Süddeutsche Zeitung

Leverkusen gewinnt 2:0:Kein Auge für die B-Note

Ein aberkanntes Tor weckt Leverkusen auf: Die harmlosen Aufsteiger von Union Berlin ermöglichen dem verunsicherten Werksklub ein Ende der Mini-Krise, lassen die wichtigste Frage an Peter Bosz' Team aber offen.

Fußball ist ein extrem kurzlebiges Geschäft geworden. Zwei Wochen und drei Spiele genügten, um Leverkusen von einem der heißesten Champions-League-Aspiranten in einen Klub ohne Plan B zu verwandeln, Blamage beim internationalen Comeback inklusive. Nach drei Bayer-Enttäuschungen in Serie (0:0 gegen Hoffenheim, 0:4 in Dortmund und, besonders grässlich, 1:2 gegen Lok Moskau) musste sich Trainer Peter Bosz fortwährend anhören, dass er mit seiner Idee vom Ballbesitzfußball auf Dauer alles zu sehr auf eine Karte setzen würde.

Bosz' Lehren aus den vergangenen Wochen: Er wies dem zuletzt überspielt wirkenden Innenverteidiger Jonathan Tah ebenso einen Platz auf der Bank zu wie dem Dribbelsprinter Karim Bellarabi. War das schon die Lösung? Union Berlin schien das mit einer dreisten Kopie des Lok-Moskau-Fußballs testen zu wollen: Die Gegner überließen Leverkusen den Ball und hofften offenbar, dass die Gastgeber wieder Torgeschenke verteilen würden wie am Mittwoch gegen die russische Elf. Berlin kam in der Anfangsphase angeblich auf 20 Prozent Ballbesitz, da hatten die Statistiker offenbar die Momente vor Abstößen oder Einwürfen großzügig mitgerechnet. Würde Bayer wieder an so einem Gegner scheitern?

Eine Viertelstunde lang sind nur die Berliner Fans erstklassig

Dass es um die Psyche der Werkskicker nicht ideal bestellt war, ließ sich anfangs gut daran erkennen, dass die Bälle lieber noch einmal nach hinten gespielt wurden als eventuell mit mehr Risiko nach vorne. Eine Viertelstunde lang ging das so, in dieser Zeit waren die (friedlichen) Fanaktivitäten im Düsenjet-lauten Berliner Block das Aufregendste, was die Partie zu bieten hatte.

Eine Szene, die in keiner Statistik auftaucht, änderte das in der 17. Minute. Nach der ersten feinen Kombination der Leverkusener über Kai Havertz und Lars Bender vollendete Ersatzmittelstürmer Lucas Alario die scharfe Hereingabe. Doch während Bayer jubelte, war klar, dass der Video-Assistent die Lupe (oder besser: die kalibrierte Linie) bemühen würde, denn Kevin Volland war beim Schuss direkt vor Union-Keeper Rafal Gikiewicz herumgehüpft - die Frage war, ob der Berliner Feldspieler Lenz noch näher zur Torlinie stand. Es war knapp, aber Volland stand ahndenswert im Abseits, also blieb es beim 0:0.

Aber nicht lange, denn nun war Bayer auf den Geschmack gekommen. Kaum hatten mehrere Berliner mal die Mittellinie überschritten, wurden sie ausgekontert. Eine scharfe Spieleröffnung von Amiri zu Kevin Volland nutzte dieser zu einem forschen Flügellauf. Den ersten Schussversuch konnte Christopher Trimmel noch blocken, doch Volland hatte kein Interesse, seinen Plan aufzugeben, und beim Nachschuss half ihm eine minimale Richtungsänderung durch den Berliner Verteidiger, um dem Ball eine tückische Schussbahn zu verleihen. Nun stand es also doch 1:0 (20. Minute).

Polters "dummes Foul" dezimiert Union

Die Reaktion der Berliner? Union spielte so weiter, als wäre auch dieses Tor aberkannt worden. Bayer hingegen drängte auf den Doppelschlag. Das gelang in einer Szene, die das Bosz-Mantra wenigstens zur Hälfte erfüllte: Nach einem verlorenen Ball spritzte Linksverteidiger Wendell in einen schlampigen Berliner Querpass, der ausgerechnet Routinier Christian Gentner unterlaufen war. Wendell gab gleich ab in die Spitze zu Lucas Alario, der nun 20 Meter vor dem Tor einige Optionen hatte, zwei Mitspieler standen besser postiert. Der Argentinier wählte die scheinbar schlechteste Variante, die seinem Trainer vermutlich nicht ganz so gut gefallen haben dürfte: Der Argentinier machte einen Schritt nach links und schoss aus dieser eher mittelprächtig verheißungsvollen Position aus 18 Metern - aber weil Union-Verteidiger Keven Schlotterbeck den Ball abfälschte, stand es in der 25. Minute 2:0. Das ärgerte Berlins Trainer Urs Fischer, der fand, sein Team habe in dieser Anfangsphase "alles vermissen lassen, was uns bisher ausgezeichnet hat". Obendrein habe seine Mannschaft "beide Tore quasi selbst aufgelegt".

Die Reaktion seiner Spieler? Union spielte weiter, als wäre auch das zweite gezählte Tor aberkannt worden. Ohne Tempo, ohne Präzision, ohne Mumm. In der Pause habe man sich noch einmal viel vorgenommen, "aber dann schwächen wir uns ein drittes Mal", wie Fischer enttäuscht resümierte: Stürmer Sebastian Polter sah nach einem Video-Beweis in der 66. Minute - nur fünf Minuten nach seiner Einwechslung - die rote Karte für ein rüdes Foul an Baumgartlinger. Polter "sieht da nicht so gut aus", sagte Fischer, "eine dumme rote Karte" - schon der dritte Platzverweis gegen sein Team am fünften Spieltag, das könne man sich in der Bundesliga nicht leisten.

Danach fügte sich der Gast in sein Schicksal, kam nur bei mutiger Zählweise zu einer halben Chance (Andersson, 85.). Leverkusen, das das 2:0 verwaltet hatte, begann erst in Überzahl, ernsthaft auf das 3:0 zu gehen - vielleicht auch, weil Peter Bosz seinen Spielern übermittelt hatte, "dass ich noch ein, zwei Tore sehen wollte". Auch Kai Havertz, der derzeit unter akutem Brandt-Blues zu leiden scheint, weil er seinen nach Dortmund abgewanderten Vorjahrespartner Julian Brandt vermisst, kam nun besser in die Partie, traf aber nur die Latte (84.). Insgesamt war Bosz trotzdem zufrieden: "Das einzige Ziel für dieses Spiel war ein Sieg, und der ist uns gelungen." Ein Auge für die B-Note gibt es dann wieder an anderen Tagen.

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Quelle:
SZ vom 22.09.2019
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