Gleich nach dem 6:0 gegen Österreich in Wien machte Christian Wück noch im Stadion eine Ankündigung. Sie war dem Bundestrainer wichtig, es ging schließlich um eine der zentralen Fragen der vergangenen Monate: Wird Lena Oberdorf knapp ein Jahr nach ihrem Kreuzbandriss im Juli zur Europameisterschaft mitreisen? „Ich will da schnell eine Entscheidung bekanntgeben“, sagte er und bekräftigte: „Das wird zeitnah passieren.“
Vor der Kadernominierung am 12. Juni, so viel verriet Wück, sollte Klarheit herrschen. Damit die Debatten nicht die Präsentation des 23-köpfigen Aufgebots im Europapark Rust überlagern. Aber schnell und zeitnah, das waren dann doch relative Beschreibungen einer Spanne, die kürzer ausfiel als erwartet. Kurz nach zwölf Uhr trudelte am Mittwoch eine Info des Deutschen Fußball-Bunds ein: „Lena Oberdorf zählt nicht zum Aufgebot für die EM 2025 in der Schweiz“, hieß es. Die Entscheidung sei vom Trainerteam „nach intensiver Auswertung der Trainingseindrücke der vergangenen Tage“ getroffen worden. „Sie ist auf einem guten Weg, aber die EM kommt zu früh für sie“, wird Wück zitiert: „Wir möchten ihr Zeit geben, um sich vollumfänglich vorzubereiten, und freuen uns, sie in der neuen Saison wiederzusehen.“

Irritationen bei den DFB-Frauen:Der Elefant in der Kabine
Vor den Nations-League-Spielen gegen die Niederlande und Österreich rückt die Kommunikation von Bundestrainer Wück in den Fokus. Damit verknüpft ist die Besetzung des Kaders – und die Frage, wie es mit Lena Oberdorf bei der EM weitergeht.
Dabei hatte Wück am späten Dienstagabend noch gemeint, er wolle erst analysieren und überlegen, was am meisten Sinn ergibt. Und natürlich mit Oberdorf sprechen. Die Entscheidung würde mit ihr, ihrem Verein FC Bayern und seinem Trainerstab gemeinsam getroffen werden. Das klang mehr nach Gesprächen, die angesichts des sensiblen Themas mit etwas Abstand und Ruhe geführt werden würden. Aber so effizient wie die Deutschen zuletzt ihre Torchancen genutzt hatten, so effizient scheint der Prozess in der Schlussphase gelaufen zu sein. Oberdorf selbst äußerte sich bisher nicht dazu. Die Enttäuschung aber dürfte groß sein nach monatelanger Reha für die rechtzeitige Rückkehr auf den Platz. Nun verpasst sie nach Olympia in Paris direkt das nächste Turnier.
„Es geht nicht nur um Obi. Es geht um die Mannschaft, die bei der EM lange dabei sein möchte“, sagt Bundestrainer Wück
Für das Nationalteam aber ist ein Dilemma aufgelöst worden: Oberdorf ist im fitten Zustand eine der weltbesten Mittelfeldspielerinnen, Wück hält viel von ihr, sie ist auch grundsätzlich so genesen, dass sie wieder mit den DFB-Frauen und zuvor beim FC Bayern trainieren konnte. Gespielt aber hat sie seit ihrer schweren Knieverletzung keine Minute. Die anfänglichen Überlegungen, ob sich das womöglich in den Nations-League-Partien gegen die Niederlande (4:0) oder gegen Österreich ändern könnte, wurden nach anfänglichen Irritationen zerschlagen, als ein entsprechender Beschluss von Oberdorf, DFB und FC Bayern bekannt wurde: Training ja, Einsätze nein. Der Klub hatte sich bereits während der Bundesliga-Saison skeptisch geäußert über eine EM-Teilnahme von Oberdorf, die nach ihrem Wechsel vom VfL Wolfsburg noch auf ihr Debüt in München wartet.

