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Zum Tod von Ex-Fußballer Luque:Kein Stürmer für einfache Tore

Leopoldo Luque im WM-Finale '78: Auch damals schon mit schönem Bart.

(Foto: STAFF/AFP)

Argentiniens Weltmeister Leopoldo Luque ist nach Covid-Erkrankung verstorben. Als Angreifer musste er sich alles hart erkämpfen - seinen größten Triumph begleitete ein Schicksalsschlag.

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Vor ein paar Jahren stellte der schon damals einstige argentinische Stürmer Leopoldo Jacinto Luque in einem Interview fest, dass er im Laufe seiner Karriere ohne Abstauber-Tore ausgekommen war. Erstaunlich, meinte er, sei das nicht gewesen. Alles in seinem Leben habe einen Preis gehabt, insofern sei es nur logisch gewesen, dass er kaum einfache, sondern fast immer schwierige Tore hatte schießen müssen - anders als etwa der mittlerweile ebenfalls einstige Stürmer Martín Palermo, den sein früherer Trainer Carlos Bianchi einen "Tor-Optimisten" nannte, weil der Ball immer genau dort hinrollte, wo Palermo stand.

Luque hingegen, der am Montag verstorben ist, nachdem er wochenlang in seiner Geburtsstadt Santa Fe (400 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Buenos Aires) wegen einer Covid-Erkrankung im Spital lag, musste sich früher jede Szene erarbeiten. Er musste sich seine Tore erkämpfen, auch bei seinem größten Triumph, dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1978, zu dem er vier Treffer beisteuerte.

Eines dieser Tore war das wichtige vierte beim 6:0 gegen Peru, das Argentinien im Fernduell mit Brasilien ins Finale brachte - ein Kantersieg, um den sich Geschichten von Korruption und politischem Druck rankten. Unter anderem hatten der damalige argentinische Diktator Jorge Videla und der vormalige US-Außenminister Henry Kissinger vor der Partie die Kabine der Peruaner aufgesucht.

Die Argentinier benötigten einen Sieg mit vier Toren Unterschied fürs Finale, dort siegten sie dann 3:1 gegen die Niederlande. Auf Luques Gesicht war dabei der Schatten eines Veilchens zu sehen, das ihm der Brasilianer Óscar beim 0:0 in der zweiten Gruppenphase verpasst hatte. Das Finale spielte Luque dann mit blutverschmiertem Hemd zu Ende, ein Niederländer hatte ihn geschlagen.

Doch das alles waren harmlose Episoden - verglichen mit den Geschehnissen rund um das Gruppenspiel gegen Frankreich (2:1). Es geriet sogar zur Nebensache, dass Luque diese Partie mit einem ausgekugelten Ellbogen zu Ende spielte, weil das Wechselkontingent erschöpft war. Er provozierte gegen Frankreich einen Elfmeter und erzielte einen monumentalen Treffer von der Strafraumkante. Die Schmerzen ließ er betäuben, die Verletzung mit einer Armbinde versorgen. "Ich dachte, meine Angehörigen seien auf der Tribüne. Ich wollte nicht, dass sie sich sorgen", erzählte Luque Jahre später.

Doch seine Familie war gar nicht auf der Tribüne. Sondern sie versuchte an diesem Tag, eine Tragödie zu verarbeiten.

Luques Bruder Oscar, genannt Cacho, war in aller Herrgottsfrühe in Santa Fe aufgebrochen; ein Nachbar, ein Gemüsehändler, lud ihn in seinen Laster. Im Nebel stießen sie auf ein Fahrzeug, das in einer Kurve geparkt hatte - Cacho war sofort tot. Luques Vater entschied, die Tragödie vor dem Spiel gegen Frankreich zu verschweigen. Erst anderntags erzählte man Luque im Mannschaftshotel die Wahrheit. Der verließ das Quartier, nach Fußball stand ihm nicht mehr der Sinn.

Als sie aber mit dem Leichnam des Bruders im Auto auf dem Weg nach Santa Fe waren, hörten sie die Übertragung der Partie gegen Italien im Radio. Sie hörten, dass die Mannschaft eine Schweigeminute für den Bruder abgehalten und ein Banner auf den Platz getragen hatte: Leopoldo, wir warten auf Dich! Also kehrte Luque doch zum Team zurück - und küsste nach dem Finale den Pokal. "Ich kam mir vor wie ein Zombie. Um mich herum feierten alle und waren glücklich, und ich dachte an meinen Bruder."

Er war einer der wenigen Weltmeister, die sich mit den Müttern der Diktatur-Opfer trafen

Dies alles trug sich im Monumental zu, dem Stadion von Luques damaligem Verein River Plate - 1975, als er von River bei Unión de Santa Fe ausgelöst worden war, hatte ihn dort der Pförtner nicht erkannt. Auch zu seinem Heimatklub Santa Fe war er einst nur über Umwege gekommen. Als er ein Heranwachsender war, musterten sie ihn gleich zwei Mal aus und rieten ihm, sich einen anderen Beruf zu suchen, weshalb Luque weinend nach Hause lief. Sein Erstligadebüt feierte er dann bei Rosario Central, mit 23 Jahren. Seinen Schnäuzer, der wie eine Hommage an die mexikanischen Revolutionäre Pancho Villa und Emiliano Zapata wirkte, hatte er sich bei Unión Santa Fe stehen lassen. Aus Aberglauben.

Nach dem Ende seiner aktiven Karriere und Engagements in Mexiko und Brasilien war er kurzzeitig Profitrainer. Doch es erfüllte ihn mehr, für River Plate als Scout in der Provinz zu arbeiten, Kinder und Jugendliche zu trainieren. Luque sprach noch oft über die WM 1978, und auch wenn er vehement zurückwies, dass die Militärs den Titel gekauft hätten, war er doch einer der wenigen aus dem Kader, die sich später mit den Müttern der "Verschwundenen" , der Diktatur-Opfer, trafen.

"Wir hatten keine Ahnung", sagte er mal der Zeitung Clarín. Erst viel später habe er erfahren, dass Menschen aus Militärflugzeugen ins Meer geworfen wurden, dass Babys entführt, dass getötet und gefoltert wurde. Erst im Vorjahr, so lang dauerte seine Angst, offenbarte Luque, dass er 1979 selbst von Polizisten oder Militärs entführt worden war. Er habe auf offenem Feld nur auf das "pum!" der Knarre gewartet, die auf ihn gerichtet war - er wurde letztlich aber nur beklaut. Vielleicht hatten sie ja doch erkannt, dass sie Luque erwischt hatten, der 1978 zum "ewigen Helden" Argentiniens geworden war.

© SZ/mok/bek
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