ablösen und hat sich bei der Stadt dafür beworben. Das Problem: Weigl möchte keineswegs abgelöst werden.

Von Andreas Liebmann

Der "frische Blick", von dem Jacob Minah sprach, ist am Samstag nicht wirklich gut zu sehen gewesen, er verbarg sich hinter einer dunklen Sonnenbrille. Unten im alten Dantestadion wurde beim Ludwig-Jall-Sportfest gerade um Zeiten und Weiten gekämpft, auf der Tribüne stand der ehemalige Zehnkämpfer und erzählte, wie es so läuft, seit er vor fast acht Monaten zum Vorsitzenden der LG Stadtwerke München gewählt wurde. Und auch wenn man seinen frischen Blick nicht überprüfen konnte, mit dem er seither alles betrachten will, man konnte ihn zumindest erahnen - spätestens als er folgende Neuigkeit berichtete: Die LG hat sich offiziell um die Ausrichtung des München-Marathons ab 2025 beworben.

Jacob Minah, 42, kommt aus dem Leistungssport, nicht aus Vereins- oder Verbandsstrukturen, das war es, was der Diplom-Betriebswirt sagen wollte mit seiner Formulierung. Er habe sich also alles mal unvorbelastet angesehen, seit man ihn ins kalte Wasser geworfen habe: was so ist und was mal werden könnte bei der Leichtathletik-Gemeinschaft, was gut klappt und woran es fehlt. Und dann hat er diese Idee mit dem München-Marathon geboren, als eine Option, neue Einnahmequellen zur Finanzierung von Jugend- und Leistungssport zu erschließen. Nur: Der München-Marathon hat ja schon einen Organisator, Gernot Weigl.

Der heute 71-Jährige hat diese Veranstaltung, nachdem sie in den Neunzigern heruntergewirtschaftet war, vor 24 Jahren wiederbelebt. Sie zählt seitdem zu den fünf teilnehmerstärksten Marathons in Deutschland. 23 000 Teilnehmer waren es im Vorjahr, und statt einer reinen Breitenveranstaltung hatte sich der München-Marathon zuletzt auch wieder für internationale Eliten geöffnet. Weigl hat jedenfalls mitnichten geplant, ihn abzugeben, im Gegenteil: Soeben, erzählt er voller Tatendrang, bestelle er die Drucksachen und die Bananen für den kommenden Lauf am 13. Oktober. Und so wird diese Sache nun zu einem Politikum.

Das Prozedere ist klar geregelt. Das Kreisverwaltungsreferat (KVR) der Stadt München schreibt die Veranstaltung alle zwei Jahre aus, und bislang hatte Weigls München Marathon GmbH nicht wirklich Konkurrenz zu fürchten. Plötzlich aber gibt es mehrere Wettbewerber, die fristgerecht bis Ende März ihre Konzepte vorgelegt haben. Das KVR bestätigt noch einen dritten Interessenten, der dem Vernehmen nach aus Weigls ehemaligem Team kommen soll. "Hier entscheidet die Qualität und Aussagekraft der eingereichten Verkehrskonzepte", schreibt das KVR.

Der Verband ist in einer misslichen Lage, hat aber keinen Einfluss - "das KVR wird entscheiden"

Der LG Stadtwerke schwebt ein etwas anderes Konzept vor, mit zwei Runden, die auch den Englischen Garten einschließen, um die Stadt nicht auf gut 40 Kilometern absperren zu müssen. Das Knifflige an der Lage ist, dass nicht nur die Münchner LG mit den Einnahmen die Leichtathletik fördern will, was per se ja eine gute Sache ist. Auch Weigl kann sich das an die Fahnen heften. Als offizieller Veranstalter seines Marathons fungiert eine von ihm gegründete, gemeinnützige Stiftung, die Hilfsprojekte unterstützt und auch den Bayerischen Leichtathletik-Verband (BLV). Minah weiß das. "Wir kennen ihn gut, er hat viel für die Laufszene getan", sagt er. Es habe auch "Kooperationsgespräche" mit Weigl gegeben, aber: "Er war nicht so begeistert." Und noch etwas räumt Minah unumwunden ein: "Der Verband", sagt er, der stehe geschlossen hinter Gernot Weigl.

Weigl selbst will all das nicht kommentieren. Er bestätigt lediglich, dass Minah im Rahmen eines Organisationsgesprächs - die LG Stadtwerke fungiert bislang beim Marathon als Helferverein - das Interesse geäußert habe, an der Veranstaltung zu partizipieren, dass er dieses Gespräch aber abgebrochen habe. Von einer Übernahme sei nie die Rede gewesen, und eine solche Riesendimension könne ein Verein ohnehin nicht bewältigen. Er wolle den Marathon "selbstverständlich" auch 2025 weiterführen.

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Minah erzählt sehr ausführlich von den Herausforderungen der LG und ihrer Mitgliedsvereine, Ehrenamtliche zu finden, in Trainer zu investieren, in Kinderförderung, in Aktive und Trainingsstätten. Vor allem bei der gewachsenen Zahl der Kadermitglieder sei ihnen der eigene Erfolg, rein finanziell, "etwas auf die Füße gefallen", es kostet eben alles Geld. Und neben dem Ausbau von Catering und der Intensivierung der Sponsorenakquise sehe er vor allem in Veranstaltungen eine Chance auf Zusatzeinnahmen. Den Marathon würde eine eigene GmbH übernehmen, die bereits gegründet wurde.

Den BLV bringt dieser Wettstreit in eine missliche Lage. Auch dessen Vorsitzender Gerhard Neubauer entstammt als ehemaliger Kugelstoßtrainer der LG Stadtwerke, und er kann Minahs Gedanken grundsätzlich nachvollziehen. Er weist aber auch deutlich darauf hin, dass Weigls Stiftung seit Jahren ein verlässlicher Förderer seines Verbandes sei, mit dem man etwa durch die Aktion "Lauf dich fit!" jedes Jahr gemeinsam 80 000 bis 100 000 Kinder in Bewegung bringe. "Üblicherweise stehen wir hinter unseren Förderern", betont er. Gleichzeitig ist der Landesverband auch auf eine florierende LG Stadtwerke als Partner angewiesen, ohne die etwa der Bundesstützpunkt in München gar nicht möglich wäre.

Vermutlich hätte dem BLV eine Art Kooperation mit fließendem Übergang am besten gefallen, für den Tag, an dem Weigl vielleicht in den Ruhestand hätte gehen wollen. Das ist mit den konkurrierenden Bewerbungen wohl hinfällig, auch wenn Minah versichert, mit allen Interessenten weiter reden zu wollen. Wirklich äußern will sich Verbandschef Neubauer nicht zur verzwickten Lage. Das einzig Positive, das er ihr abgewinnen kann, ist die Erkenntnis, dass seine Haltung ohnehin keinen Einfluss hat. "Das KVR wird entscheiden", sagt er, "es wird nicht nach unserer Meinung fragen." Die Entscheidung kündigt das KVR für Ende Juni an.

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