Dass damit für Oberdorf nicht die optimalen Voraussetzungen gegeben waren, um ihr 52. Länderspiel zu bestreiten und sich für die EM zu empfehlen, noch dazu auf einer so zentralen Position, war offensichtlich. Wück hatte schon durchblicken lassen, dass Oberdorf Tag für Tag ihre Form verbessert habe. Aber: „Wir merken trotzdem, dass sie in der einen oder anderen Situation schon noch sehr in ihren Körper, in ihr Knie reinhört. Und da vom Kopf her vielleicht noch nicht frei ist.“ Oberdorf ist mit ihrer athletischen Spielweise und einer harten Zweikampfführung darauf angewiesen, dass keine Zweifel in ihren Gedanken herumgeistern.
Und auch wenn es zwischendurch wirkte, als würde der Bundestrainer sie selbst bei der Aussicht auf keine Einsatzzeit mitnehmen wollen, scheinen am Ende neben der Gesundheit der 23-Jährigen die Argumente gegen ihre Nominierung überwogen zu haben. Denn eine nur bedingt einsetzbare Oberdorf mitzunehmen, hätte eben auch bedeutet, eine andere Spielerin daheim zu lassen. Je nach Turnierverlauf hätte das zu den nächsten Debatten führen können. „Es geht nicht nur um Obi“, sagte Wück. „Es geht um die Mannschaft, die bei der EM lange dabei sein möchte. Sie ist Teil einer funktionierenden Mannschaft.“
Wück scheint nach den Casting-Runden auch ohne Oberdorf eine Stammformation gefunden zu haben
Den Beleg dafür haben die DFB-Frauen in den vergangenen Tagen geliefert. Kapitänin Giulia Gwinn fand, die EM-Generalprobe sei „nahezu perfekt“ gelaufen. In beiden Partien setzten die Deutschen die Dauervorgabe, von Anfang an präsent zu sein, konsequent um. Gegen die Niederlande zeigten sie bis zum Schluss die erstrebte Konstanz, gegen Österreich eine enorme Effizienz. „Und jetzt hoffe ich, dass wir in diesem Flow direkt am 4. Juli weitermachen“, sagte Wück mit Blick auf den EM-Auftakt gegen Polen. Nach zehn Toren aus zwei Spielen ohne Gegentreffer sollte nicht vergessen werden, dass die Niederländerinnen ungewohnt harmlos auftraten und die überforderten Österreicherinnen nicht mithalten konnten. Es gab durchaus Szenen, die belegen, dass Steigerungen im Spielerischen und mehr Kreativität nötig sind, wenn es mit einem erfolgreichen Turnier oder gar dem neunten EM-Titel klappen soll.
Aber die Weiterentwicklung des deutschen Teams war ersichtlich. Ebenso, dass Wück nach den bis Dienstag anhaltenden Casting-Runden offensichtlich auch ohne Oberdorf eine harmonierende Achse und Stammformation gefunden hat, „mit vielen unterschiedlichen Charakteren, die sich gut ergänzen“. Inklusive kompetenter Vertreterinnen für Variationen. Im Tor Ann-Katrin Berger, davor als feste Mitglieder der Viererkette Kapitänin Gwinn, Co-Kapitänin Janina Minge und Rebecca Knaak. Im Sturm Lea Schüller mit ihren 52 Toren in 75 Länderspielen, dazu Linda Dallmann als Spielmacherin sowie Klara Bühl und Jule Brand auf den Außenbahnen. Im Zentrum haben sich Sjoeke Nüsken und Elisa Senß etabliert. Gegen Österreich haben zudem vor allem Sydney Lohmann (zwei Treffer) im Mittelfeld und auf dem Flügel Selina Cerci für sich geworben.
„Es gibt ein, zwei Positionen, über die wir uns noch Gedanken machen“, hatte Wück am Dienstagabend gesagt, „sonst sind wir eigentlich relativ sicher.“ Unmittelbar nach dem Österreich-Spiel wollte er deshalb in der Nacht noch fünf Gespräche führen. In den ohnehin kurzen Urlaub vor der am 19. Juni beginnenden Vorbereitung in Herzogenaurach sollten sich die Spielerinnen mit Klarheit verabschieden können. Sie sollen unbedingt im Flow bleiben.

