Leverkusen Als hätten sie gar nicht verloren

Leverkusen mag zwar öfter aufs Tor geschossen haben, aber halt nie so präzise wie hier Gladbachs Alassane Plea bei seinem Schuss zum 1:0.

(Foto: Ralf Treese/DeFodi.de/imago)

Obwohl Bayer im ersten Spiel unter Peter Bosz Mönchengladbach mit 0:1 unterliegt, geben sich Trainer und Spieler recht angetan.

Von Ulrich Hartmann, Leverkusen

Vor seinem Pflichtspiel-Debüt als Trainer von Bayer Leverkusen hatte Peter Bosz zwei seltsame Witze gemacht. Erst sagte er: "Wenn wir gegen Gladbach 8:0 gewinnen, dann liegt es nicht an mir, sondern daran, dass wir super Spieler haben." Anschließend sagte er auf die Frage, ob ihm die Borussia als Gegner besonders liege, weil er doch mit Dortmund damals gegen Gladbach seinen Rekordsieg von 6:1 gefeiert habe: "Ich hatte ja noch nicht so viele Bundesliga-Spiele, vielleicht war es deshalb bis jetzt nur ein 6:1."

Das war zwar in beiden Fällen weder hochmütig noch arrogant gemeint, Bosz wollte bloß ein paar Späßchen machen. Im Debüt gegen Gladbach kam es dann trotzdem ganz anders. Leverkusen schoss keine acht und keine sechs Tore, nicht mal drei, zwei oder eines. Leverkusen verlor 0:1.

Aus Bosz' Zeit in Dortmund ist bekannt, wie viele Falten der Niederländer auf seine hohe Stirn werfen kann. Bosz sieht seine Mannschaften gerne hoch verteidigen und schnell kontern. Mit Ajax Amsterdam ist ihm das einst derart gut gelungen, dass sie ins Endspiel der Europa League einzogen. Mit Dortmund klappte es anfangs blendend und am Ende gar nicht mehr, weshalb er dort nach nur einem halben Jahr schon wieder entlassen wurde.

Am Samstag in Leverkusen nun legte Bosz die Stirn früh wieder in Falten, als er eingestehen musste, dass diese Niederlage "ein Rückschlag" im Kampf um die Europapokal-Qualifikation war. Allerdings war Leverkusens Spiel abgesehen vom Ergebnis sogar durchaus ansehnlich gewesen; immerhin so ermutigend für die Spieler, dass sie hinterher gar nicht klangen, als hätten sie verloren. Der Mittelfeldspieler Kai Havertz etwa sagte bei Sky: "Ich komme mit dem neuen Trainer super klar, man sieht, was wir in den zwei Wochen dazugelernt haben, das sind tausend Dinge - wir haben vieles besser gemacht als in der Hinrunde."

Derart enthusiastisch klangen die Leverkusener nach Niederlagen nur selten. Die statistischen Werte schmeichelten ihrem Spiel tatsächlich: 128 Kilometer gelaufen, 64 Prozent Ballbesitz sowie 22:7 Torschüsse gegenüber Gladbach und 10:3 Ecken. Mit solchen Daten kann man auch mal klar gewinnen, mit viel Glück sogar 6:1. Aber gegen Gladbach wollte den Leverkusenern im Abschluss einfach nichts gelingen. Allein der Stürmer Kevin Volland scheiterte mehrfach an Yann Sommer, als seien Gladbachs Torwart und der Ball magnetisch miteinander verbunden. "Das letzte Mü hat gefehlt", klagte Volland über seine Chancenverwertung, "das war zum Teil auch einfach Pech."

Sogar Gladbachs Trainer Dieter Hecking - der sich über einen Sieg freuen durfte, weil Alassane Plea in der 37. Minute traf und Sommer zum achten Mal in dieser Saison ohne Gegentor blieb - lobte Leverkusen und Bosz' taktischen Ansatz hernach fast schon überschwänglich. "Peter wird seine Pläne mit dieser Mannschaft wunderbar umsetzen können", sagte Hecking, "das war phasenweise schon gut zu erkennen." Von solchem Lob bestätigt, blies auch Bosz selbst nicht allzu lange Trübsal, sondern wagte eine mutige Prognose. "Die Spieler haben gezeigt, dass sie diesen Fußball spielen können, ich habe da Vertrauen", sagte er, "und wenn die Mannschaft meine Spielweise erst richtig ausführt, wird es noch viel offensiver sein."

Hecking dürfte einen ganz guten Blick für die Voraussetzungen in Leverkusen haben, denn er spielt mit seinen Gladbachern haargenau das selbe System, ein 4-3-3 im Ziehharmonika-Modus. Aber so auseinandergezogen und offensiv das daheim ist, so defensiv ist es auswärts, flach zusammengepresst und auf Konter ausgelegt. Genau so agierten die Gladbacher nun auch in Leverkusen, eigentlich zu defensiv, zu ängstlich. Sie standen in der zweiten Halbzeit meist zu elft vor dem eigenen Tor, aber sie hatten Glück und bleiben nach dem dritten Auswärtssieg der Saison in der Tabelle den Dortmundern und Münchnern auf der Spur. Am Samstag empfangen sie Augsburg, und die ersten acht Heimspiele hat Gladbach allesamt gewonnen. Die Heimstärke ist ihr Trumpf im Kampf um eine internationale Platzierung.

Diesen Kampf will auch Bosz noch nicht verloren geben. Immerhin geht er ja davon aus, dass seine Mannschaft in Zukunft erfolgreichen Offensivfußball spielt. "Wir haben noch 16 Spiele, es sind noch viele Punkte zu vergeben, der Europacup ist immer noch möglich." Diese Ansicht teilt jener Mann, der zum Ende der Hinrunde trotz vier Siegen in den finalen fünf Pflichtspielen den Trainer Heiko Herrlich entließ und dafür Bosz holte: Rudi Völler. Leverkusens Sport-Vorstand vertraut ebenfalls darauf, dass Bosz sein System mit dem Vertrauen der Spieler weiter implementieren kann. "Ich bin davon überzeugt", sagt Völler, "dass wir in der Rückrunde noch viel Freude haben werden."