Leon Draisaitl:Der lange Weg zur Anerkennung

Nashville Predators - Edmonton Oilers

Die nächste Galanacht: Viermal trifft Leon Draisaitl gegen die Nashville Predators, damit führt die Scorer-Rangliste in der besten Eishockey-Liga der Welt an.

(Foto: Mark Humphrey/dpa)

In den USA gilt Leon Draisaitl als Superstar, in seiner Heimat wartet der Eishockeyspieler auf die Würdigung seiner Leistung.

Kommentar von Gerald Kleffmann

Es gibt Neues von Cristiano Ronaldo: Der Portugiese, wird kolportiert, habe den Instagram-Account eines Fußballforums gesperrt, weil dieser seinen Marktwert in der italienischen Serie A als zu niedrig eingestuft habe, mit unerhörten 77 Millionen Euro. Auf Rang vier der teuersten Profis sei der Stürmer von Juventus Turin gelistet worden, ein Frevel! Da habe er ganz folgerichtig die Seite aus seinem Leben verbannt. Teurer ist er seitdem trotzdem nicht geworden, aber wenigstens kann Ronaldo mit einem rechnen: Wenn er den Finger hebt, und sei es nur, um ein Blockzeichen zu drücken, kriegt das die Welt mit. Von jener Wertschätzung, die er erfährt, können andere nur träumen. Manchmal reicht es ja nicht mal, vier Tore in einem global bekannten Sport zu erzielen, um ähnlich oft im Netz geklickt zu werden.

Leon Draisaitl jedenfalls hätte nach der deutschen Nacht auf Dienstag mal wieder alle Aufmerksamkeit verdient gehabt, klar, vier aufsehenerregende Treffer und einen Assist steuerte der Stürmer der Edmonton Oilers beim 8:3-Sieg gegen die Nashville Predators bei. In der Scorerwertung liegt der Kölner mit 107 Punkten auf Rang eins, das ist aller Ehren wert. Amerikanische Kommentatoren bezeichnen ihn wie selbstverständlich als "Superstar". Längst ist Draisaitl in der wahrhaftig besten Eishockeyliga, der NHL, eine Größe. Hierzulande indes tauchen seine Dienste eher in News-Schleifen und auf Nischenplattformen auf, und natürlich ist das ungerecht, wenn zum Beispiel Ronaldo für irgendwelche Alltagsaktivitäten mehr Schlagzeilen auslöst. Aber: Die Anteilnahme hat auch viel mit der Perspektive zu tun, aus der Menschen ihren Sport verfolgen. Eishockey ist kein Fußball. Und die USA bzw. Kanada sind weit weg. Klingt banal, aber das hiesige Medienverhalten ist nun mal immer noch auf Beliebtheit, Bekanntheit und Nahbarkeit ausgerichtet.

Zu beklagen, einer wie Draisaitl erhalte nicht die Anerkennung in der Heimat, die er verdient, ist vollkommen richtig. Aber eben auch erklärbar. Das deutsche Fernsehen berichtet kaum bis gar nicht über die NHL. Videoschnipsel im Internet muss man sich zusammensuchen. Streamingdienste kosten. Spiel folgt dort auf Spiel, wer steigt in der Ferne da noch durch. Man hat ja schon Probleme, dem immer weiter zerfaserten Spielplan der Fußball-Bundesliga zu folgen und wer dort was zeigt. Präsent im Alltag der Zuschauer zu sein, ist allerdings unerlässlich, um Sympathieeffekte zu erlangen. Deshalb räumen bei Sportler-des-Jahres-Wahlen auch meist jene ab, deren Leistungen immer wieder übertragen wurden oder die auf besondere Weise bei Großereignissen reüssierten, bei Weltmeisterschaften, bei Olympia. Biathleten, Triathleten, Schwimmer. Dirk Nowitzki musste bis zum NBA-Titel warten, ehe er in Deutschland tatsächlich einmal als bester Sportler berücksichtigt wurde.

Sich im hiesigen öffentlichen Bewusstsein zu verankern, ist nicht leicht, wenn man kein Fußballer ist, vor allem aber nicht, wenn man aus deutscher Sicht betrachtet nachtaktiv ist wie einst Nowitzki oder nun Draisaitl. Es dauert dann wesentlich länger mit der angemessenen Anerkennung. Aber eines ist klar: Vier Tore schaden nicht auf diesem Weg.

© SZ vom 04.03.2020
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