Leverkusener Erfolg gegen Stuttgart:Eine perfekte Woche, zumindest numerisch

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Xabi Alonso

Leverkusens Karim Bellarabi (links) umarmt Trainer Xabi Alonso - es passt alles wieder besser zusammen bei Bayer 04.

(Foto: David Inderlied/dpa)

Ohne zu glänzen, weitet Bayer unter Xabi Alonso seine Erfolgsserie durch einen nie gefährdeten 2:0-Sieg gegen Stuttgart auf drei Siege aus. Der VfB wirkt zerrissen und rutscht auf Platz 17 ab.

Von Milan Pavlovic, Leverkusen

Es war zunächst nicht ganz klar, was in dieser 38. Minute genau passierte, als das Spiel plötzlich stockte. Hatte Schiedsrichter Florian Badstübner eine Ruheminute verfügt, damit die Spieler von Leverkusen und Stuttgart die Schönheit des spätherbstlichen Himmels genießen konnten? Das war aber auch ein Spektakel! Den ganzen Tag über hatte der Horizont einen kalifornischen Anstrich gehabt, und nun mischten sich Farben dazu, die geradezu psychedelisch wirkten, irgendwo zwischen lila, orange und samtenem rot.

Oder aber hatte Bayer-Trainer Xabi Alonso bei der DFL kurzfristig durchgedrückt, dass er aufgrund besonderer Verdiente um den Weltfußball mindestens einmal pro Halbzeit seine Mannschaft zusammentrommeln darf - zwecks Justierung seines Plans?

Es stellte sich heraus, dass der Referee eine gelbe Karte verteilen wollte und den Täter suchte, nachdem er zuerst den Vorteil hatte ausspielen lassen. Aber da die Rückennummern der Stuttgarter kaum lesbar waren (vorsätzlich?), musste Badstübner vorsichtige Detektivarbeit leisten. Dann, schließlich, hielt er dem selbstverständlich völlig überraschten Dan-Axel Zagadou eine gelbe Karte vor die Nase, bat die Leverkusener um Auflösung ihrer Versammlung - und ließ die Partie fortsetzen.

Es blieb die einzige unerwartete Szene des Nachmittags, an dem die Verhältnisse noch eindeutiger waren, als es das Chancen-Verhältnis (6:0) vermuten lässt. Leverkusen gewann verdient mit 2:0 (1:0), ohne auch nur annähernd so schillernd zu wirken wie der Himmel. Der verheerend in die Saison gestartete Werksklub spielt immer noch nicht wie ein Europacup-Aspirant, aber gerade zu Beginn einer Saison sind Punkte wichtiger als Lob für Eleganz, und Alonsos Team hat in der englischen Woche neun Zähler gesammelt. Das sind genauso viele, wie der Verein in den ersten zwölf Spielen geholt hatte - neun Punkte, das haben in diesen sieben Tagen sonst nur Bayern, Leipzig und Wolfsburg geschafft. Klubs also, in deren Sphäre Bayer sich gesehen hatte, bevor die Saison begonnen hatte.

Im neuen Jahr darf Xabi Alonso mit der Rückkehr des Ausnahme-Teenagers Florian Wirtz rechnen.

Dass darunter eine Menge Leerlauf war (die erste Halbzeit gegen Union Berlin), großes Derby-Glück (beim 2:1 in Köln) und nun ein Pflichtsieg gegen einen zerstrittenen Klub, dürfte den Leverkusenern ziemlich egal sein. Coach Alonso kann in der langen Katar-Pause Dinge einstudieren und Spieler wie den Ausnahme-Teenager Florian Wirtz kennenlernen, der wegen eines Kreuzbandrisses ein Jahr verloren hat.

Gegen Stuttgart glänzten erneut Flügelläufer Moussa Diaby, der bei seinem Sprint mit Ball, der in der 30. Minute zum 1:0 führte, fünf Stuttgarter abschüttelte wie lästige Blutegel. Und der gleichsam unermüdliche Jeremie Frimpong, der bei einem hinreißenden Konter eine Flanke von Diaby an die Latte setzte (63.).

Der nervlich strapazierte Innenverteidiger Jonathan Tah wiederum entschädigte sich selbst dafür, dass er die WM nur vor dem Fernseher verfolgen wird, indem er das überfällige 2:0 erzielte. "Wir haben zuvor viel an den Standards gearbeitet, und das hat beim zweiten Tor gut geklappt", sagte Alonso erfreut. "Ich war ein bisschen nervös" gab der Spanier zu, denn "das war heute ein gefährliches Spiel für uns nach dem emotionalen Sieg in Köln. Aber ich bin zufrieden mit der Leistung. Wir haben nicht den besten Fußball gespielt, aber hatten Kontrolle und haben das Spiel gearbeitet."

Dabei konnte man sehen, was es heißt, wenn Bayer 04 vier Stammspieler wie Wirtz, Schick, Aránguiz und Andrich fehlen - oder wenn der VfB sein Top-Trio Mavropanos, Silas, Endo und kurzfristig auch noch Flankenkönner Sosa (Pferdekuss) ersetzen muss. Das geht auf Dauer einfach nicht.

Beim VfB fallen die großen Entscheidungen nach einer US-Reise

Hinzu kommt beim VfB das Gezerre hinter den Kulissen, das oft genug auch außerhalb zu hören und zu spüren ist. Die Schwaben geben derzeit das Bild einer Sandburg ab, auf die die Flut zusteuert. Offen sind weiter zwei Kernpersonalien (Interimstrainer Michael Wimmer und Sportdirektor Sven Mislintat), dazu ist nicht klar, wie es eine Etage weiter oben weitergeht: Welche Rolle etwa Alexander Wehrle als Vorstandsvorsitzender spielt, dürfte sich erst offenbaren, wenn der Klub nach einem Amerika-Trip zurückkehrt.

"Das werden wir nach der Amerika-Reise entscheiden", ist derzeit die Lieblingssentenz von Wehrle und Wimmer - obwohl zwischen den Worten der Eindruck entsteht, dass die Entscheidung schon gefallen ist. Wehrle bestreitet dies: "Den Fahrplan haben wir gemeinsam vereinbart", sagte er in Leverkusen, "wir sprechen schon seit ein paar Wochen miteinander. Ich gehe nicht in Verhandlungen, um einfach nur so zu verhandeln, sondern am Ende wollen wir ein Ergebnis."

Eine Konsequenz hat Wehrle schon gezogen: Er erklärte, er habe einen lange geplanten Trip zur WM nach Katar storniert. Das hätte aber vermutlich auch nicht günstig ausgesehen, wenn man ihn bei Sandburgen in der Ferne gesichtet hätte, wenn doch jene daheim viel wichtiger ist.

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